
Im vergangenen Jahrhundert gehörten Zigaretten zum Alltag. Geraucht wurde (fast) überall, und entsprechend war die Tabakindustrie in Deutschland ein bedeutender Wirtschaftszweig. Laut Daten von Destatis gab es 1951 in Westdeutschland 772 Betriebe in der Tabakindustrie, die mehr als 74.000 Menschen beschäftigten. Sowohl die Anzahl der Betriebe als auch der Beschäftigten ging im Laufe der Jahre immer mehr zurück. 1970 zählte Destatis noch 89 Betriebe mit 33.000 Beschäftigten.
Und selbst das waren noch die goldenen Zeiten. Ein großes Zigarettenwerk hierzulande, in dem auch Feinschnitt und neuerdings Vorprodukte für erhitzten Tabak hergestellt werden, betreibt nur noch der Camel-Hersteller Japan Tobacco International (JTI). In Trier gibt er 1200 Menschen Arbeit. 210 Mitarbeiter zählt ein Werk vom Lucky-Strike-Hersteller British American Tobacco (BAT) im bayerischen Bayreuth.
650 Beschäftigte von Reemtsma, einem Teil von Imperial Brands, im niedersächsischen Langenhagen müssen sich im kommenden Jahr indes einen neuen Job suchen. Das Werk wird geschlossen, die Suche nach einem Käufer blieb erfolglos. Marktführer Philip Morris, Hersteller von Marlboro, hatte schon im Sommer vergangenen Jahres seine letzten beiden Werke in Berlin-Neukölln und Dresden geschlossen.
Nikotinbeutel made in Germany
Umso überraschender ist daher die jüngste Ankündigung von Jorge Araya, seit Mai Deutschland-Chef von BAT: „Wir sind bereit, in Deutschland zu investieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, sagte er der F.A.Z. In diesem Fall geht es nicht um die Herstellung von Tabakzigaretten. Araya schwebt vor, Nikotinbeutel in Deutschland herstellen zu lassen. Falls die Rahmenbedingungen stimmten.
Noch stimmen sie nicht. Nikotinbeutel, die unter die Oberlippe geschoben werden, dürfen in Deutschland nicht verkauft werden. In den meisten Staaten der EU ist das anders. Gleichwohl sind sie auch hierzulande populär, nicht nur unter Jugendlichen, sondern auch unter älteren Rauchern, die so von der Tabakzigarette loskommen wollen. Araya schätzt den jährlichen Verbrauch hierzulande auf zwei Milliarden Beutel. Sie sind allesamt geschmuggelt oder werden von organisierter Kriminalität gefälscht. Mit allen möglichen Gesundheitsfolgen für die Verbraucher, die über das Nervengift Nikotin noch hinausgehen. Teenager berichten etwa von Zahnfleischverätzungen.
Dem Staat entgehen Steuereinnahmen von 500 Millionen Euro im Jahr
BAT mit seinen „Velo“-Nikotinbeuteln, die hauptsächlich in Schweden und Ungarn hergestellt werden, ist zusammen mit Philip Morris („Zyn“) führend. Araya sieht aber auch einen volkswirtschaftlichen Schaden, in dem Nikotinbeutel einzig der organisierten Kriminalität überlassen werden. „Wir schätzen, dass der Staat rund 500 Millionen Euro pro Jahr verliert. Innerhalb von fünf Jahren würde das also etwa 2,5 Milliarden Euro an Steuereinnahmen ausmachen“, sagt er.
Auf eine genaue Investitionssumme will sich Araya nicht festlegen lassen. „Was unsere Aktionäre erwarten, ist ein gemäßigtes, vorhersehbares regulatorisches Umfeld“, sagt der Konzernmanager: „Jede Investition in das verarbeitende Gewerbe, die wir gerne tätigen würden, erfordert diese Art von langfristigen Verpflichtungen. BAT macht keine kurzfristigen Geschäfte. In diesem Jahr wird BAT in Deutschland 100 Jahre alt. 100 Jahre schaffen wir Werte im Land und bauen unser Geschäft auf.“
Im Verdacht, mit seiner Investitionsankündigung nur inhaltslose Versprechungen zu machen, steht der BAT-Manager nicht. In Italien investiert der Konzern über den Zeitraum von fünf Jahren 500 Millionen Euro in die Fertigung neuartigen erhitzten Tabaks, der in Deutschland noch nicht erhältlich ist, wohl aber in Italien. Dort prangt auch die italienische Flagge auf den Verpackungen mit dem Hinweis „Prodotto in Italia“. In Italien habe BAT ein Klima einer auf „Fakten, Daten und Pragmatismus basierenden Regulierung“ vorgefunden, sagt Araya. Das Land ist auch für Mitbewerber Philip Morris ein wichtiger Produktionsstandort für erhitzten Tabak.
Die Debatte um alternative Nikotinprodukte, E-Zigaretten, erhitzten Tabak und eben Nikotinbeutel ist in Deutschland derweil durchaus emotional. So hieß es in einem Antrag Hessens auf der 99. Gesundheitsministerkonferenz, die im Juni in Hannover stattfand: „Wir schützen Kinder und Jugendliche vor Suchtprodukten, die mit trendigen Designs und süßen Aromen verharmlosend als modern angepriesen werden.“ Damit zielt das Bundesland Hessen, das im kommenden Jahr die Gesundheitsministerkonferenz ausrichten wird, offensichtlich auf E-Zigaretten und Nikotinbeutel.
Freilich ist es nicht ausgeschlossen, dass Araya sein Investitionsversprechen in die Tat umsetzen muss oder kann. Auch wenn im Referentenentwurf zum neuen deutschen Tabaksteuergesetz Nikotinbeutel noch nicht berücksichtigt sind, hält sich das Bundesfinanzministerium eine Hintertüre offen. „Soweit die überarbeitete Tabaksteuerrichtlinie (der EU) bei Verabschiedung eine Besteuerung von Nikotinpouches vorsieht, ist eine nationale Besteuerung solcher Produkte ebenfalls geplant.“ Das würde einen legalen Verkauf regulierter Produkte ermöglichen.
Und dadurch wäre womöglich auch eine deutsche Nikotinbeutelfabrik denkbar. Bislang stammen die Pouches von BAT vornehmlich aus dem Mutterland Schweden oder Ungarn und in geringerem Umfang auch aus Italien. Die einst blühende deutsche Zigarettenindustrie haben die meisten Konzerne derweil nach Osteuropa verlagert, insbesondere nach Polen und Rumänien.
