Herr Spilcker, wann erfuhren Sie, dass Robert Ley, einer der Hauptverbrecher des „Dritten Reichs“, Ihr Großvater ist?
Ziemlich früh, mit sieben oder acht Jahren. Die Angehörigen und Nachkommen Leys kamen häufig bei der älteren Schwester meines Vaters zu Familientreffen zusammen. Bis zu ihrem Tod waren auch meine Urgroßeltern Lore und Max Spilcker dabei, die alles miterlebt hatten.
Und die 1946 dafür sorgten, dass Ihr Vater Inger-Wolf und die beiden Töchter Robert Leys aus zweiter Ehe den Nachnamen Spilcker bekamen, weshalb Sie selbst heute nicht Ley heißen.
Genau. Sie taten das, weil sie fürchteten, die Kinder Leys aus der Ehe mit ihrer Tochter Inga könnten im Nachkriegsdeutschland in Sippenhaft genommen werden. Aber für ihren Schwiegersohn Robert, der sich kurz vor Beginn der Nürnberger Prozesse das Leben nahm, schämten sie sich nicht. Ganz im Gegenteil. Sie hielten ihn wie etliche andere meiner Verwandten für einen großen Mann. Bei den Familientreffen ging es oft um die angeblich tollen Leistungen von Ley. Als ich älter wurde und anfing nachzufragen, kristallisierte sich für mich immer Ungeheuerlicheres heraus. Mit 13 Jahren begann sich der Nebel dann weiter zu lichten.
Die jüngere Schwester meines Vaters wusste, dass ich mich sehr für Geschichte interessiere. Sie schenkte mir ein Buch über die Nürnberger Prozesse zum Geburtstag.

Ohne Warnung, ohne Kommentar?
Sie sagte: Das interessiert dich bestimmt. Da hatte sie recht. In dem Buch stieß ich gleich beim ersten Blättern auf ein Foto, das Robert Ley kurz nach seiner Festnahme im Mai 1945 in den Alpen zeigt. Ein Hut auf dem Kopf, sichtlich gealtert. Ich verschlang das Buch, las von den Kriegsverbrechen, den Anklagepunkten. Die Ausführungen über das rechtliche Neuland, das mit dem Kriegsverbrechertribunal betreten wurde, verstand ich damals natürlich nicht. Und immer wieder schaute ich das Foto an.
Nach Ähnlichkeiten zu mir. Irgendwann legte ich das Buch weg. Ich sagte wie zum Trotz: Was kümmert mich die Verwandtschaft mit einem führenden Nazi? Besser nicht daran rütteln, besser ausblenden. Das funktionierte nicht lange. Im Gymnasium nahmen wir den Nationalsozialismus gleich zweimal durch: in der Mittelstufe und später im Geschichtsleistungskurs in der Oberstufe. Eines Tages zeigte uns der Lehrer einen Schwarz-Weiß-Film aus dem befreiten Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau: die ausgemergelten Gestalten am Maschendrahtzaun, die Leichenberge, die Krematorien, die Haufen mit den konfiszierten Kleidern der Opfer, die Goldzähne. Mir wurde schlecht. Ich habe mich furchtbar geschämt, furchtbar. Denn mir war klar, dass auch NS-Führer Robert Ley mit seinen antisemitischen Reden den Nährboden für den Tod von sechs Millionen Juden bereitet hat. Ley war einer der schlimmsten antisemitischen Hetzer. Im Dritten Reich betonte er in seinen Reden und Artikeln, dass die „Ausrottung der jüdischen Rasse“ dringend nötig sei.
In Ihrem soeben erschienenen Buch schreiben Sie, nach jener Unterrichtsstunde habe sich ein Abwehrreflex bei Ihnen herausgebildet. Was meinen Sie damit?
Ich fragte mich: Was kannst du dafür, dass dein Vorfahre ein NS-Hauptverbrecher war? Ich versuchte, das zu verdrängen. Spätestens im Studium machte ich mir dann keine größeren Gedanken mehr über die Familienhistorie. Zwar hatte ich meiner Neigung folgend Geschichte gewählt, aber den Magisterabschluss machte ich ganz bewusst in Mediävistik. Das Mittelalter schien mir gerade weit genug weg von der Zeitgeschichte, vom Dritten Reich, von Robert Ley. Das hat natürlich nicht funktioniert.
Welche Rolle spielte Ihr Großvater in der NSDAP?
