Im Politischen ist es üblich, die eigene Sache negativ über die des Gegners zu definieren. Auf der rechten Seite reicht die Skala der Ablehnung von harmlosen Rote-Socken-Kampagnen bis zu Verfolgungen wie in der McCarthy-Ära, von der Diagnose eines linken Zeitgeistes bis zur Illusion einer globalistischen Weltverschwörung. Der Übergang von Strategie zu Wahn ist hierbei fließend, wie der englische Ideengeschichtler A.J.A. Woods darlegt. In „The Cultural Marxism Conspiracy“ untersucht Woods die jüngere Geschichte des Kampfbegriffs „Kulturmarxismus“, der seine Wurzel im „Kulturbolschewismus“ der Nationalsozialisten hat und in der gegenwärtigen US-Politik ganz selbstverständlich verwendet wird.
Woods geht es nicht darum, politische Sprechweisen zu entlarven, sondern die historische Genese eines politischen Motivs nachzuverfolgen, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Rändern in die Mitte der Macht gewandert ist. So absurd die Fiktionen sind, von denen das Buch handelt, beinahe noch unglaublicher ist die Geschichte ihrer Entstehung, die der Autor im Anschluss an Gramscis Methode der konjunkturalen Analyse rekonstruiert: In die Kleinstgraben der politischen Fronten steigend, setzt das Buch im New York der Sechzigerjahre ein, wo linke Politorganisationen sich umso verbissener bekriegten, je weiter weg sie vom Mainstream lagen.
Der Kampfbegriff hat seine Ursprünge in linken Sektenkämpfen
Denn es war eine linke Sekte, die den Begriff des Kulturmarxismus im Kampf gegen ebenfalls linke Gruppen erstmals auskramte. Sie verstand darunter eine unproletarische, konterrevolutionäre Ideologie, die das Ziel verfolgt, soziale Emanzipation zu hemmen. Dem schillernden trotzkistischen Guru Lyndon LaRouche war der Radikalismus seiner Kommilitonen unsympathisch. Er denunzierte die politisch Bewegten als Quasifaschisten, machte dafür aber paradoxerweise die Kritische Theorie verantwortlich, die in Bezug auf studentischen Aktivismus eigentlich ähnliche Positionen vertrat (man denke an Habermas und den „Linksfaschismus“). Mit Herbert Marcuse hatte LaRouche den Feind an der Columbia Universität direkt vor der Nase. Marcuse war bei den Studierenden beliebt, die den Revolutionstheorien LaRouches nicht folgen wollten. Das konnte nur bedeuten, dass Marcuse sie manipulierte – und Teil eines größeren Komplotts war.

So entlegen es zunächst klingen mag: Die Idee geheimer Aktivitäten von Kritischen Theoretikern war insofern nicht völlig fiktiv, als dem Institut für Sozialforschung assoziierte Wissenschaftler dem OSS, einer Vorgängerorganisation der CIA, während des Zweiten Weltkriegs bei der sozialpsychologischen Feindaufklärung behilflich waren. Erfunden jedoch war die Ansicht, die Kritische Theorie habe im Exil gemeinsam mit der britischen Queen an der Errichtung eines „Rockefeller Faschismus“ gearbeitet. „Die verschiedensten Vorwürfe über die Frankfurter Schule durchzogen die Seiten der LaRouche-nahen Zeitschriften: Marcuse hatte Angela Davis in ein CIA-‚Zombie‘ verwandelt, Adorno die Sex, Drugs and Rock & Roll-Gegenkultur der 1960er geplant und Horkheimer das Konzept der ‚Autoritären Persönlichkeit‘ erfunden, um die judeo-christliche Zivilisation zu unterminieren.“
Was im Nahkampf der Linken Verwendung fand, trat bald auch im Rest des politischen Spektrums auf. In den späten Achtzigern fanden LaRouches Wahnsinnsnarrative über die Kritische Theorie Eingang in das Denken konservativer Kreise. Der „Kulturmarxismus“ passte in die Kulturkriege dieser Zeit. Auf einen nicht bloß eingebildeten Strukturwandel seit 1968 reagierend, intervenierten traditionsorientierte Intellektuelle gegen sich besonders an den Universitäten etablierende Kulturen der Rücksichtnahme. Über „die wachsende Hegemonie der politisch Korrekten“ berichtete 1990 sogar die liberale „New York Times“. Solche Zusammenhänge darstellend, erinnert Woods’ Buch daran, wie wenig der Streit um Sprachregelungen eine Erfindung der Gegenwart ist.
Weltweite Verwendung als politisches Schlagwort
Zugleich wandelte sich gegen Ende des letzten Jahrtausends auch das rechte Lager. Populistische Pioniere wandten sich der weißen Arbeiterklasse zu und bildeten innerhalb der republikanischen Partei eine antielitäre Opposition gegen die dominante Gruppe der Neocons. Der „Paläokonservatismus“, wie dieser neurechte Widerstand genannt wird, ist als Wurzel des Trumpismus etwas in Vergessenheit geraten. Schon für die Erinnerung an seine latent antisemitische Dimension (viele Neokonservative waren jüdischer Abstammung) lohnt sich „The Cultural Marxism Conspiracy“. Orientiert am Schicksal eines konkreten Ideologems, erhält man aber auch darüber hinausgehende Einblicke in die jüngste Bewegungsgeschichte der Rechten in den USA. Wer sich etwa fragt, woher die Medienaffinität des neonationalistischen Lagers stammt, kann bei Woods die technische Genealogie der anti-„kulturmarxistischen“ Propaganda nachverfolgen, die von Talk-Radio über VHS und Satellit bis hin zu Internet-Outlets wie „Breitbart“ reicht und heute in Tiktok und Podcasts mündet.
Die Perspektive des Buches ist jedoch keineswegs auf die USA beschränkt. In zwei Fallstudien zeigt Woods zuletzt die internationale Verbreitung des Feindbilds vom „Kulturmarxismus“. So sprach Jair Bolsonaro, der verurteilte Ex-Präsident Brasiliens, in seinem Wahlprogramm 2018 vom Bündnis des „Marxismo Cultural“ mit den korrupten Eliten. In Großbritannien führte Nick Griffin, ehemaliger Vorsitzender der „British National Party“, den Kampfbegriff bereits in den frühen Zweitausenderjahren ein, den später auch respektablere Abgeordnete der konservativen Partei benutzten, worin das „Board of Deputies of British Jews“ die Verwendung einer „antisemitischen Trope“ erkannte.
An Woods’ Buch ist einzig zu bemängeln, dass Darstellung und Kritik nicht immer sauber getrennt sind. „The Cultural Marxism Conspiracy“ ist dennoch eine empfehlenswerte Lektüre, da dem Leser gestattet wird, die absonderlichen Perspektiven der untersuchten Milieus einzunehmen. Es reiht sich ein in die Studien von John Ganz („When the Clock Broke“) und Gabriel Gatehouse („The Coming Storm“), die sich von ihrem Blick auf die politischen Ränder Einsichten für die Entwicklung der amerikanischen Politik im Allgemeinen versprechen. Mit Gatehouse gesprochen: Never ignore the weird guy.
A.J.A. Woods: „The Cultural Marxism Conspiracy“. Why the Right Blames the Frankfurt School for the Decline of the West. Verso Books, London 2026. 256 S., geb., 21,25 €.
