Die gute Figur, die der Bundespräsident am 19. Juni in der Frankfurter Paulskirche machte, fand am Abend desselben Tages einen Wiedergänger in Axel Honneth. Beide Redner trafen auf ihre Weise den Ton, als sie im Gedenken an Jürgen Habermas ihr jeweiliges Nahverhältnis zu dem am 14. März dieses Jahres verstorbenen Philosophen produktiv ausspielten. Honneth trat bei dem Symposium auf, das im Anschluss an die Paulskirchen-Veranstaltung in der Frankfurter Universität Perspektiven auf Habermas warf. Unter dem Titel „Der normative Eigensinn des Anderen. Habermas im Dialog mit Adorno“ schilderte Honneth, wie Habermas in seiner Theorieentwicklung lebenslang auf Adorno Bezug nahm, sei es explizit oder in fiktiven Gesprächen, in die er sich „insgeheim eingespannt“ sah, wenn es etwa um die zukünftige Ausrichtung der Kritischen Theorie ging.
Es gelang Honneth, dem Publikum einen Begriff von der ganz eigenen Beziehung zwischen Habermas und Adorno zu vermitteln, einer Beziehung, die bei aller Pathosfeindlichkeit von Habermas doch von einer „tief empfundenen Zuneigung“ geprägt war, einer „tief verwurzelten Anhänglichkeit“, einer Bindung, die Habermas „zeitlebens nie preisgegeben hat“. Als solche hob sich diese Verbindung noch einmal ab von den verschiedenen sympathisierenden Nähen zu anderen Gelehrten, Honneth nannte hier Hans-Georg Gadamer und Wolfgang Abendroth, Ernst Tugendhat und Albrecht Wellmer. Auf Adorno habe Habermas sogar den Genie-Begriff gemünzt, vor dem er im Übrigen zurückschreckte. Eine philosophische Erwachsenheit, die ihre Kindheit festzuhalten vermag – das war laut Habermas das „Geheimnis seines“, Adornos „Genies“. Honneth ging so weit, Adorno eine lebenslange Elixier-Funktion für Habermas zuzusprechen, wie sie dann in der „nie verratenen“ Ausrichtung auf einen inneren Dialog mit Adorno sich niederschlug: „Wer die Triebkraft seines Werkes verstehen möchte, muss dieser unbedingten Treue Rechenschaft zollen. Nur als im ständigen Dialog mit Adorno verstrickt, lässt sich der Kurs, den die Habermassche Theorie über die Jahrzehnte hinweg genommen hat, angemessen nachvollziehen.“
Das Vermögen, sich selbst zu durchschauen
Als Beispiel nahm Honneth ein Close reading verkappter Adorno-Bezüge vor, soweit sie das Thema der Naturgebundenheit aller menschlichen Vernunft betreffen. So spreche Habermas im letzten Kapitel seines Buches „Erkenntnis und Interesse“, wo er sich mit Nietzsches Auflösung von Erkenntnistheorie in eine Perspektivenlehre der Affekte beschäftige, durch die Blume mit Adorno. Und noch im zweiten Band von „Auch eine Geschichte der Philosophie“ klingt der Rekurs auf Adornos/Nietzsches Affekttheorie der Erkenntnis an, in der Erwähnung vorwissenschaftlicher Bezüge, in denen jegliche Erkenntnisgewinne verwurzelt sein sollen. Gegen den harten Naturalismus, wie er etwa im Zusammenhang mit der Hirnforschung wieder auflebt, ging es Habermas um Fragen wie diese: Wie bringt eine zunächst als kausal determiniert gedachte Natur die dynamische leib-geistige Menschennatur hervor, ihre Lernfähigkeit noch im Animalischen? Wie lässt sich der Mensch so beschreiben, dass er zwischen Illusionen und validen Realitätsauffassungen epistemisch zu unterscheiden vermag? Das Vermögen behält, sich selbst zu durchschauen, sich von kausal wirkenden Abhängigkeiten zu befreien?

Fragen, die Honneth bei der Rekonstruktion des offiziellen oder informellen Habermas-Adorno-Austauschs wie im Vorübergehen profilierte. Es sind Fragen, die über wissenssoziologische Relevanzen hinaus elektrisieren, weil sie das Ringen zweier eminenter Denker, Habermas und Adorno, ums menschliche Selbstverständnis zeigen. Als diesbezüglicher Anhaltspunkt im genannten religionsphilosophischen Spätwerk, der eine Situierung des Menschen in der Einheit der Natur ermöglicht, führte Honneth ein Zitat auf Seite 747 an. Dort regt Habermas zur Perspektivenübernahme eines „weichen Naturalismus“ an, dem zufolge es gelte, „ein Konzept des Lernens zu entwickeln, das es uns erlaubt, animalische Lernprozesse als Vorgeschichte unserer soziokulturellen Lernprozesse bis tief in die Anfänge der organischen Natur zurückzuverfolgen“.
