
Wenn der Nvidia-Chef Jensen Huang in Taiwan auftritt, kokettiert er gern mit seiner Herkunft von der Insel. In seine Reden streut er taiwanische Redewendungen ein und schwärmt von den typischen Nachtmärkten mit ihren Oktopus-Grillständen. Als er in dieser Woche in der voll besetzten Konzerthalle in Taipeh auftrat, warf er ein Bild der Insel an die Wand, umgeben von den Logos von Hunderten Partnerunternehmen, zeigte auf eines und sagte: Das ist mein Liebling. Es war der Name eines Teigtaschenrestaurants in der Hauptstadt.
Weit wichtiger für den Konzern, der sich zum Platzhirsch der KI-Revolution und mit einem Börsenwert von mehr als fünf Billionen Dollar zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufgespielt hat, sind freilich die übrigen Partner. Das fängt an bei dem Auftragsfertiger TSMC, der fast alle der leistungsstärksten Chips in der Welt produziert, und hört bei Mediatek längst nicht auf. Das Unternehmen hat gemeinsam mit Nvidia und dem britischen Chipdesigner Arm die KI-Prozessoren entwickelt, die vom Herbst an das Betriebssystem Windows von Microsoft „revolutionieren“ sollen. „Wir wären nirgendwo ohne Taiwan“, gab René Haas, der Vorstandschef von Arm, unumwunden zu, als er in dieser Woche auf dem Branchentreff Computex in Taipeh sprach.
Ein Ökosystem, das sich kaum nachbilden lässt
Eines wurde auf der Messe deutlich: Wenn die Künstliche Intelligenz – wie allseits beschworen – in immer mehr Bereiche der Wirtschafts- und Lebenswelten einzieht, wird das die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Taiwan noch weiter steigern. Schon heute werden fast alle für die KI benötigten Hochleistungsrechenchips in den Fabriken von TSMC gebaut. Das Unternehmen wurde in den Neunzigerjahren damit groß, den Techkonzernen des Westens die als schnöde empfundene Produktion der von ihnen verwendeten Chips abzunehmen. Über die Jahrzehnte hat der Konzern dann unzählige Fertigungsanlagen auf der Insel eingerichtet. Sie sind teuer und hochkomplex. Zudem sorgt ein gut eingespieltes Ökosystem von Forschungseinrichtungen, Zulieferern und Weiterverarbeitern dafür, dass sich die Chipindustrie von Taiwan kaum in einem anderen Land nachbilden lässt.
Wenn es dafür noch eines Belegs bedurft hätte, hat Nvidia-Chef Huang ihn mit seinen vor wenigen Tagen bekannt gegebenen Investitionsplänen geliefert: 150 Milliarden Dollar werde der amerikanische Konzern in Taiwan investieren, und zwar jährlich. Auch die Investitionsansagen von TSMC sprechen dafür, dass die Insel, die etwa so groß ist wie Baden-Württemberg, bis auf Weiteres das „Epizentrum der KI-Revolution“ bleiben wird, wie Huang es nennt. Allein für das laufende Geschäftsjahr hat TSMC Investitionen von bis zu 56 Milliarden Dollar angekündigt. Das ist mehr, als SAP und Siemens zuletzt gemeinsam verdient haben.
Auch die Milliardensubventionen, mit denen Europa, die Vereinigten Staaten und Japan TSMC dazu bewegt haben, zumindest einzelne Werke bei sich anzusiedeln, wirken daneben wie Peanuts. Das neue Werk, das TSMC gerade gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP in Dresden baut, soll zehn Milliarden Euro kosten und wird zur Hälfte vom deutschen Steuerzahler bezahlt. Dort sollen aber vergleichsweise einfache Halbleiter für die Autoindustrie hergestellt werden. Den Ausbau der Künstlichen Intelligenz werden sie nicht vorantreiben.
Wie schnell Lieferengpässe bei Halbleitern auch für klassische Industriekonzerne zur Gefahr werden können, hat sich in den vergangenen Jahren erst beim Wiederanfahren der Weltwirtschaft nach der Covid-Pandemie und dann beim Zwist zwischen China und den Niederlanden um den Autozulieferer NXP gezeigt. In beiden Fällen wurden wichtige Halbleiter zur Mangelware und ließen bei vielen Konzernen in aller Welt die Bänder stillstehen. Wenn Deutschlands Industrie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht zurückfallen will, wird sie dabei zwangsläufig auf die Halbleiter angewiesen sein, die sie entweder direkt in Taiwan einkauft oder über Techkonzerne aus anderen Ländern.
Dauerkonflikt mit China
Dass die Weltwirtschaft sich bei einem ihrer wichtigsten Produkte fast vollständig auf Lieferungen ausgerechnet aus Taiwan verlassen muss, ist eine Ironie der Geschichte. Nicht nur liegt die Insel geographisch in einer Region, die ständig von Erdbeben und Taifunen bedroht ist. Vor allem der ungelöste Dauerkonflikt mit China schwebt wie ein Damoklesschwert über der Chip-Werkbank der Welt. Die kommunistische Führung in Peking sieht die seit bald achtzig Jahren autonom und demokratisch regierte Insel als abtrünnige Provinz an, die sie notfalls auch mit militärischer Gewalt einnehmen will. Donald Trump hat die seit Jahrzehnten bestehenden, zumindest impliziten Sicherheitsgarantien der Vereinigten Staaten kürzlich nach seinem Besuch bei Xi Jinping schwer erschüttert, indem er in Aussicht gestellte Waffenlieferungen an Taipeh zu „wertvoller Verhandlungsmasse“ in einem Handelsdeal mit Peking degradierte.
Die Folgen, die eine Blockade oder ein Krieg um die Insel für die Weltwirtschaft hätte, dürften die des derzeitigen Konflikts am Persischen Golf noch in den Schatten stellen.
