Die Tage der deutschsprachigen Literatur, eine von Beginn an außergewöhnliche und in heutiger Zeit immer außergewöhnlicher werdende Veranstaltung für Literaturkritik mit Publikum, beginnen eigentlich erst kommende Woche in Klagenfurt zum fünfzigsten Mal. Aber im Grunde haben sie schon am Mittwochabend in der österreichischen Botschaft in Berlin begonnen.
Dort nämlich gab es ein Jubiläumsprogramm mit vielen Facetten: Lesungen von Bachmann-Gedichten, ein Gespräch mit der Regisseurin Regina Schilling über ihren in wenigen Tagen im Kino anlaufenden Film „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ mit Sandra Hüller, und vor allem eine interessante Podiumsdiskussion.
Eine unzumutbare Veranstaltung?
Der Film ist seinerseits außergewöhnlich, denn er mischt Dokumentaraufnahmen mit Fiktion, wobei Schilling ausdrücklich betonte, dass Sandra Hüller Ingeborg Bachmann darin „nicht spiele“, auch wenn es manchmal so wirken möge. Schilling hatte auch sonst viel Interessantes zur Wahrnehmung Ingeborg Bachmanns zu sagen, die nächste Woche hundert Jahre alt geworden wäre: Vor allem erstaune sie, so die Dokumentarfilmerin Schilling, dass Bachmann oft nur für ihre Lyrik gerühmt worden sei, während ihre Prosa teils abgewertet wurde, durch Journalisten in Interviews mit der Autorin und sogar noch in Nachrufen.

Bei der Diskussion in Berlin war auch Barbara Frank dabei. Die ORF-Redakteurin, die vor Kurzem ein verschollen geglaubtes Drehbuch von Ingeborg Bachmann zu „Der gute Gott von Manhattan“ wiederentdeckt und zum Jubiläum des Wettbewerbs eine kritische Dokumentation mit dem Titel „Un-zumutbar?!“ erstellt hat, wird im kommenden Jahr dessen Organisation von Horst Ebner übernehmen. Dieser hatte die Veranstaltung seit 2013 verantwortet, auch während der schwierigen Corona-Jahre, als kurz vor der Absage ein Konzept für ein digitales Format entstand, das ein „kleines Fernsehstudio“ zu jedem einzelnen Kritiker ins Wohnzimmer brachte, wie der aktuelle Juryvorsitzende Klaus Kastberger anekdotisch berichtete. Das sei zugleich sein „Klagenfurt-Moment“ gewesen, so Kastberger auf die Frage nach den erlebten Highlights, der darin bestanden habe, gegen manche Widerstände die Tradition, von der man schon mehrmals dachte, sie könnte vor dem Ende stehen, auch unter extremen Bedingungen fortzuführen.
Das Klagenfurt-Format hatte nicht nur immer wieder finanzielle Krisen zu überstehen, sondern auch manche Anfeindungen. Als Literaturgerichtshof, als Tribunal ist es geschmäht worden, als Show-Wrestling ironisch aufgespießt in einer Rede von Clemens J. Setz. Kastberger nannte es nun eine Entsprechung zum Eurovision Song Contest, und das sei gut.
Das Konzept mit Zähnen und Klauen verteidigen
Ein interessanter Konflikt, der sich in den vergangenen Jahren zugespitzt hat, wurde auch in der Berliner Diskussion fortgesetzt. So deutete die derzeitige Jurorin Laura de Weck an, dass es vielleicht nicht mehr zeitgemäß sei, wenn die Autoren nur lesen, aber nicht mitdiskutieren und sich verteidigen können. Barbara Frank konterte, die Literaten seien in den Achtzigern zwar zum Stillschweigen verdonnert gewesen, die Statuten hätten es aber schon lange hergegeben, dass sich die Kritisierten auch zur Kritik äußern. Grundsätzliche Änderungen des Konzepts – also 14 Lesungen von je etwa 30 Minuten, komplett live übertragen in Fernsehen, Radio und Netz, und vierzehn sich anschließende Diskussionen einer Jury aus sieben Kritikern – werde sie aber keinesfalls erwägen, sondern dieses Konzept „mit Zähnen und Klauen verteidigen“. Laura de Weck bekräftigte, sie wolle am Grundkonzept auch nichts ändern.

Kastberger deutete an, dass die Kritik an der Kritik lange schon von der Jury aufgenommen und reflektiert, mithin zum Teil dieser fortlaufenden Fernsehliteraturgeschichte geworden sei. Die wichtigste Botschaft des Abends wurde eher en passant vermittelt: dass es mit den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ weitergeht. Das war auch jüngst noch einmal fragwürdig geworden, als etwa die von der Stadt Klagenfurt geleistete Finanzierung des Hauptpreises auf der Kippe stand und der Musil-Literaturkurs für Nachwuchsautoren vorübergehend ausgesetzt wurde.
Die heute 87 Jahre Autorin Helga Schubert, die 2020 mit dem Bachmannpreis ausgezeichnet wurde, nachdem sie vierzig Jahre zuvor schon einmal nominiert war, aber aus der DDR nicht ausreisen durfte, erinnerte sich im Gespräch an ihre von 1987 bis 1990 dann doch mögliche Tätigkeit als Bachmann-Jurorin mit Unwohlsein. Als Autorin habe sie sich besser gefühlt.
Was berühmte oder berüchtigte Klagenfurt-Momente angeht, ist noch zu erwähnen, dass auch Rainald Goetz, der sich bei seiner Lesung am Wörthersee 1983 die Stirn aufgeritzt und weitergelesen hatte, während Blut auf den Text tropfte, den Berliner Empfang besuchte. Was er zur Diskussion über Statuten, Sanftheit und Aggressivität gesagt hätte, hätte man gern erfahren – aber, kaum angesprochen, entwand er sich und sagte, er wolle sich noch den Garten der österreichischen Botschaft anschauen. Was er dann auch tat, in eigenartiger Forschermanier.
