Herr Herrenknecht, wir sind aus Frankfurt zu Ihnen in den Schwarzwald gekommen, um über die Commerzbank zu reden!
Auf die Banken können wir später kommen, zuerst müssen wir über Deutschland sprechen: Unser Land ist auf dem Weg zu einer Bananenrepublik. Man hat das Gefühl, viele unserer Politiker leben in einer Blase und kriegen nicht richtig mit, was wirklich passiert: in China, in Vietnam oder auch in Indien. Wir machen uns was vor und haben das Gefühl, wir sind noch die großen Kings. Das ist unser größtes Problem in Deutschland. Denn wir sind in einer beschissenen Situation.
Die Arbeitskosten. Ein Monteur hier bei uns in Deutschland bekommt 49 Euro pro Stunde, in China zehn, in Indien 15 Euro. Das ist das größte Problem. Ich habe das auch schon mit anderen Unternehmenschefs besprochen. Bei der Endmontage von Autos beispielsweise liegen wir in Deutschland bei dem Fünfzehnfachen von dem, was in China anfällt. Die Belastungen sind so nicht mehr wettbewerbsfähig.
Wir konnten uns gerade bei einem Rundgang über das Werksgelände überzeugen: Die Herrenknecht AG baut hier in Schwanau mit mehr als 2000 von insgesamt 5400 Mitarbeitern unter anderem große und individuelle Maschinen für den Tunnelbau. Drohen Sie mit der Abwanderung der Produktion?
Lassen Sie mich noch einen Satz zur lange wichtigsten Branche Deutschlands sagen, der Automobilindustrie. BMW und Mercedes waren arrogant und haben gesagt: Wir bauen nur große Verbrennerfahrzeuge. Damit sind sie ins chinesische Messer gelaufen. Dann haben die Grünen in der EU erreicht, dass der Verbrenner verboten wurde. Das war ein großer Fehler. Man sollte nicht per Order des Mufti bestimmen, was gemacht wird. E-Mobilität kommt, das ist klar. Aber auch Verbrenner wird es noch in 50 Jahren geben, denn sie werden in Flächenländern wie Spanien oder Ägypten gebraucht. Ich sage Ihnen als Ingenieur: In der Sahara kann man gar keine Ladestationen bauen.
Sie sind viel im Ausland unterwegs, klagen Sie da auch so über unser Land?
Nein, aber unser Ruf ist schon ramponiert. Der Transportminister in Oman hat mich letztes Jahr gefragt: Könnt Ihr noch Maschinen liefern? Im Ausland grassiert das Gerücht: In Deutschland wird nur vier Tage in der Woche gearbeitet, und dazu im Homeoffice. Dann sage ich: Zumindest in Süddeutschland sind wir ganz so weit noch nicht.
Sie sind ordentlich in Fahrt. Was müsste sich ändern?
Wir müssen härter arbeiten, nur so ist Deutschland noch zu retten. Ich habe das auch schon mit CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann besprochen. Wir müssen wieder zurück auf 40 Stunden Regelarbeitszeit. Außerdem sollten die ersten fünf Überstunden je Woche steuerlich begünstigt und sozialabgabenfrei sein. Das würde uns helfen, gerade den Leuten mit geringen Löhnen. Meine Mitarbeiter müssen mehr in der Büchse haben! Wenn sie jetzt Überstunden arbeiten, bleiben von 100 Euro Überstundenlohn nur rund 50. Für die unteren Lohngruppen muss netto viel mehr rauskommen. Ich wäre auch bereit, drei Prozent mehr Steuern zu zahlen, wenn ich wüsste: Das kommt bei Egon und Fritz an, die bei uns morgens um sechs Uhr anfangen.
Haben Sie darüber schon mit Ihrem neuen grünen Ministerpräsidenten Cem Özdemir gesprochen?
Zwischen Herrn Özdemir und mir herrscht zurzeit Funkstille. Ich habe der CDU viel gespendet. Aber die waren naiv, haben ihren Vorsprung vor der Landtagswahl verspielt, weil sie auf das Rehaugen-Video reingefallen sind. Daraus ziehe ich folgende Lehre: Künftig spende ich nur noch, wenn da Leute beraten, die wissen, was sie tun. Außerdem hat die CDU hier im Ländle nach der Wahl schlecht verhandelt: Herr Hagel hätte sich nicht mit dem Innenministerium abgeben dürfen, sondern hätte das Wirtschafts- und Finanzministerium verlangen müssen. Und zumindest das Finanzministerium hätte er erhalten müssen, denn ohne Finanzen kannst du nichts erreichen.
In Berlin haben sich Union und SPD immerhin auf eine Gesundheitsreform verständigt. Was muss sich noch ändern?
Die Bürokratie überfordert alle. Wir haben hier bei uns am Standort ein Logistikzentrum gebaut. Das hat dreieinhalb Jahre gedauert, bis wir beginnen konnten. In Indien hatte ich nach drei Monaten die Baugenehmigung für ein neues Werk. So was ist in Deutschland unmöglich, hier funktioniert nichts mehr. Die Brandmauer …
… zur AfD sollte die Union überwinden?
