
Bundestagsabgeordnete fahren viel Bahn, deshalb dürfte die Stimmung im Verkehrsausschuss am Mittwochmorgen gegen halb neun schon geladen gewesen sein, als die Bahnchefin Evelyn Palla den Sitzungsraum betrat. Der bundesweite Zugausfall am späten Dienstagabend hatte schließlich auch einige Politiker getroffen. Zwei Stunden lang ging nichts mehr, erst nach Mitternacht konnte die Deutsche Bahn den Zugverkehr wieder aufnehmen. Einem fehlerhaften Software-Update sei Dank.
Das allein könnte Grund für eine Stippvisite bei den Parlamentariern sein, doch der eigentliche Anlass war deutlich größer: Seit vor zwei Wochen bekannt wurde, dass der Staatskonzern die Eröffnung des Infrastrukturprojekts Stuttgart 21 um mehr als fünf Jahre verschieben muss, herrscht Fassungslosigkeit in Bund und im Land. Jetzt sollte die Bahnchefin Rede und Antwort stehen, die im vergangenen November kurz nach ihrem Amtsantritt die Reißleine zog und erst einmal die Mitarbeiter der Revisionsabteilung in die zuständige Projektgesellschaft schickte.
Viele Abgeordnete sind verärgert
„Da gab es bei uns Grünen schon einige, die sagten: Na, da kommt ja genau die richtige Person in den Ausschuss – wenn auch eigentlich zu einem anderen Thema“, berichtete der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Tarek Al-Wazir, direkt nach der Sitzung im Interview mit dem F.A.Z. Podcast für Deutschland.
Die Gründe für die milliardenschwere Verschiebung sind dementsprechend nicht so leicht zu erklären wie ein fehlerhaftes Update. Inzwischen liegt ein interner Revisionsbericht vor, der noch eisern unter Verschluss bleibt. Trotzdem zeigt sich immer klarer ein Bild, nach dem an vielen Stellen falsch kalkuliert, falsch geplant und schlicht falsch gebaut wurde. Jetzt müssen Kabel neu verlegt und zentrale Technik nachgerüstet werden.
Erst Ende 2031 soll der lang erwartete Tiefbahnhof in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg eröffnet werden. Längst gilt Stuttgart 21, das nur noch als Stuttgart 31 firmiert, als Symbol nicht nur für die Krise der Bahn, sondern für das Scheitern eines ganzen Landes am eigenen Größenwahn der Politik und an chaotischen Zuständen in einem offenkundig überforderten Konzern.
Der digitale Knoten ist nicht die alleinige Ursache
Palla nannte den Abgeordneten mehrere Gründe für die erneute Verschiebung. Allen voran die anspruchsvolle Digitalisierung des Stuttgarter Bahnknotens, die deutlich herausfordernder sei als zunächst gedacht. Das Projekt Stuttgart 21 umfasst nicht nur den Bau des neuen Hauptbahnhofs in der Landeshauptstadt, sondern auch die komplette Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart. Gebaut werden neue Bahnhöfe, etwa ein neuer Fernbahnhof am Flughafen, dazu Dutzende Kilometer Schienenwege und Tunnelröhren, Durchlässe sowie Brücken.
Zudem hätten Planungsprozesse nicht den nötigen „Reifegrad“ gehabt. Will sagen: Aus Zeitgründen hat man einfach mal drauflos gebaut, ohne dass die Planungen vollständig abgeschlossen waren. Rund hundert Kilometer Kabel von 2800 Kilometern schon verlegten Kabeln sollen davon betroffen sein. „Manchmal ist der Druck Teil des Problems“, sagte Al-Wazir, der die Fehler auch bei der überehrgeizigen Politik sieht. „Teilweise sind Dinge eingebaut worden, obwohl die Pläne noch gar nicht fertig waren, weil man unbedingt die Sperrpausen, die lange angemeldet werden müssen, nutzen wollte.“
Außerdem gebe es Probleme mit einem Technikgebäude, das Insider als die „Herzkammer“ des Gesamtprojekts etwa für die Leit- und Sicherheitstechnik beteiligen und das schon 2013 fertiggestellt wurde und inzwischen aber nicht mehr dem aktuellen Bedarf entspricht. Deshalb muss es komplett neu geplant werden.
Und schließlich hat die Bahn zu spät auf Normänderungen bei der Stromversorgung reagiert, die sich im Jahr 2021 deutlich verschärft haben. Inzwischen ist es notwendig, dass auch im Fall von zwei voneinander getrennten, jeweils sehr unwahrscheinlichen Notfällen die Stromversorgung vollständig autark ist: wenn sowohl in der gesamten Region der Strom ausfällt und zusätzlich ein Zug im Bahnhof brennt.
Wie hoch die Mehrkosten durch die Verzögerung ausfallen werden, wollte Palla den Angaben zufolge am Mittwoch noch nicht sagen. Dies wird der zuständige Lenkungskreis, in dem auch das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart vertreten sind, am Freitag erfahren. Aber Al-Wazir rechnet mit deutlichen Zusatzkosten zu den bisher schon mehr als 11 Milliarden Euro.
Gebaut wird an dem Projekt bereits seit 2010. Die Inbetriebnahme war bereits mehrfach verschoben worden, zuletzt auf Dezember 2026. Bei Abschluss der Finanzierungsvereinbarung im Jahr 2009 war man von einer Eröffnung 2019 ausgegangen.
