
Ronald Koeman lächelt mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Bitterkeit und Amüsement liegt, als er von einem alten niederländischen Fußballdilemma spricht. „Die Sache in Holland ist immer: Wenn wir einfach nur gewinnen, ist das nicht genug“, sagt der Trainer des Nationalteams dieser wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit von den Ideen Johan Cruyffs besessenen Fußballnation. „Wir müssen gewinnen und zugleich offensiv spielen, das ist unsere Mentalität“, sagt der ehemalige Verteidiger Koeman, der alles andere als ein Freund dieses Phänomens ist: „Manchmal kann ich diese Mentalität nicht leiden.“ Seine eigentliche Wortwahl ist noch etwas drastischer, wird aber im für diesen Termin vorgeschriebenen Autorisierungsprozess für wörtliche Zitate abgemildert.
Aber Koeman ist bestens gelaunt an diesem sonnigen Tag in einem schönen Konferenzsaal am Rande der kleinen Stadt Zeist, wo der nationale Fußball-Verband sein heimisches Basislager errichtet hat. Kurz vor dem Beginn der Turniervorbereitung beantwortet er die Fragen einer Handvoll ausländischer Journalisten. In so einer Runde ohne Holländer sei Koeman entspannter, heißt es, weil ihm hier nicht diese Dauerskepsis entgegenschlage. Diese ewige Nörgelei der Fundamentalisten in Oranje, die mit nichts anderem zufriedenzustellen sind als mit dem cruyffschen „Voetbal Totaal“. Oder mit einem WM-Titel – vielleicht jedenfalls.
Dem holländischen Ideal gerecht werden
Das ist Koemans Erzählung, hübsch pointiert für den Besuch aus Deutschland, Japan und Spanien. Dabei ist das Jahr 2026 nicht die schlechteste Zeit für den Versuch, dem holländischen Ideal gerecht zu werden. Es gab ja in dieser Saison dieses denkwürdige Fußballspiel, diesen Höhepunkt des schönen Sports, der jeden Ästhetikpuristen begeistert haben muss. Das 4:3 von Paris Saint-Germain gegen Bayern München im Halbfinale der Champions League „war vielleicht das beste Spiel, das wir in den vergangenen Jahren gesehen haben“, sagt Koeman und zieht einen spannenden Vergleich: „Die Art, wie dort gespielt wurde, folgte ein wenig dem holländischen Weg. Rinus Michels und Johan Cruyff waren die Trainer, die diese Art des Fußballs eingeführt haben.“
Es wurde radikal offensiv gedacht, ständig passierten spektakuläre Dinge auf den Flügeln, zu keinem Zeitpunkt wurde taktiert. Aber nicht nur aufgrund dieser Parallele der nationalen Tradition zum Zeitgeist sind die Niederländer reif für ein richtig großes Turnier. Zuletzt waren sie jeweils sehr knapp gescheitert: bei der WM 2022 nach Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Argentinien und bei der EM 2024 im Halbfinale durch einen Gegentreffer in der Nachspielzeit mit 1:2 gegen England. Auf die Frage, was denn fehle, um nach dem einzigen großen Erfolg bei der EM 1988 und den vielen Finalniederlagen (1974, 1978, 2010) einen weiteren Titel zu gewinnen, reagiert Koeman etwas ratlos. „Ich weiß nicht genau, was fehlt“, sagt er. „Aber es könnte sein, dass wir seit einigen Jahren keinen dieser ganz großen Weltklassespieler in der Offensive haben: keinen Arjen Robben, Robin van Persie, Marco van Basten oder Ruud Gullit.“
Kader ist so ausgewogen wie lange nicht mehr
Und dennoch ist der Kader für die an diesem Sonntag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und bei MagentaTV) mit einer Partie gegen Japan beginnende WM ausgewogen wie lange nicht. „Diesmal sieht es so aus, als wären wir alle bei hundert Prozent“, sagt Koeman und hebt Frenkie de Jong vom FC Barcelona hervor, der bei der Europameisterschaft in Deutschland 2024 fehlte: „Es ist ein Riesenunterschied, ob wir mit Frenkie spielen oder nicht – wegen seiner Erfahrung, wegen seines Tempos mit dem Ball am Fuß. Er ist ein phantastischer Spieler.“
Aber auch jenseits von de Jong ist die derzeitige Spielergeneration gut gereift: Zwar fällt Jurriën Timber vom FC Arsenal aus, aber Fußballer wie Ryan Gravenberch, Cody Gakpo (beide Liverpool), Tijjani Reijnders (Manchester City) oder Donyell Malen (AS Rom) und Brian Brobbey (Newcastle) haben alle das sogenannte beste Fußballeralter zwischen 24 und 30 erreicht. Und angeführt werden sie von dem erfahrenen Kapitän Virgil van Dijk. Etliche Holländer spielen seit Jahren auf dem höchsten Niveau bei großen Klubs und haben viel Champions-League-Erfahrung.
