In dem Hörsaal der Farrell Hall auf dem Campus der Wake Forest University, in dem die Pressekonferenzen des Deutschen Fußball-Bund (DFB) während der WM stattfinden, sind auf dem Podium, auf dem die Nationalspieler Platz nehmen, kleine Bildschirme angebracht, auf denen der Name steht.
Vorstellen musste man den Spieler, der am Donnerstagmittag dort Platz nahm, eigentlich nicht mehr, schließlich spielt er gerade seine fünfte Weltmeisterschaft. Dennoch stand auf dem Bildschirm: „Manuel Neuer“.
Was ist Aura, Herr Neuer?
Es hätte nur ein bisschen verwundert, wenn dort einfach „Aura“ gestanden hätte, so häufig wurde der Begriff in den vergangenen Wochen synonym für den inzwischen 40 Jahre alten Torwart Neuer verwendet, den Julian Nagelsmann für die WM in seinen Kader zurückgeholt hat.
Als „Jugendwort des Jahres 2024“ – das Jahr, in dem Neuer seine Karriere in der Nationalelf eigentlich schon beendet hatte – erlebte „Aura“ eine sprachliche Renaissance. Zwei Jahre später ist nicht nur Neuer wieder ein Thema in der Fußballwelt, auch seine „Aura“ ist eines.
Wer nicht zur Gen Z, sondern zu den Millennials oder gar den Boomern gehört, dem sei die Frage gestattet: Was ist Aura, Herr Neuer? „Das müssen Sie sagen, ich bin ja gerade in den Raum gekommen“, sagt Millennial Neuer, Jahrgang 1986. Humor gehört ganz offenbar auch dazu.
Ansonsten definierte Neuer Aura mit dem Erscheinungsbild, der Körpersprache und positiver Energie. Grundsätzlich sollen die jüngeren Mitspieler durch die Neuer-Aura das Gefühl haben: „Da ist noch jemand da, auf den kann ich mich verlassen.“
Den Weg, dass da wieder jemand, er, da ist, auf den sich die Nationalspieler verlassen können sollen, zeichnete Neuer erstmals, seit Nagelsmann am 21. Mai sein WM-Aufgebot mit Neuer bestätigte, nach. Mit dem degradierten Oliver Baumann sprach er schon beim Trainingslager in Herzogenaurach ausführlich. „Wir haben uns ausgetauscht, wie es dazu gekommen ist, wir haben wirklich offene Worte gefunden, wir haben ein sehr gutes Verhältnis.“
Nun sprach Neuer von der „tollen Heim-EM“ mit dem „ärgerlichen Ausgang“ und der „richtigen Entscheidung“ zum Rücktritt. Ein Weitermachen bis zur WM beim FC Bayern und im DFB-Team hätte sein Körper wohl eher nicht verkraftet: „Ich denke, dass die zwei Jahre eine zu hohe Belastung für mich gewesen wären.“
Im Frühjahr war Neuer wieder verletzt, ein Muskelfaserriss hinderte ihn. Danach wollte er „erstmal Leistung zeigen“. Anschließend habe er Kontakt mit dem Bundestrainer gehabt; Neuer sagte Nagelsmann, wie er sich fühle.
Der Bundestrainer wollte wissen, ob „ich regelmäßig trainiere, ob ich Pausen machen muss, ob ich für ein Turnier auch fähig bin, das durchzuspielen.“ Eine berechtigte Frage, wie die Wadenblessur, die Neuer von kurz nach dem Ende der Bundesliga-Saison bis zum WM-Auftakt gegen Curaçao aus dem Spiel nahm.

Dort stand er, in Houston, nach fast zwei Jahren wieder im Tor der Nationalmannschaft, bei seiner fünften WM. An diesem Samstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF oder bei Magenta TV) gegen die Elfenbeinküste lässt er mit seinem 21. WM-Spiel den Franzosen Hugo Lloris als den Torhüter mit den meisten WM-Einsätzen hinter sich.
„Es ist für mich ein absolutes Geschenk, nochmal dabei zu sein“, sagt Neuer am Donnerstag. Um womöglich sogar noch ein zweites Mal Weltmeister zu werden? „Ich traue es der Mannschaft auf jeden Fall zu, sonst wäre ich nicht hier.“
Und nach der WM ist er wieder weg? Endgültig? „Für mich steht im Prinzip fest, dass das mein letztes Turnier ist“, sagt Neuer. Er habe nicht vor, in zwei Jahren bei einer Europameisterschaft zwischen den Pfosten zu stehen. „Ich möchte mich mit nichts in dieser Richtung beschäftigen, weil ich nach vorne schaue, mich auf alle Spiele freue und nicht an irgendeinen Abschied von einem besonderen Trikot denke.“
