Nach der Ankündigung, dass die USA und Iran ein Friedensabkommen erreicht hätten, dauerte es nur ein paar Stunden, dann machte sich die „Disha“ auf den Weg durch die gefährlichste Meerenge der Welt. Der indische Tanker unter maltesischer Flagge, Anfang März im qatarischen Terminal Ras Laffan beladen mit 62.370 metrischen Tonnen Flüssiggas, wird nun gut drei Monate später am 18. Juni im Hafen von Dahej erwartet, einer Industriestadt im westindischen Bundesstaat Gujarat.
Er ist einer von 34 Frachtern mit Ziel Indien, die im Irankrieg im Persischen Golf gestrandet sind – neben geschätzt 500 weiteren Schiffen, die noch vor und hinter der Straße von Hormus liegen und der Weltwirtschaft eine Energiekrise beschert haben. Geht es nach Donald Trump, soll die „Disha“ nur der Anfang sein. Am Freitag, so hat Amerikas Präsident versprochen, werde der Wasserweg wieder öffnen, den die iranische Revolutionsgarde vor knapp vier Monaten praktisch geschlossen haben. „Starten Sie Ihre Motoren“, hat Trump den Schiffen vor der Straße von Hormus zugerufen. Doch ob diese den Worten aus Washington und der „Disha“ folgen werden, ist ungewiss.
Reeder verlangen „glaubwürdige Versicherungen“ von USA und Iran
Zunächst 60 Tage lang sollen Schiffe ohne die Entrichtung einer Maut an die Iraner die Straße durchqueren dürfen – so sieht es das „Memorandum of Understanding“ vor, ein Rahmenabkommen, das am Freitag formell von den USA und Iran unterzeichnet werden soll. Während der Zeitraum von 60 Tagen als relativ gesichert werden kann und den Preis von Ölpreis hat fallen lassen, herrscht Unsicherheit über fast alle anderen Fragen: Müssen die Schiffe ihre Durchfahrt von den beteiligten Regierungen genehmigen lassen? Werden die USA und Iran eine sichere Passage garantieren? Was ist mit den Minen, die Iran am Meeresboden in der Straße von Hormus versteckt haben soll? Bis Dienstag sind der „Disha“ nur ein paar weitere Schiffe gefolgt.
Ohne „glaubwürdige Versicherungen“ sowohl von Amerika als auch Iran, dass ausgewiesene sichere Routen von Minen geräumt seien, werde der Schiffsverkehr nicht wieder auf das Niveau von vor dem Irankrieg zurückkehren, teilt der internationale Schifffahrtsverband „Baltic and International Maritime Council“ (Bimco) mit. Die dänische Container-Reederei Maersk wollte denn auch gar keinen Zeitpunkt nennen, an dem sie die Lage am Golf als sicher einschätzen werde. Der weltgrößte Tankerbetreiber Mitsui OSK aus Japan prophezeite, dass es „Wochen“ dauern werde, bis die Eigner wieder Schiffe in ansehnlicher Zahl durch die Straße schicken würden. Zumindest in Deutschland äußerte die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd die Hoffnung, dass noch in dieser Woche am Golf die Frachter wieder fahren könnten.

Auf den Schiffen harren die Besatzungen oft seit Monaten aus
Das wäre nicht zuletzt für die laut der International Chamber of Shipping rund 20.000 Besatzungsmitglieder auf den am Golf feststeckenden 500 Schiffen eine Erlösung. Diese haben wie im Fall der Disha monatelang auf den ankernden Frachtern ausgeharrt. Nur „vereinzelt“ seien die Crews ausgetauscht worden, berichtet Carsten Duif vom Verband deutscher Reeder der F.A.Z. Angesichts der angespannten Sicherheitslage am Golf sei ein Besatzungswechsel nur unter „erheblichem organisatorischem Aufwand“ möglich gewesen. Zudem hätten sich überhaupt erst Seeleute finden müssen, die bereit gewesen seien, ihre Kollegen auf den Schiffen vor Irans Küste abzulösen.
Die iranischen Revolutionsgarden hatten während ihrer Blockade wiederholt Schiffe gewaltsam abgedrängt, gestoppt und beschossen. In der vergangenen Woche beschoss ein amerikanischer Kampfjet die unter der Flagge Palaus fahrende „Settebello“ bei der Fahrt durch die Straße von Hormus, die angeblich iranisches Öl geladen hatte. Bei dem Angriff starben drei indische Besatzungsmitglieder, woraufhin in Neu Delhi das Außenministerium den Geschäftsträger der amerikanischen Botschaft einbestellte, um ihm Indiens Protest zu übermitteln.
Besonders in Indien ist die Hoffnung auf das Öl und Gas vom Golf groß
Für den Subkontinent, der fast sein gesamtes Öl und einen großen Teil seines Gases vom Golf bezieht, dürfte eine sichere Öffnung der Straße von Hormus für so viel Erleichterung sorgen wie für kein anderes Land auf der Welt. Dass die indischen Raffinerien in den vergangenen vier Monaten ihr Öl vom Golf mit teuren Alternativen – unter anderem aus Russland – ersetzen mussten, hat die Dollarreserven des indischen Staats ebenso belastet wie die indische Währung selbst. Weil kein Flüssiggas mehr in den Häfen angekommen ist, mussten ärmere Inder vielerorts mit Holz über offenem Feuer kochen. Der fehlende Dünger vom Golf hat in dem 1,4 Milliarden Einwohner zählenden Land Sorgen vor einer Nahrungsmittelkrise hervorgerufen – und Ministerpräsident Narendra Modi dazu veranlasst, das Volk in einem patriotischen Appell zum kollektiven Energiesparen aufzurufen.
Auch in vielen anderen Ländern Asiens haben Währung und Staatsfinanzen heftig darunter gelitten, dass die wachstumsstärkste Region der Welt durch den Irankrieg vom Treibstoff abgeschnitten worden ist. Allerdings hat sich in Südostasien das Exportgeschäft dank der starken Nachfrage nach mit Künstlicher Intelligenz verbundener Technik wie Halbleitern wacker geschlagen. Die Nachricht von einem Friedensabkommen zwischen den USA und Iran hat zu Wochenbeginn die asiatischen Finanzmärkte in Hochstimmung versetzt.
Zu Recht, wie Anatole Kaletsky vom Analysehaus Gavekal meint: Angesichts des für Amerika schwachen Ergebnisses des Kriegs sei es „sehr wahrscheinlich, dass die Straße von Hormus schnell wieder öffnen wird“. Eine globale Rezession, die der Internationale Währungsfonds zu Beginn des Irankriegs noch nicht hatte ausschließen wollen, sei nun „extrem unwahrscheinlich“ geworden. Allerdings werde in der Welt die Inflation weiter steigen. Für die Schwellenländer Asiens jedoch gebe es Hoffnung, dass die Investoren ihr zwischenzeitlich im sicheren Hafen USA geparktes Kapital wieder abziehen und in Länder wie Indien und Vietnam zurückbringen könnten.
