Gerade ist eine neue Platte von den Bleachers erschienen, „Everyone for Ten Minutes“. Hinter der amerikanischen Band stecken Jack Antonoff und fünf andere Musiker, die mit leichtem Herzen elf schwermütige Popsongs aufgenommen haben. Jack Antonoff wiederum steckt hinter einigen der zentralen Popalben der vergangenen fünfzehn Jahre: Er hat „1989“ von Taylor Swift produziert genau wie später ihre Alben „Folklore“ und „The Tortured Poets Department“. Er ist verantwortlich für „Norman Fucking Rockwell!“ von Lana Del Rey wie für „The Secret of Us“ von Gracie Abrams und auch für die letzten beiden Platten von Sabrina Carpenter.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wenn Sie einen Song im Radio hören oder in die Playlist gespült bekommen und denken, dass er etwas zu eigensinnig für Pop ist oder etwas zu poppig für Eigensinn: Dann hatte fast immer Jack Antonoff damit zu tun. Als Sänger seiner eigenen Band (davor war er Gitarrist bei Fun, die 2012 eine Millennial-Hymne herausgehauen haben, „We are young“) tritt er unscheinbar, fast sperrig auf, man käme nicht gleich auf die Idee, dass dieser Typ dabei war, als einige Monsterhits von heute entstanden sind.
Der Verwertungszusammenhang Kunst
Aber Jack Antonoff ist Teil eines Netzes von berühmten Leuten aus Pop, Film, Fernsehen und Literatur, die alle gemeinsam haben, dass sie das, was ihnen geschieht, sofort in Kunst verwandeln. Und weil ihnen das, was ihnen geschieht, meistens mit anderen berühmten Leuten geschieht, die dann ihrerseits das auch gleich wieder in Kunst verwandeln, entsteht ein interessanter Verwertungszusammenhang. Ob der nur aus sehr gutem Gossip besteht oder ob man daraus Erkenntnisse über das Wesen der Autofiktion ableiten kann, die in Kombination mit Prominenz noch einmal ganz andere Kräfte freisetzt: Das ist die Frage.
Jack Antonoff war fünf Jahre lang mit Lena Dunham zusammen. Dunham hat 2012 die Fernsehserie „Girls“ erfunden, für HBO gedreht und darin mitgespielt, sie hat damit, wie man so sagt, dem Lebensgefühl einer Generation eine erzählerische Form gegeben. Um welchen Preis das geschah, hat Dunham jetzt in einem Memoir erzählt, das „Famesick“ heißt.
Auf 400 Seiten rekonstruiert sie darin, wie sie mit Mitte 20 dank „Girls“ berühmt wird und ein Leben zwischen New York und Los Angeles zu navigieren versucht, die ganze Zeit fehldiagnostiziert krank ist, obwohl sie zu tausend Ärzten rennt, darüber in eine Schmerzmittelabhängigkeit rutscht, währenddessen aber eine Serie produziert, die zu starker Identifikation mit ihren Figuren einlädt. Innen und Außen, Privatleben und Öffentlichkeit verschwimmen im Leben der Lena Dunham, sie beschreibt es so, dass sie selbst immer wieder dafür sorgt, ohne anders zu können.
Lena Dunham ist nicht ihre „Girls“-Hauptfigur Hannah Horvath. Aber die beiden ähneln sich. Nicht unverständlich, die eine mit der anderen zu verwechseln, wenn da also eine 26-jährige New Yorkerin eine Serie über eine 26-jährige New Yorkerin schreibt, dreht und darin auch mitspielt (und ihre beste Freundin Jemima Kirke genauso).
Das Restrisiko, dass „Girls“ immer verfilmtes wahres Leben gewesen sein könnte, hat den Reiz dieser Serie verstärkt, mal abgesehen davon, dass sie echt komisch war und eine Menge zu erzählen wusste über falsche Entscheidungen (im Bett und im Job). Lena Dunham, die so viele Projektionen auf sich zog und aushalten musste, hätte all das aber fast den Rest gegeben. Wie sie es überlebt hat und welche Rolle Jack Antonoff dabei spielte, davon erzählt, unter anderem, ihr Buch.
Die Kollateralschäden der Prominenz
Ruhm ist ein eigenartiger Treibstoff. Dass eine Autorin die Kollateralschäden ihrer Prominenz analysiert, dass sie beschreibt, wie sie immer wieder neues Material liefert, um damit „ein wütendes, hungriges Internet zu füttern“, diese Geschichte dann aber wiederum öffentlich ausbreitet, sich also dem Medium anvertraut, das ihr seit 2012 immer wieder Schmerzen zugefügt hat und von dem sie sich autonom machen will, ist so faszinierend wie verstörend.