Ich bin gegen die AfD, ganz klar. Entscheidend ist aber: Was passiert, wenn nach Wahlen in ostdeutschen Bundesländern tatsächlich ein oder zwei AfD-Ministerpräsidenten im Amt sind – wie gehen wir dann damit um? Da kommen schwierige Fragen auf uns zu.
Was bedeutet das für Ihr Unternehmen? Ziehen Sie Konsequenzen und bauen in Deutschland ab und fertigen zunehmend in China?
In China bauen wir eher ab und stocken in Indien auf. In China machen wir vor allem noch Service für laufende Projekte und Refurbishment. Neue Projekte sind da keine mehr zu bekommen. Da werden wir ausgesperrt, oder wir bekommen mitgeteilt, dass es um ein Militärprojekt geht. Um den asiatischen Raum, etwa Japan und vor allem Taiwan, weiter beliefern zu können, bauen wir in Indien aus. Und das Werk hier in Deutschland wird bleiben, um für Europa und Amerika fertigen zu können. Da brauchen wir aber den Schutz der EU. Sie muss verhindern, dass die Chinesen mit Dumpingpreisen den Markt kaputtmachen.
Also ginge es mit einem besseren Staat schon noch, in Deutschland zu produzieren?
Ohne Ausland kommen wir nicht mehr durch. In der Schweiz geht das offensichtlich. Die Schweizer arbeiten mehr, 42 Stunden in der Woche, 250 Stunden im Jahr mehr. Es gibt weniger Krankheitstage, weniger Urlaubstage, und der Kündigungsschutz ist sinnvoller geregelt. Wenn ich mich von einem Ingenieur trennen will oder muss, der zehn Jahre dabei ist, kostet mich das beim Arbeitsgericht zwischen 300.000 und 400.000 Euro. Bosch hat über vier Milliarden an Abfindungen bezahlt. Das muss man sich mal vorstellen.
Lassen Sie uns zu unserem eigentlichen Anliegen kommen: Für den Bau von Tunnelbohrmaschinen brauchen Sie Bankdarlehen. Sie sind Kunde bei der Commerzbank. Was halten Sie von der geplanten Übernahme durch die italienische Bank Unicredit?
Ich muss da vorsichtig sein, denn Herrenknecht ist auch Kunde von Unicredit. Aber so viel kann ich sagen: Die Unicredit wird das von der Commerzbank auf mittelständische Unternehmen spezialisierte Kundengeschäft im gleichen Umfang nicht mehr weiter betreiben.
Wir brauchen in Deutschland eine Bank, die für den Mittelstand da ist, und das ist die Commerzbank. Unicredit wird die Bank so strukturieren, wie sie die HVB strukturiert hat, und wir haben dann keine Bank mehr mit starkem Mittelstandsfokus.
Die Hypovereinsbank ist immer noch stark im Firmenkundengeschäft. Was hat sich für Sie als Kunde geändert, seit Unicredit sie vor zehn Jahren gekauft hat?
Viele Entscheidungen werden in Mailand und nicht mehr in München getroffen. Die HVB kümmert sich nicht mehr so wie die Commerzbank um den Mittelstand. Nehmen Sie den Firmenkundenvorstand der Commerzbank, Herrn Kotzbauer: ein toller Typ! Der begleitet die Mittelständler, ob im Inland oder Ausland. Das wird weg sein bei der Unicredit.
Könnte das Mittelstandsgeschäft nicht auch eine andere Bank übernehmen?
Landesbanken teilweise. Aber die Commerzbank ist nun mal die Bank des Mittelstandes.
Die Deutsche Bank ist nicht schlecht, aber sie kümmert sich nicht so stark um den Mittelstand. Bis man als kleinerer Mittelständler dort mal dran ist und einen Kredit bekommt, kann es dauern.
Aber es werben doch alle europäischen Banken von BNP Paribas bis ING damit, dass sie sich um den Mittelstand kümmern wollen!
Dafür muss man eine gewisse Größe haben. Unser Unternehmen hat einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro, da gibt es keine Probleme. Neben Commerzbank und Unicredit arbeiten wir intensiv mit der Landesbank Baden-Württemberg, Deutschen Bank, HSBC und weiteren zusammen. Wir sind schon längst kein typischer Mittelständler mehr.
Warum sind Sie noch Kunde der Unicredit? Wie passt das zusammen mit Ihren dunklen Befürchtungen, dass die Commerzbank ähnlich enden wird wie die HVB?
Unicredit hat sich beworben und uns ein gutes Angebot gemacht. Aber noch mal: Die Unicredit hat ein anderes Geschäftsmodell als die Commerzbank. Die Unicredit kümmert sich weniger um die Mittelständler, sondern mehr um Großfirmen. Und das geht verloren, wenn die Commerzbank geschluckt wird.
Kriegen Sie Schwierigkeiten, wenn die Commerzbank verschwinden würde?
Wir sind abgesichert. Wir haben die fünf genannten Kernbanken. Und weitere Finanzpartner, mit denen wir schon seit Jahrzehnten gut zusammenarbeiten.
