
Wer mit der Deutschen Bahn fährt, hat gelernt, bescheiden zu sein. Wenn man heute auf einem bestimmten Platz sitzen möchte, zahlt man für die Reservierung fast das Vierfache von dem, was man vor zwanzig Jahren gezahlt hätte. Eine bescheidene Zusatzleistung für Reisende, die im ICE nicht dem Zufall überlassen wollten, auf welchem Platz sie die nächsten Stunden verbringen.
Denn wer bei der Deutschen Bahn eine Fahrkarte kauft, hat nicht unbedingt Anspruch auf einen Sitzplatz. Anders als etwa in Frankreich, Spanien oder Italien, wo eine Sitzplatzreservierung in Fernzügen im Ticket mit inbegriffen ist, kostet diese bei der Deutschen Bahn extra. Das heißt im Extremfall: Man muss für seine teure Fahrkarte dann mehrere Stunden im überfüllten Zug stehen.
Sitzplatzreservierungen haben sich überdurchschnittlich verteuert
Noch im Jahr 2007 kostete eine Sitzplatzreservierung 1,50 Euro – der Preis stieg seitdem in fast jedem Jahr. Einmal, im Januar 2020, sank der Preis kurz – von 4,50 auf 4,00 Euro. Doch das war keine Großzügigkeit des Konzerns, sondern eine Entscheidung des Bundes: Die Mehrwertsteuer auf Fernverkehrstickets fiel von 19 auf sieben Prozent. Die Bahn reichte die Ersparnis durch. Zweieinhalb Jahre später begann der Preis wieder zu steigen. Das Ergebnis bis heute: 5,50 Euro, eine Steigerung von 267 Prozent über 20 Jahre. Die allgemeinen Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um 41 Prozent zu. Die Fahrpreise des Konzerns selbst auch – knapp 40 Prozent. Nur die Reservierungsgebühr hat sich von alledem längst verabschiedet.
Dass es preislich auch anders geht, zeigen unsere Nachbarländer. In Österreich kostet eine Sitzplatzreservierung drei Euro, um denselben Betrag dreht es sich auch in der Tschechischen Republik. Nicht umsonst buchen findige Bahnreisende Sitzplatzreservierungen über die Bahn-Seiten der Nachbarländer: Dann kann man zwar keine konkreten Sitzplätze auswählen, aber zahlt zumindest 2,50 Euro weniger.
Rückkehr der Familienreservierung durch die Hintertür
Dazu gab es auch indirekte Preiserhöhungen. Wie emotional aufgeladen das Thema ist, zeigte sich im Vorjahr an der Abschaffung der Familienreservierung. Mit ihr konnten bis zu zwei Erwachsene und drei Kinder für 10,40 Euro fahren. Seitdem sind für dieselbe Personengruppe 27,50 Euro fällig. Für Hin- und Rückfahrt sind das 55 Euro statt früher 20,80 Euro. Das wurde heftig kritisiert, auch von der Politik. Die Bahn argumentierte damals, dass die Vergünstigungen für die Familien oft von Freizeitgruppen, Skatrunden oder Kegelclubs auf ihren Freizeitfahrten genutzt wurden, ohne dass Kinder im Schlepptau waren.
Die Bahn reagierte zumindest für die Sommermonate indirekt auf die Kritik. Für 59,99 Euro für die einfache Fahrt respektive 99,99 Euro für Hin- und Rückfahrt verkauft die Deutsche Bahn im Rahmen einer befristeten Sonderaktion Familientickets, bei denen die Sitzplatzreservierung im Preis mit inbegriffen ist. Der Buchungszeitraum ist der 14. Juni bis zum 12. September, Reisen müssen zwischen dem 26. Juni und 14. September stattfinden.
Auch mit Sitzplatzreservierung kann es zu Problemen kommen
Wie viele Sitzplatzreservierungen die Bahn genau verkauft, möchte das Unternehmen nicht verraten: „Die Anzahl der verkauften Sitzplatzreservierungen gehört für uns zu den wettbewerbsrelevanten Daten, daher können wir sie leider nicht herausgeben“, teilte eine Sprecherin des Konzerns auf Anfrage der F.A.Z. mit. Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) oder der Fahrgastverband Pro Bahn haben dazu keine eigenen Zahlen oder Schätzungen vorliegen.
Wer nun hofft, dass man mit einer Sitzplatzreservierung aller Probleme ledig ist, der hat sich getäuscht. Die Gründe dafür sind zahlreich: Der Waggon kann fehlen oder gesperrt sein. Es kann ein anderer Zug eingesetzt werden oder gar ganz ausfallen. Vielleicht hat er aber auch so viel Verspätung, dass sich die Reise nicht mehr lohnt. Oder man hat den Anschlusszug verpasst.
Erstattung ist nicht immer einfach möglich
Doch genau dann kann es kompliziert werden. Einfach ist es noch, wenn Bahnticket und Reservierung gemeinsam gebucht werden, wie eine Bahnsprecherin erklärt: „Die Erstattung einer Sitzplatzreservierung ist dann digital über unser Tool auf bahn.de oder im DB Navigator möglich, wenn für beides ein Entschädigungsanspruch vorliegt.“ Wenn man 5,50 Euro für die Sitzplatzreservierung bezahlt hat und umgebucht wird, etwa weil ein anderer Zug fährt, bleibt man auf den 5,50 Euro sitzen. Wer dann am Gang statt am Fenster sitzt oder keinen Tisch hat, kann sich die Reservierung nicht erstatten lassen: „Die Sitzplätze haben alle die gleiche Bepreisung, da gibt es abgesehen von individuellen Vorlieben keine unterschiedliche Wertigkeit“, sagte eine Bahnsprecherin.
Komplizierter wird es, wenn der Zug mehr als 20 Minuten Verspätung hat und dann die Zugbindung aufgehoben ist. Nimmt man einen anderen früheren Zug, um den Zielort vielleicht noch pünktlich zu erreichen, ist die Sitzplatzreservierung dann verloren. Ähnlich gelagert ist das Problem, wenn man sich zuerst ein Ticket bucht und später noch eine Sitzplatzreservierung dazu. In beiden Fällen ist dann eine Erstattung über das Onlineformular nicht mehr möglich.
Tatsächlich muss die Reservierung per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte geschickt werden, oder man muss zu einem Reisezentrum gehen. Ein Prozess, der lange dauert und den wohl viele scheuen. Die Bahn-Sprecherin verspricht aber: „An einer Onlinelösung auch für diesen Fall arbeiten wir.“ Genau darauf drängt zum Beispiel der VCD: So heißt es dazu von Alexander Kaas Elias, der sich beim VCD um die Themen ÖPNV und Bahn kümmert: „Wenn die Deutsche Bahn Reservierungen kurzfristig storniert oder Reisende ihre reservierten Plätze nicht nutzen können, weil sie wegen einer Zugverspätung den Anschluss verpassen, sollte die Entschädigung schnell und unkompliziert erstattet werden. Das ist der Mindeststandard im digitalen Zeitalter.“