Ley zählte schon in den Zwanzigerjahren zu den besonders treuen Gefolgsleuten Hitlers. Der „Führer“ war sein Messias, sein Idol, er war ihm sklavisch ergeben. Umgekehrt bezeichnete Hitler seinen Paladin als seinen „größten Idealisten“. Ende 1932 machte Hitler ihn zum „Reichsorganisationsleiter“ der NSDAP. Nach der „Machtergreifung“ zerschlug er dann auf Hitlers Geheiß die mächtigen Gewerkschaften, baute mit der „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) den größten NS-Verband auf und wirkte damit in besonderer Weise an dem NS-Ziel der „Gleichschaltung“ möglichst aller gesellschaftlichen Teile mit. Robert Ley trieben kolossale Visionen an. Er träumte von einem totalitären Wohlfahrtsstaat mit sozialistischen Zügen „von der Wiege bis zur Bahre“, einer Mischung aus brauner und roter Ideologie. Als DAF-Leiter verfügte er über enorme finanzielle Mittel und politischen Einfluss. Nichts war aus seiner Sicht unmöglich, nichts so phantastisch, dass es nicht wahr werden konnte. Im November 1933 begründete Ley das NS-Freizeitwerk „Kraft durch Freude“ (KdF). Das folgte seiner Vision von einem Sozialsystem in einer Diktatur. Auf dem Zenit seiner Macht herrschte Ley über ein milliardenschweres Wirtschaftsimperium. Baufirmen, Versicherungsgesellschaften, Verlage, Konsumgeschäfte, Banken und diverse Trägergesellschaften gehörten dazu. Alle möglichen Konsumgüter sollte das neue Reich selbst produzieren, vom Volksempfänger über den Volkskühlschrank bis hin zum Volkswagen. Daher gründete Ley auch das Volkswagenwerk in Wolfsburg.

So viel Macht und Geld sind verführerisch.
Die DAF war bald berüchtigt für Korruption. Und ihr Leiter war auch in dieser Hinsicht führend. Ley hat sich hemmungslos bereichert. Vier luxuriöse Häuser oder Villen in Berlin, München, Bad Saarow und Bonn nebst Personal finanzierte die NS-Organisation. Teure Autos, ein eigener Eisenbahnwaggon, auf Leys Bedürfnisse umgerüstet, sowie mehrere Flugzeuge. Der einstige arme Bauernsohn aus dem Oberbergischen bei Köln konnte schon bald nach der „Machtergreifung“ aus dem Vollen schöpfen. Er tat es auch. In der alten Heimat kaufte er Gut Rottland und machte daraus einen nationalsozialistischen Landwirtschaftsmusterbetrieb. Für seine „Verdienste“ ließ ihm Hitler 1940 obendrein eine Dotation über 1,2 Millionen Reichsmark zukommen.
Söhne oder Nichten anderer NS-Größen, etwa des grausamen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank, oder des Reichsmarschalls Hermann Göring, haben schon vor vielen Jahren die Geschichte ihrer Väter und Onkel schonungslos aufgearbeitet. Gab es das in Ihrer Familie nicht?
Ich muss zunächst die etwas komplizierten Familienverhältnisse darlegen. Robert Ley war nicht nur Alkoholiker – weshalb er im Dritten Reich vom Volksmund „Reichstrunkenbold“ genannt wurde –, sondern auch ein notorischer Schürzenjäger. Er hatte fünf Kinder aus drei Beziehungen. Mit seiner ersten Ehefrau bekam er 1922 seine erste Tochter Renate. Als er bei einer KdF-Revue in Berlin die junge Sopranistin Inga Spilcker kennenlernte, ließ sich Ley scheiden. Mit seiner zweiten Ehefrau Inga bekam Ley zwei weitere Töchter und Inger-Wolf, meinen Vater. Inga Spilcker, die nach einem Unfall morphiumsüchtig und depressiv war, erschoss sich 1942 im Alter von gerade einmal 26 Jahren auf Gut Rottland. Wenige Monate später zeugte Ley mit der 17 Jahre alten Tänzerin Madeleine Wanderer einen weiteren Sohn, der dann mein Patenonkel wurde. Umfassende eigene Erinnerungen hatte nur meine Tante Renate. Sie war eigentlich die perfekte Zeitzeugin. Als ich Mitte der Neunzigerjahre gerade meine erste Redakteursstelle angetreten hatte, überredete sie mich, ein Buch über ihren Vater zu schreiben.

Warum ist dann doch nichts aus dem Projekt geworden?
Meine Tante Renate war Professorin für Soziologie, ihr Spezialgebiet war die berufliche Sozialisation vornehmlich von Mädchen und Frauen. Sie war eine der Begründerinnen der feministischen Soziologie und eine aufrechte Demokratin. Ich bewunderte sie. Aber wenn es um ihren Vater Robert Ley ging, setzte ihr akademisch-analytischer Verstand aus. Für das Buchprojekt zeichnete ich mehrere Gespräche auf Kassette auf. Als wir zum Jahr 1938 kamen – dem Jahr, als Ley von ihrer Mutter die Scheidung verlangte, um Inga heiraten zu können –, brach ich ab. Renate wollte sich einfach nicht öffnen. So scharf ihr Verstand sonst auch war, von ihrem verklärten Robert-Ley-Bild konnte sie nicht lassen. Kurz vor ihrem Tod 2004 erschien dann ihr Buch über ihren Vater, das sich wie eine Verteidigungsschrift liest.
