
Der Spielmodus von Fußball-Weltmeisterschaften hat an seltsamen Ideen kaum etwas ausgelassen. Am verrücktesten ist die Regelung, in den Vorrundengruppen der WM 1954 nicht alle vier Teams gegeneinander spielen zu lassen, sondern jeweils nur die beiden zuvor „Gesetzten“ gegen die beiden „Ungesetzten“. Mit der Pointe, dass nach dem Sieg eines Ungesetzten ein Wiederholungsspiel nötig wird. Deshalb muss die Schweiz Italien gleich zweimal schlagen, um das Viertelfinale zu erreichen – und Deutschland zweimal die Türkei.
Sechs Tage nach dem 4:1 der Deutschen gegen die Türkei kommt es also zur Wiederholung des Duells. Für die Türken nichts Ungewohntes. In der Qualifikation mussten sie, nach 1:4 in Spanien und 1:0 daheim, in ein Entscheidungsspiel, das auch nach 120 Minuten in Rom keinen Sieger hatte. 2:2, der Zufall musste helfen. „Sie fanden ein Kind und ließen es das Los ziehen“, erinnert sich der heute 95-jährige Sükrü Ersoy, damals Torwart, kurz vor der WM 2026 im türkischen Fernsehen.
Die Deutschen ziehen das große Los
Der 14-jährige Luigi Franco Gemma, Sohn eines Stadionmitarbeiters, wird damals zum Glücksbringer der Türken – und der Deutschen. „Als die Türkei gezogen wurde, jubelte die ganze Türkei und auch die Welt“, erzählte Ersoy. Denn mit Spanien war ein Mitfavorit schon vor der WM aus dem Rennen. Weil man die Gesetzten schon vor Ende der Qualifikation bestimmt und ihren Gruppen zugelost hatte, erbten die Türken diesen Status von den Spaniern. Und die Deutschen zogen das große Los, neben den seit vier Jahren unbesiegten Ungarn als Gegner im Kampf um Gruppenplatz zwei mit den Türken das schwächste gesetzte Team zu bekommen.
Ersoy, der im zweiten Spiel gegen Deutschland den Platz im Tor von seinem Schulfreund Turgay Seren übernahm, mit dem er schon als Kind in Istanbul Straßenfußball spielte, ist von allen Fußballern, die bei der WM 1954 (oder einer früheren) eingesetzt wurden, neben dem Uruguayer Omar Mendez, der Einzige, der noch lebt.
Er merkte gleich, „dass die Deutschen sehr gut vorbereitet“ ins Spiel gingen. Bundestrainer Sepp Herberger hatte zwischen den Türkei-Spielen im Duell mit Ungarn sieben Stammspieler geschont. Nach der erwartbaren 3:8-Pleite gegen den WM-Favoriten musste er allerdings einen ebenso erwartbaren „Shitstorm“ aus der Heimat über sich ergehen lassen. Was ihm leichtfiel, denn er hatte erreicht, was er wollte – eine frische Mannschaft gegen die Türken. Und, was er zu diesem Zeitpunkt noch lang nicht wissen konnte: einen Finalgegner, der sein Team unterschätzen wird.
Für diesen eher zufälligen „Bluff“ haben die, die Herberger nach dem 3:8 zum Teufel schicken wollten, ihn nach dem 3:2-Finalsieg in den Himmel gehoben. Viel kann Torwart Ersoy also nicht ausrichten beim 2:7 gegen die ausgeruhten Deutschen auf ihrem Weg zum Wunder von Bern. „Der deutsche Fußball hatte schon damals eine führende Rolle in Europa“, erinnert sich der betagte Veteran, der einige Jahre nach der WM eine anderthalbjährige Trainerausbildung in Deutschland absolvierte.
Sein Einsatz gegen die Deutschen blieb für 48 Jahre das letzte WM-Spiel der Türken, bis 2002, als sie sensationell WM-Dritter werden. Gefühlt waren sie das aus Ersoys Sicht schon 1954 – wenn auch nur Dritter der Vorrunde. Aber das hinter den beiden besten Mannschaften der WM, Ungarn und Deutschland.
