Während der 8. Mai, der Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, in der DDR als „Tag der Befreiung“ zum gesetzlichen Feiertag bestimmt wurde (und das Volk, der große Lümmel, die vielen gleichnamigen Boulevards als „Straße der Bereifung“ verspottete), begeht man das Kriegsende in Moskau bis heute einen Tag später, am 9. Mai, als „Tag des Sieges“ – Aufmärsche, Ordensverleihungen und eine martialische Militärparade inklusive.
In ihrem Buch „Ein Kapitel aus meinem Leben“ beschrieb Barbara Honigmann 2004, wie Moskauer Dissidenten dieses Datum Anfang der Siebzigerjahre ohne jede offizielle Aufforderung in einer Plattenbauwohnung feiern – mit einem feuchtfröhlichen Gelage sowie endlosen Flüchen auf Hitler, Stalin und alle Diktatoren dieser Welt, die vergangenen, die gegenwärtigen und die unvermeidlich kommenden.
Während ein Borschtsch im Ofen simmert, hört sie Lebens-, Lager- und Psychiatrie-Geschichten
In dieser funkelnden Skizze begegnen wir zum ersten Mal, ganz beiläufig, der 1905 in Riga geborenen, hundert Jahre und fünf Monate später in Köln gestorbenen Wilhelmine Magidson, verheiratete Müller, verheiratete Slawudskaja, genannt Mischka. Nun, gut zwanzig Jahre später, macht Honigmann diese Mischka zur Titelfigur eines Bandes, in dem sich die Autorin in drei Porträts abermals dem „Kosmos“ ihrer Herkunft nähert.

Honigmann, als einzige Tochter zweier jüdischer Kommunisten 1949 in Ostberlin geboren, lernt Mischka, eine enge Freundin ihrer Eltern aus den Komintern-Zeiten im Berlin der ausgehenden Zwanzigerjahre, vierzig Jahre später kennen, als sie an der Humboldt-Universität Theaterwissenschaft studiert und ihre Abschlussarbeit über den von Stalins Schergen ermordeten Avantgarde-Regisseur Wsewolod Meyerhold (1874 bis 1940) schreibt. In Mischkas Plattenbauküche in der Profsojusnaja uliza trifft sie auf Jewgenija Ginsburg, Lew Kopelew und dessen Frau Raissa, den Maler Boris Birger oder den Meyerhold-Spezialisten Boleslaw Rostotzki. Während meist ein aufwändiger Borschtsch im Ofen simmert, hört sie Lebens-, Lager- und Psychiatrie-Geschichten; im Schlepptau Mischkas, ihrer „Moskauer Mama“, besucht sie Intellektuelle in ihren Datschen in der Künstlerkolonie Peredelkino oder erlebt Wladimir Wyssotzki, den „russischen Bob Dylan“, auf der nackten Vorderbühne des Taganka-Theaters.
Stoff für einen Jahrhundertroman
In Mischkas Moskau eröffnen sich der Studentin aus Ostberlin zwei im Universum der alten Kommunistengarde fast unsichtbar gebliebene Sphären: die jüdische und die dissidentische. Gerade „die Welt der sowjetischen Dissidenten-Bewegung der frühen siebziger Jahre“, schreibt Honigmann, war „uns DDR-Kindern von Kommunisten noch viel verschlossener (…) als die jenseits des Eisernen Vorhangs“. 1963, als Alexander Solschenizyns erster Roman, „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, bei Knaur auf Deutsch erschien, war der vierzehnjährigen Barbara „Please Please Me“, das erste Studioalbum der Beatles, wichtiger.
Mischka ist es, die ihr, „nun sozusagen leibhaftig“, die „schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos“ aufschließt. „Eine neue Topographie eröffnete sich mir, die Ortsnamen Workuta, Kolyma, Magadan fügten sich nun zu denen, die ich mein ganzes Leben vorher gehört hatte, Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald sowie die Flucht- und Emigrationsrouten nach England, nach Amerika, nach Palästina, nach Shanghai.“ Eine intensive Zeit, die sich so nicht wiederholen sollte, obwohl Honigmann danach noch mehrere Male in Moskau war, zuletzt Anfang der Achtzigerjahre, und Mischka ihr weiter aus Moskau schrieb.
Mischkas Leben, das Honigmann auf sechzig Buchseiten entfaltet, böte Stoff für einen Jahrhundertroman. Aufgewachsen in der Familie eines jüdischen Holzfabrikanten in Riga, später bei Onkel und Tante in Moskau, holt sie Georgi Dimitroff mit 24 Jahren in die Berliner Redaktion der Komintern-Zeitschrift „Inprekorr“. Durch die Heirat mit dem Jugendfunktionär Kurt Müller („Kutschi“) wird sie deutsche Staatsbürgerin, was sie für die illegale Parteiarbeit wertvoll macht. Nach Moskau zurückbeordert, logieren Kutschi und Mischka zeitweise im berühmt-berüchtigten Hotel „Lux“. Die Partei schickt Kutschi zurück nach Deutschland, wo er rasch auffliegt und ins KZ gesteckt wird. Mischka wiederum wird 1936 vom russischen NKWD verhaftet – noch vor Beginn der großen Schauprozesse.