Fühlte sich Renate Wald wie eine Hüterin des Ley-Vermächtnisses?
Sie machte jedenfalls ihren Frieden mit ihrem Vater, indem sie seine Schuld konsequent ausblendete. Als Ley ihre Mutter für Inga Spilcker hatte sitzen lassen, erlebte Renate das als tiefe Kränkung. Sie verabscheute die folgenden Beziehungen ihres Vaters. Erst jene zu Inga und nach deren Tod jene zu Madeleine. Nach seinem Suizid im Nürnberger Gefängnis aber begann Renate ihren Vater zu verehren. Leys Auftrag folgend, die Familie zusammenzuhalten, schloss sie nach dem Krieg rasch Frieden mit den anderen Familienzweigen. Renate sagte einmal, ihr Vater habe sie für Männer verdorben. Sie hatte keine eigenen Kinder. Umso mehr kümmerte sie sich nun um die anderen Nachkommen ihres Vaters. Ihr gelang es auch, Madeleine in den USA ausfindig zu machen. Und als deren Sohn in den Sechzigern in Deutschland seinen Dienst bei der US-Army ableistete, war Renate es, die ihm offenbarte, dass sein Vater nicht, wie von ihm bis dahin angenommen, ein amerikanischer Soldat, sondern Robert Ley war. Zudem sorgte sie dafür, dass auch er seinen Anteil aus dem Verkauf von Gut Rottland bekam.

Wie kann das sein? Gut Rottland war doch als Teil des Vermögens eines NS-Hauptverbrechers eingezogen worden.
Ja, und die nordrhein-westfälische Landesregierung unter Ministerpräsident Karl Arnold wollte unbedingt verhindern, dass sich Nachkommen solcher NS-Verbrecher an deren Erbe bereichern. Mit einem Bescheid von Mitte 1956 schien das abschließend gesichert. Dagegen klagte mein Urgroßvater Max. Das Argument seines Anwalts: Zwar sei der NRW-Landtag dazu befugt, das Vermögen von Kriegsverbrechern einzuziehen, doch habe er es versäumt, ein entsprechendes Gesetz zu beschließen. Auch habe Ley das Gut mit Privatkapital finanziert. Eine Lüge. Denn ein Großteil des Geldes stammte aus der horrenden Dotation Hitlers. Gleichwohl sprach das Landgericht Bonn der Familie Gut Rottland 1957 wieder zu. Ein skandalöses Urteil, durch das meine Familie plötzlich reich geworden ist. Max Spilcker verkaufte das Gut im folgenden Jahr für 485.000 Mark, das wären heute rund 1,5 Millionen Euro.
Hat der plötzliche Reichtum Glück gebracht?
Unter den drei Spilcker-Kindern hat nur die jüngere Schwester meines Vaters alles richtig gemacht. Sie heiratete einen Mann, der mit Geld umgehen konnte. Für das Buch sprach sie zwar mit mir, wollte sich darin aber nicht zitieren lassen. Vielleicht ist ja gerade das ein Indiz dafür, dass sie die Vergangenheit nicht abgehakt hat. Der Mann der älteren Schwester brachte nicht nur das Erbe durch, sondern durch eine Fehlspekulation auch noch das Haus meiner Urgroßeltern Lore und Max. Und mein Vater Inger-Wolf, der meine Mutter verließ, als ich neun Jahre alt war, verzockte seinen Anteil in Spielhöllen und rutschte zeitweise ins kriminelle Milieu ab.
Konnten Sie mit Ihrem mittlerweile gestorbenen Vater einmal darüber reden, wie es war, der Sohn von Robert Ley zu sein?
Leider nein. Für mich war das eine der größten Enttäuschungen meines Lebens. Ich stand vor meinem Vater und musste feststellen, dass ich keine Antworten bekam. Er sprach nicht über seine Gefühle. Mir bleibt nur, was Tante Renate einmal erzählte. Irgendwann nach Kriegsende war sie mit ihrem Halbbruder Inger-Wolf im Zug unterwegs. Als sie für kurze Zeit das Abteil verließ und sie von ihm unbemerkt zurückkam, stand er weinend vor dem Fenster, hämmerte mit dem Kopf gegen die Scheibe und schluchzte laut: „Wer ist mein Vater? Er hat den Juden die Köpfe abgeschnitten. Warum muss er mein Vater sein?“
Axel Spilcker: „Hitlers Gefolgsmann. Robert Ley – mein Großvater, der Kriegsverbrecher“. Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 26 Euro.