Nächtlings auf einer wunderschönen Dachterrasse
An Adorno arbeitete sich Habermas bis zuletzt mit Fragen wie diesen ab, ohne sie am Ende gelöst zu haben. Honneths Herleitungen sind aufregend, geben Auskunft über die Arbeitsweise von Habermas, seine Art, Inspirationen zu finden und ihnen zu folgen. Sie haben als Konzeptionen des Menschlichen politischen Eingriffs-Charakter bis hin zur KI-Thematik und entheben jedenfalls von dem Verdacht, man dürfe über Habermas im Grunde lediglich als Nachlassverwalter sprechen. Apropos: Das Haus in der Frankfurter Max-Horkheimer-Straße 2, ein Forschungszentrum der Goethe-Universität mit dem in großen Lettern überm Eingang prangenden Schriftzug „Normative Ordnungen“, dieses Haus hat eine wunderschöne Dachterrasse, auf der man, bequem sitzend, nach Ende des Honneth-Vortrags noch lange die tropische Nacht genießen konnte mit Skyline-Ausblick, angenehmen Gesprächen und anderen Köstlichkeiten. Die – von Honneth abgesehen – tendenziell exegetische Habermas-Tagung im Hinterkopf, organisiert und moderiert von Rainer Forst, Klaus Günther und Peter Niesen, sah man sich dort oben in der luftig entgrenzten Dach-Öffentlichkeit doch vor eine kognitive Dissonanz gestellt.
Ganz direkt gefragt: Wie passen die wuchtigen Buchstaben des normativen Geltungsanspruchs dieses Exzellenz-Clusters zusammen mit dessen höchst überschaubarem Eingriffs-Charakter? Wo macht sich unter der Dachterrasse der für Habermas zentrale Begriff einer dynamisch agierenden zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit fest? Was normieren die normativen Ordnungen im politisch-moralischen Raum gleichsam unter faktischem Ausschluss der Öffentlichkeit? Das sei nicht etwa im Affront gegen die tadellose Pressearbeit des Instituts gefragt, aber Habermas selbst hat eben nie über den Verteiler von Presseerklärungen gesprochen, er hat Debatten entfachende Schriften publiziert, in die er sich jeweils auf der Höhe einzelwissenschaftlicher Forschung eingemischt hat, man denke im erwähnten klandestinen Adorno-Zusammenhang an den Band „Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?“.
Solche Fragezeichen hatten das Zeug, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, vulgo: aufzumischen. Nie hatte Habermas es nötig zu rufen: Alle mal herhören! Ich erlasse gerade mal wieder eine für die politisch-moralische Öffentlichkeit höchst relevante normative Ordnung! Siehe mein Forschungsprojekt „Menschennatur“ und die dazugehörige Pressemitteilung N.O. 34/26 J.H. Ohne derartige Prätentionen normierte Habermas. Er schrieb und sprach einfach. Ein Buch, ein Essay nach dem anderen. Im Zweifel fragte man ihn, ob er zu einer bestimmten Frage etwas zu schreiben oder zu sagen hätte. Seine Stimme fehlte nicht nur nicht in den belangvollen gesellschaftlichen Debatten. Sie setzte sich dort auch durch, als Bezugspunkt für „Widerspruch und Kontroverse“, wie der Bundespräsident die argumentative Dreinrede von Habermas beschrieb.

Die Protagonisten der kosmopolitisch ausgreifenden „Normative Orders“ wissen natürlich um den spezifischen Öffentlichkeitsanspruch der Kritischen Theorie und zumal ihres Sachwalters Habermas. Zwar sprechen sie über diese normative Orientierung, beschwören den Eingriff. Aber sie greifen nicht wirklich ein. Sie produzieren Papiere. Der Paradefall eines performativen Widerspruchs, wenn man so möchte. Rainer Forst, Direktor von Normative Orders, teilt auf Facebook mit, Habermas habe die Idee eines politischen Intellektuellen gehabt, „von jemandem, der eingreift, der dann nicht als Wissenschaftler primär spricht, sondern als Mitbürger, der aber den Finger in die Wunden legt“. Besser kann man es kaum ausdrücken, was beim Ableben dieses eingriffsmächtigen politischen Intellektuellen den Bundespräsidenten auf den Plan ruft.
Wer etwas zu sagen hat, wird gehört
Habermas hörte man zeitlebens als Mitbürger an, der etwas zu sagen hatte, ohne seinen wissenschaftlichen Rang dabei auszuspielen. Welcher Nachzügler der Kritischen Theorie wäre heute in einer vergleichbaren öffentlichen Position? Im selben Facebook-Auftritt wird gemahnt, Habermas sei ein Vorbild, „das man nicht imitieren kann“ (Martin Saar). Das mag so sein. Aber ist das nun die Ausrede, um sich selbst den öffentlich wirksamen Eingriff abzuschminken? In seinem 2022 erschienenen Buch „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ lässt Habermas, versteht man ihn recht, solche Ausreden nicht gelten. Für ihn gilt: Wenn jemand etwas zu sagen hat, wird er auch gehört.