Die Leidensgeschichte wurde nie thematisiert
In Workuta, nördlich des Polarkreises und mehr als tausend Kilometer von Moskau entfernt, fällt die Holzindustriellentochter Bäume oder muss in Zwangsarbeit Moosbeeren unter dem Schnee pflücken. Nach Ablauf der acht Jahre, zu denen sie verurteilt wurde, bleibt sie 1944 als Deutsche weiter in Lagerhaft. Sie beschließt, sich nach zehn Jahren Haft umzubringen – und wird, wie durch ein Wunder, zwölf Tage vor Ablauf dieser selbst gesetzten Frist, entlassen. Allerdings nicht nach Moskau: Auf zehn Jahre Lager folgen zehn Jahre Verbannung in der Tundra, dort, wo schon die Gegner des Zaren schmorten.
Als Mischka, die in der Verbannung heiratet, 1955 entlassen und rehabilitiert wird, ist sie fünfzig Jahre alt, Stalin seit zwei Jahren tot. Zu dessen Todestag am 5. März findet in Mischkas Zweiraumwohnung fortan alljährlich ein rauschendes Fest statt, mit „Essenszuteilungen“ je nach Anzahl der abgesessenen Lagerjahre der Gäste. Bei ihren Besuchen in der DDR kleidet sich Mischka, die sich in Sibirien mit Schnee waschen musste, in „Exquisit“-Läden ein und stöckelt – Kultur ist ihr ebenso wichtig wie gutes Essen – auf eleganten Schuhen in die Dresdner Gemäldegalerie oder ins Barlach-Museum in Güstrow.
Ihre Leidensgeschichte wird nie thematisiert. Erst nach der Rückkehr aus der Verbannung erfährt sie, dass ihre Familie in Riga ins Ghetto gesperrt und ermordet wurde. 1975, Mischka ist siebzig, kann sie Kutschi zu dessen von Heinrich Böll in Köln organisiertem 75. Geburtstag in die Arme schließen – 44 Jahre nachdem das Paar in Moskau getrennt wurde. In den Achtzigern siedeln Mischka und ihr zweiter Mann Naum nach Köln über, in die Nähe des ausgebürgerten Freundes Lew Kopelew. Die Ausgewanderten, deren Freunde und Kinder treffen sich nun in Mischkas Kölner Küche, die doppelt so groß wie die Moskauer ist.
Das Gulag-System, so darf befürchtet werden, ist im Bewusstsein nicht weniger Menschen im Westen noch immer nicht angekommen. Man darf vermuten, dass der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 Barbara Honigmann mit dazu bewogen hat, diesen Lebensstoff wieder aufzugreifen.
Zwei weitere Geschichten vom Überleben und Sterben
Die zweite, wesentlich fragmentarischer gehaltene Geschichte des Bandes ist „Max und Yvette“ benannt – nach einem elsässischen jüdischen Ehepaar, das die deutsche Besatzung Frankreichs überlebt hat. Über diese andere jüdische Welt, die für Honigmann in vieler Hinsicht ein „Kulturschock“ war, als sie 1984 nach Straßburg kam, hat sie bereits in „Chronik meiner Straße“ (2015) geschrieben. Die exemplarischen Lebenswege von Mischka und Yvette werden von Honigmann verglichen: Die Gefahren, die Demütigungen, denen beide Frauen ausgesetzt waren – was war schlimmer? „Das soll man nicht fragen, haben beide gesagt. Sie haben beide überlebt. So viele andere haben nicht überlebt. Wozu zählen?“
Die letzte, nur knapp zwanzig Seiten lange Erzählung kreist um die Kinder der ehemaligen jüdischen Exilanten und Überlebenden der Lager, die „zweite Generation“ von Juden nach der Schoa, zu der auch Honigmann selbst zählt. Die um Anpassung bemühten Überlebenden und Rückkehrer gaben ihren Söhnen und Töchtern unauffällige Namen, den Jungen meist „Peter, Thomas, Klaus, Wolfgang“. Honigmann erzählt, sehr diskret, von diesen „Schmetterlingen in Lüften“, die man, egal, ob Thomas Brasch, der Schauspieler-Freund Peter oder ein „Th.“ aus der Straßburger Nachbarschaft, selten in einem „mittleren Aggregatzustand“ antraf. „Die Töchter fühlten sich aus irgendwelchen Gründen weniger berufen und weniger erweckt und sind deshalb auch weniger oft abgestürzt in Scheitern und Selbstmord und Verrücktwerden.“ Barbara Honigmann hat den Weg der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft gewählt, ein work in progress. Die offene Frage: „Wer sind wir und was.“
Barbara Honigmann: „Mischka“. Drei Porträts. Hanser Verlag, München 2026. 112 S., geb., 22,– €.