„Wie die Leute dich sehen“, hat die Schauspielerin Amy Poehler kürzlich in ihrem Podcast zu Lena Dunham gesagt, „ist none of your business“. Und Dunham hat zugestimmt. Aber was, wenn dieses Business Autofiktion ist? „Famesick“ ist auch eine Studie zur Frage, woraus sich Kreativität speist, aus was Kunst ist und was sie diejenigen kostet, die sie produzieren.
Jack Antonoff, mit dem Dunham damals eine Wohnung in Brooklyn bezog und der damals selbst auf dem Weg war, richtig berühmt zu werden, ist der einzige Mann in „Famesick“, mit dem Dunham schläft, der einen Nachnamen (oder Klarnamen) von ihr im Text bekommt. Das Verhältnis der beiden ähnelt in Dunhams Beschreibungen oft spielenden Kindern – in dem Wunsch nach Unschuld, Wärme und Großzügigkeit. Die beiden bauen sich Höhlen, Jack ist ziemlich oft aber nicht da, Lena betrügt ihn später.
Phasenweise hängt auch die Popsängerin Lorde in dieser gemeinsamen Wohnung in Brooklyn ab, weil Antonoff dort deren zweites Album produziert: Auf „Melodrama“ verarbeitet Lorde angeblich ihre Trennung vom Fotografen James Lowe, man muss aber nur googeln und findet auf Reddit, erstellt von einem Fan, auch eine Powerpoint-Präsentation (!), die belegen soll, dass Antonoff und Lorde in dieser Zeit etwas miteinander hatten.
„Aunt Lena“ und der „Teen-Popstar“
Lorde, schreibt Dunham, habe sie „Aunt Lena“ genannt, wenn sich die beiden auf dem Flur begegneten, Dunham wiederum nennt Lorde nur den „Teen-Popstar“ im Buch, „deren Bedürfnisse so groß und komplex zu sein schienen wie meine eigenen“. Heute ist Antonoff mit der Schauspielerin Margaret Qualley verheiratet, die zwar auch weder einen Vor- noch einen Nachnamen in Dunhams Buch bekommt, aber dafür freundliche Worte.
Qualley spielt jetzt ständig in Videos von den Bleachers mit: im wundervollen „You and forever“ von der neuen Platte genauso wie im noch wundervolleren „Tiny Moves“ von 2024, da tanzt sie im Morgengrauen am Ufer von New Jersey: Ihre Choreographie, die sie selbst entworfen hat, folgt Antonoffs Melodien Schritt für Schritt. Sie ist nicht nur eine Figur in der Kunst ihres Partners, sie wirkt selbst daran mit.
„Schreib bitte nicht sofort über das, was hier gerade passiert“, hat Lena Dunhams langjährige Vertraute Jenni Konner gesagt, als die beiden nach dem Ende von „Girls“ miteinander brechen. „Ich weiß, wie du arbeitest und dass du das machen wirst, aber bitte nicht schon jetzt.“ Dunham wartet dann sieben Jahre, bis sie es erzählt, dass sie es tun wird, ist ihr damals schon klar.

„Alles ist Stoff“, hat Nora Ephron einmal gesagt – und ihr eigenes Leben in Romanen und Filmen verarbeitet: „Sodbrennen“, verfilmt mit Meryl Streep und Jack Nicholson, ist die Geschichte ihrer Trennung von Carl Bernstein (der lustigerweise einer der berühmtesten Enthüllungsjournalisten der Welt ist und den Watergate-Skandal aufdeckte). Dunham und Ephron freundeten sich gerade an, als Ephron 2012 starb, wer weiß, wie die viel Jüngere durch die folgenden Jahre gegangen wäre, hätte sie weiter von der Lebens- und Schreiberfahrung Nora Ephrons profitieren können.
„Alles ist Stoff“: Vielleicht ist es ein Akt der Kontrolle, wenn Prominente den Gerüchten, die über ihr Leben kursieren, eigene Versionen gegenüberstellen, von denen man nicht weiß, ob sie stimmen, weil sie ja als Kunst daherkommen.
Taylor Swift hat das im Song „All Too Well“ getan, der angeblich von ihrer Beziehung mit dem Schauspieler Jake Gyllenhaal erzählt; „Taylor’s Version“ des Songs, erschienen 2021, hat auch Jack Antonoff produziert. Dass Lena Dunham jetzt von einer Begegnung mit Gyllenhaals Schwester Maggie erzählt, die wie eine Szene aus Swifts Song klingt, kann man kaum glauben. Jack Antonoff hat bislang nicht auf Lena Dunhams Buch reagiert. Aber man muss da wohl einfach seine nächste Platte abwarten.
