
Wie schrecklich, dass wir die AfD haben. Denn die Partei macht (auch) gute Vorschläge. Doch sobald irgendwo eine AfD-Forderung auftaucht, wird sie von den übrigen Parteien und großen Teilen der Öffentlichkeit hinter die Brandmauer gesteckt, damit kein vernünftiger Nicht-AfD’ler sich mit ihr auseinandersetzt. Der Anwurf „Das ist ein AfD-Argument“ funktioniert als ein Totschlagargument.
Mein Beispiel ist das sogenannte Homeschooling. Also die Abschaffung der strikten Schulpflicht und der Eröffnung der Alternative, die Kinder auch zu Hause zu erziehen. Im Programm der AfD in Sachsen-Anhalt (Wahlen im September, AfD derzeit bei rund 40 Prozent) spricht sich die Partei dafür aus, „eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht“ zu schaffen: „Das Recht auf Hausunterricht ist als Elternrecht zu begreifen, die Bildung der Kinder als Pflicht und der Schulbesuch als Angebot, das der Staat vorhalten muss, das die Eltern jedoch nicht zwangsläufig annehmen müssen.“
In allen Fragen zu Bildung und Erziehung der Kinder sollen die Eltern das letzte Wort haben. Man wende sich gegen sämtliche Versuche staatlicher Einmischung in die Erziehung der Kinder, heißt es bei der AfD.
„Soll die Erziehung nur Menschen bilden, so bedarf es des Staates nicht“
Schule als staatliche Einmischung in das Recht der Eltern? Mit so einem Satz kann man die Empörung zum Kochen bringen. Ich rufe einen Zeugen auf, der nachweislich nicht der AfD angehört, stattdessen als Heiliger des deutschen Bildungsideals verehrt wird: den Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835). Humboldts nicht genug zu empfehlende Frühschrift von 1792 mit dem schönen Titel „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen (sic!) der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“ billigt dem Staat zwar das Recht und die Pflicht zu, im Interesse der Freiheit der Bürger für äußere und innere Sicherheit zu sorgen.
Aber von einer Pflicht öffentlicher Erziehung will der Bildungsreformer nichts wissen: „Soll die Erziehung nur Menschen bilden, so bedarf es des Staates nicht“, schreibt Humboldt. Im Gegenteil: Staatliche Beschulung führe dazu, dass die Eltern die Verantwortung für die Aufzucht der Kinder an den Staat delegieren, wofür sie einen hohen Preis zahlen: Statt zu freien und gebildeten Menschen wird die Jugend zu Staats-Bürgern, mithin zu Untertanen gemacht. Staatlich bestallte Lehrer, behauptet Humboldt frech, seien vor allem auf die nächste Beförderung fixiert, während das Wohl privater Erzieher vom Erfolg ihrer Arbeit abhänge. Derartige staatskritische Anwürfe werden heutzutage als libertär gebrandmarkt – oder eben als „typisch AfD“.
Dabei gibt es in der Geistesgeschichte viele gelungene Beispiele heimbeschulter Menschen. Alma Mahler und die Mutter Alma Mahler-Werfel (1879 bis 1964), die Ehefrau des Komponisten Gustav Mahler, hat nur im Winterhalbjahr in Wien die Schule besucht. Während des Sommers erteilte die Mutter oder ein Hauslehrer Unterricht. Goethe, der sowieso, hat nie eine Schule besucht. Geschadet hat es ihm nicht. Seine Erziehung hat der Vater streng überwacht. Wie in bürgerlichen Verhältnissen üblich, wurde Goethe von Hauslehrern erzogen, vorzüglich in Rhetorik und Poetik und im Schönschreiben. Neben den alten Sprachen lernte er Französisch, Englisch und Italienisch, später auch Hebräisch.
Der deutsche Sonderweg hat – wie meist – historische Gründe
Tatsächlich ist heute die Schulpflicht in Deutschland eine der strengsten weltweit. Unsere Nachbarn in Österreich, Frankreich und Dänemark sind da wesentlich liberaler. Dort gilt eine Unterrichts- oder Bildungspflicht, die es leichter möglich macht, Kinder auch zu Hause zu unterrichten. Wer das hierzulande macht und der Schulpflicht nicht nachkommt, muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Es drohen hohe Geldstrafen, in einzelnen Bundesländern sogar Haft.
Der deutsche Sonderweg hat – wie meist – historische Gründe. Besonders rigoros geht es erst seit dem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 zu. Faschistisch wird man die AfD-Forderung also nicht nennen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man dann darauf bestanden, dass staatliche Schulbeamte dafür bürgen, dass Kinder im Geiste einer liberalen Demokratie und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erzogen werden.
Nun zur Empirie. Die ist nämlich besonders spannend, weil es eine Fülle neuer Forschung zum Homeschooling gibt. Zunächst: Homeschooling ist weltweit auf dem Vormarsch. In den USA, dem Heimatland des Homeschoolings, hat sich der Anteil der heimbeschulten Kinder zwischen 2019 und 2024 mehr als verdoppelt auf 3,2 Millionen Schüler. Zuwachs verzeichnen Länder wie Großbritannien, Australien oder Kanada.
Auch Finnland, das PISA-Vorzeigeland, weist einen nennenswerten Anteil von Hausschulkindern auf. Das stellt einen klassischen Einwand infrage, wonach eine Schulbildung die besseren Leistungen erbringe. Und zufriedene Kinder gibt es hier wir dort: Gemäß Forschungen des kanadischen Thinktanks „Cardus Education Survey“ von 2025 lässt sich kein Unterschied der Zufriedenheit der Kinder erkennen. Werden Kinder acht und mehr Jahre zu Hause erzogen, sind sie sogar glücklicher.
Keinesfalls trifft die gern geäußerte Vermutung zu, Heimschulkinder fänden sich überdurchschnittlich in rechts(extremen) oder evangelikalen Familien. Homeschooling, schreibt der britische „Economist“ in einem hilfreichen Überblicksartikel (23. Mai), dem ich die Empirie entnehme, Homeschooling sei kein Nischenphänomen mehr, sondern eine ernst zu nehmende Langzeitalternative vieler Bildungssysteme. Meist wählen Eltern nicht das Entweder-oder, sondern schicken die Kinder eine Weile auf die Schule; vorher oder nachher kümmern sie sich dann selbst um die Erziehung und stellen Hauslehrer an.
Triftig ist der Einwand, das Homeschooling fördere die Ungleichheit und unterminiere die sozial egalisierende Rolle der Schule: gemeinsames Lernen mit begabteren und weniger begabten und solchen aus privilegierten und benachteiligten Haushalten. Doch der Einwand trifft schon die heutige Bildungswelt. Die einen kommen auf „Brennpunktschulen“, die anderen aufs humanistische Gymnasium (Lateinkenntnisse finden eher Bildungsbürgereltern wichtig) oder gleich aufs Internat nach England.
Schließlich, letzter kontraintuitiver Befund: Anders, als man meinen könnte, sind Homeschoolkinder (zumindest in den USA) gemäß Daten des dortigen Statistikamtes diverser als Schulkinder. Die Eltern haben ihre Kinder aus der Schule genommen, weil sie dort ob ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminiert wurden. Das wäre am Ende eine hübsche Pointe, wenn die Forderung nach Aufhebung des staatlichen Schulzwangs auch in die Parteiprogramme grün-alternativer Parteien Eingang fände.
