Weil es in der ersten Woche der Fußball-Weltmeisterschaft nicht nur in New York City immer wieder um amerikanischen Basketball gegangen ist, soll es auch in dieser Kritik der Fußball-Weltmeisterschaft noch mal um amerikanischen Basketball gehen. Dort sagt man: Eine Play-off-Serie hat nicht begonnen, bis eine Mannschaft ein Auswärtsspiel gewonnen hat. Im Fußball könnte man sagen: Eine WM hat nicht begonnen, bis ein Favorit ausgeschieden ist. Womit man dann schon bei der großen Gefahr wäre, die die bisher größte WM birgt: Bis sie beginnt, könnte es wirklich lange dauern.
Es gibt Gründe, sehr gute sogar, warum eine WM mit 48 Mannschaften ein Gewinn ist. Sie ist, wie Männerfußball auch ansonsten sein sollte: diverser und inklusiver. Diese Gründe gelten deswegen auch dann, wenn man glaubt, die eigentlichen zu kennen, aus denen der internationale Fußballverband seine wichtigste Veranstaltung vergrößert hat (mehr Geld für die FIFA-Mitgliedsverbände = mehr Stimmen für den FIFA-Präsidenten). Und ist es nicht trotz Gianni Infantino, trotz Donald Trump, trotz der Welt, für die sie stehen, irgendwie schön zu wissen, dass die Welt nun weiß, wer Vozinha ist, der Torhüter von Kap Verde, der in seinem Strafraum die Invasoren aus Spanien aufgehalten hat?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Doch selbst die, die sagen, dass die WM mit mehr Mannschaften etwas gewonnen hat, können nach der ersten Woche kaum leugnen, dass auch etwas verloren gegangen ist. Und die große Gefahr ist, dass sich durch diesen Verlust etwas Wesentliches verändert.
Das Wesen der WM drückt sich darin aus, dass schon im ersten Spiel etwas auf dem Spiel steht. Dass Team Deutschland gegen Team Mexiko verliert und die Spieler, die vor vier Jahren Weltmeister geworden sind, danach so verunsichert sind, dass sie in der Vorrunde ausscheiden. Doch dadurch, dass mit dem neuen Modus nun auch acht von zwölf Gruppendritten in die K.-o.-Runde kommen, ist es für die Spanier verkraftbar, dass sie erst einmal von Vozinha aufgehalten worden sind.
Der Wert eines Spiels muss unantastbar sein
Denn selbst wenn sie an diesem Sonntag im zweiten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) wieder nicht gewinnen würden, stünden die Chancen weiterhin gut, dass sie es mit einem Sieg im dritten Gruppenspiel gegen Uruguay ins Sechzehntelfinale schafften. Das fühlt sich nicht nur falsch an, das ist auch falsch.
Der Wert eines Spiels ist unantastbar. So müsste der erste Artikel des WM-Grundgesetzes lauten, wenn es ein WM-Grundgesetz gäbe. Doch weil es das nicht gibt, muss die Fußball-WM aufpassen, dass sie nicht in das Dilemma gerät, in dem der amerikanische Basketball schon ist. In der NBA, in der die Besten der Welt spielen, ist der Bedeutungsverlust des einzelnen Spiels in der Hauptrunde mit 82 Partien pro Team so groß geworden, dass alle etwas tun müssten, aber keiner etwas tun will, weil weniger Spiele weniger Geld bedeuteten.
Das sollte eine Warnung sein für die FIFA, die in Amerika die Amerikanisierung des Fußballs fortsetzt. Denn nachdem sie durch die Trink- und Werbepause den Fluss des Spiels und damit dessen besonderes Merkmal aufgegeben hat, drohen ihr nun mindestens auch in der Vorrunde amerikanische Verhältnisse: weil es schon bei dieser WM ein bisschen egaler geworden ist, wie ein Spiel ausgeht.