Und was wäre für kleinere Mittelständler so schlimm daran, wenn Kreditentscheidungen überwiegend in Mailand fallen würden und nicht mehr in Frankfurt?
Das ist alles zu komplex. So eine Bankverbindung ist ja über zehn oder 20 Jahre gewachsen. Die Commerzbank kennt ihre Mittelständler. Das lässt sich nicht aus dem Nichts aufbauen.
Unicredit wirft der Commerzbank ja vor, ihr Firmenkundengeschäft mit den vielen Auslandsstandorten sei überdimensioniert. Der von Ihnen angesprochene Firmenkundenvorstand Michael Kotzbauer hat darauf im Interview mit uns entgegnet, viele Mittelständler müssten zur Sicherung der Lieferketten ihre Auslandsgesellschaften autarker aufstellen und auch vor Ort finanzieren. Wie hat Herrenknecht das beim Ausbau des Standortes in Indien gemacht? Nutzen Sie auch indische Banken?
In Indien ist das Zinsniveau viel höher als in Deutschland, und als Unternehmen aus Deutschland ist man zudem einem hohen Währungsrisiko ausgesetzt. Die Rupie schwankt zum Euro stark. Da braucht man eine maßgeschneiderte Lösung mit Währungsabsicherung. Genau für solche Geschäfte bräuchte es die Commerzbank.
Ihren ersten Kredit als Unternehmer mussten Sie sich von Ihrer Mutter leihen, weil keine Bank Sie damals finanzieren wollte. Wir würden aber annehmen, dass schon im Sinne der Finanzstabilität es heute unter den Banken nicht ganz so große Unterschiede bei der Bewertung von Risiken gibt?
Ich kann aus eigener Erfahrung von früher sagen: Wenn Sie in Freiburg und Frankfurt Bankgespräche führen, kennt der Berater in Freiburg unsere Art zu wirtschaften, unser Prinzip. In den Frankfurter Bankentürmen fallen Sie als kleiner Mittelständler dagegen schon oft durch das vor der Kreditvergabe verwendete Nullachtfünfzehn-Raster. Selbst mit guten innovativen Ideen oder sogar schon einer guten Geschäftsentwicklung bekommt man dann keinen Kredit. Da wird man manchmal einfach abgeklemmt.
Die deutsche Bundesregierung lehnt Unicredit als Commerzbank-Käufer ab. Wie finden Sie das?
Das finde ich richtig. Deutschland braucht eine starke Mittelstandsbank. Die Deutsche Bank oder auch die Landesbanken können das nur zum Teil leisten.
Unter welchen Bedingungen wäre eine Übernahme akzeptabel?
Wenn der Kern der Commerzbank bliebe, wäre es in Ordnung, aber ich glaube, dass es eine andere Strategie geben wird. Deshalb würde ich eine Übernahme sehr bedauern.
Ist die Commerzbank nicht zu klein, und sollte sie nicht besser zusammen mit Unicredit einen europäischen Champion bilden?
Nein, die Commerzbank ist nicht zu klein. Großbanken sind oft zu weit weg, denen müssen Sie zu viel erklären, wie es vor Ort zugeht, welche Verbindungen es gibt, wie die Mitarbeiter ticken. Da ginge einiges verloren.
Sie verbinden Länder mit Tunneln. Sind Sie kein Fan der EU?
Ich finde die Idee gut. Aber der Laden ist nicht mehr kontrollierbar. Wenn ich nur an die Infrastruktur denke: Die EU vergibt dreistellige Milliardenkredite an Länder wie Italien. Mit den Mitteln werden dann erfreulicherweise meistens europäische Bauunternehmen beauftragt. Die aber kaufen ihre Technologien immer öfter zu nicht nachvollziehbaren Preisen in China. Dadurch geht massiv Wertschöpfung in Europa verloren. Wir müssen unsere Industrie und die vielen Arbeitsplätze, die an ihr hängen, viel umfassender schützen. Ich spreche das in Berlin und in Brüssel immer wieder an – bisher leider ohne Erfolg.

Wie sehr schmerzen Sie eigentlich die von Donald Trump verhängten Zölle?
Wir bezahlen für unsere Tunnelmaschinen einen Steuersatz von 15 Prozent. Wenn es mehr würde, müssten wir mehr Geschäft in die USA verlagern. Wir haben bereits einen Standort in Seattle, wo wir Abbauwerkzeuge produzieren. Dort könnten wir investieren. Aber derzeit planen wir das nicht.
Was erwarten Sie von Friedrich Merz?
Ich schätze Friedrich Merz. Im Ausland macht er das sehr gut, aber er hat in Deutschland ein großes Manko, weil er nie Ministerpräsident war. Die Typen in Berlin musst du kennen, die spielen über Bande.
Haben Sie noch Hoffnung für Deutschland?
Wir müssen jetzt in die Hände spucken. Wir sind wirklich in einer kritischen Situation. In Deutschland beginnt ein Umdenken erst, wenn zu 150 Prozent klar ist, dass man sonst gegen die Wand fährt. Wir brauchen jetzt ganz schnell ein großes Reformpaket.