16 Spieler im Kader sind 25 Millionen Euro oder mehr wert, zum Vergleich: Bei Argentinien gibt es zehn solcher Spieler, bei Brasilien 13 und bei Deutschland ebenfalls 16, dazu passend sagt Koeman: „Deutschland spielt auf einem ähnlichen Niveau wie Holland. Beide Nationen können jeden schlagen, aber der Weg bis zum Titel ist weit. Deutschland und Holland sehe ich eine Stufe unterhalb von Frankreich, Spanien, Argentinien, vielleicht Brasilien.“ Koeman hat selbst erlebt, dass gerade die Südamerikaner womöglich einen Vorteil haben bei so einem Turnier in den USA.
Koeman muss sich anpassen
1994 ist er als Spieler dabei gewesen, auch damals war das Team gut besetzt, holte im Viertelfinale einen 0:2-Rückstand gegen Brasilien auf, verlor aber am Ende in der erdrückenden Nachmittagshitze von Dallas 2:3. Von dieser Erfahrung sollen die Spieler nun profitieren. „Es war unglaublich heiß, und darüber habe ich natürlich auch intensiv mit dem Team gesprochen“, sagt Koeman. „Es kann passieren, dass die europäischen Mannschaften größere Probleme mit diesen Bedingungen haben werden, aber der Unterschied zu 1994 besteht darin, dass wir diesmal medizinisch viel besser vorbereitet sind. Wir müssen uns anpassen.“
Niederländischer Fundamentalistenfußball ist unter diesen Bedingungen kaum möglich, aber Koeman wird sich anpassen können. Er wirkt weniger verbissen als in seinen ersten Trainerjahren. Mittlerweile hat er einen Herzinfarkt überstanden, seine Frau Bertina kämpft seit Jahren mit einer Brustkrebserkrankung, über die Koeman auch offen spricht: „Sie hat regelmäßig ihre Behandlungen, die wir hier in Holland oder in Barcelona machen können, wenn wir dort sind“, sagt er, „als Familie sind wir stark genug, um diese Probleme zu überwinden.“
Jetzt freut sich der Mann auf das Turnier, in dessen Verlauf vieles möglich werden könnte, obgleich die Vorbereitung längst nicht so überzeugend verlief wie erhofft. In den Tests gegen Algerien (0:1 verloren) und Usbekistan (mit sehr viel Mühe durch zwei Elfmeter 2:1 gewonnen) fehlte vor allen Dingen die Effizienz. „Es ist kein riesiges Problem, wir haben die Qualität, Tore zu erzielen, wir haben es nur noch nicht geschafft. Aber wir müssen das bald ändern“, sagt Koeman. Und nun wartet mit Japan ein Team, das manche Experten sogar für einen Geheimfavoriten, in jedem Fall aber für einen Viertelfinalkandidaten halten. Die Nörgler haben also gerade genug Stoff für skeptische Einwände, aber so ein Turnier ist lang. Und die großen Momente kommen ja erst in der zweiten Turnierhälfte, was diese erfahrene Mannschaft nicht erst seit der EM 2024 weiß, als Holland auch langsam begann und schließlich beinahe im Endspiel landete.
