
Will man von der Gelsenkirchener Innenstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell in Richtung Norden gelangen, dann muss man gegenüber dem Hans-Sachs-Haus erst einmal in die Tiefe steigen. Die Stadt, die als eine der ärmsten Deutschlands gilt, hat zwar keine echte U-Bahn, dafür aber eine Stadtbahn, die über weite Strecken unterirdisch verläuft. Um kurz vor acht füllt sich die Linie 301 mit Schülern der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (EGG).
Der Niedergang der Montanindustrie traf die Stadt hart. In den Achtzigerjahren setzte ein atemberaubender Bevölkerungsschwund ein, 1996 kam Bismarck, benannt nach einer längst stillgelegten Zeche, in einer Geschichte des Magazins „Stern“ über niedergehende Stadtviertel in Deutschland vor. Der Titel lautete: „Wer hier lebt, hat verloren“. Die Stimmung im Viertel verbesserte sich nicht, als es im Rahmen der Osterweiterung zu einem immensen Zuzug von EU-Ausländern kam, die sich in den freien Häusern und Wohnungen niederließen. Noch heute gibt es Straßen, in denen man kein Deutsch können muss, um sich zu verständigen. Im Jahr 2026 kommen durch Nachzug und Fluchtbewegungen jede Woche knapp zehn Kinder hinzu, die beschult werden müssen. In der Planung befinden sich drei weiterführende Schulen und mehrere Grundschulen, wie die Stadtverwaltung mitteilt.
Ambitionierte Architektur
Steigt man an der Haltestelle Bismarckstraße aus, sieht man auf dem Weg zur EGG von den vielen Schrottimmobilien, die es in dem Quartier trotz einer Abbruchoffensive der Stadt immer noch zuhauf gibt, erstaunlicherweise kaum etwas. Zunächst kommt man an einer Art Reiterhof und an einem Spielplatz vorbei, in der Laarstraße dominieren dann verklinkerte Reihenhäuser. Nur die Stromkästen tanzen aus der Reihe. Sie sind durchweg schreiend mit Schalke-Farben und -Sprüchen besprüht – nur wenige Kilometer entfernt liegt die Arena des mehrmaligen deutschen Meisters, der gerade wieder in die erste Liga aufgestiegen ist.
