Die Frankfurter Eintracht steuert langsam, aber unweigerlich auf eine Zerreißprobe zwischen der etablierten Klubführung und den Ultras zu. Die Vorkommnisse während des letzten Bundesligaspieltages der so enttäuschenden Saison 2025/26 haben die Entwicklung, die sich seit der Mitgliederversammlung inEnde Januar abzeichnet, noch einmal beschleunigt.
Nachdem während der Begegnung mit dem VfB Stuttgart drei Zuschauer durch abgefeuerte Raketen verletzt worden sind, steht Frankfurts Führungsspitze unter großem Druck, Maßnahmen zu ergreifen, um die Stadionsicherheit wieder zu gewährleisten. Maßnahmen, die der organisierten Fanszene in der Nordwestkurve, insbesondere den Ultras an ihrer Spitze, nicht gefallen werden.
Angedacht ist, den Zugang zur Nordwestkurve mit Drehkreuzen und Scannern zu kontrollieren, um zu verhindern, dass Pyrotechnik in großer Menge auf die Ränge gelangen kann und dass sich Fans weiterhin ohne die entsprechende Eintrittskarte Zugang verschaffen können, was ebenfalls ein Sicherheitsrisiko darstellt. Es könnte auch zu baulichen Veränderungen kommen.
Vergehen und Verstöße wurden in Kauf genommen
Bisher verzichtete die Eintracht darauf, das Stadionerlebnis in der Nordwestkurve einzuschränken. Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender Mathias Beck, sein Vorgänger Peter Fischer, Vorstandssprecher Axel Hellmann, der für Fanbelange und Stadionorganisation zuständige Vorstand Philipp Reschke, sie alle sind „Kinder der Kurve“ und stehen dem Geschehen im Fanblock grundsätzlich positiv gegenüber. Vergehen und Verstöße wurden buchstäblich in Kauf genommen, obwohl die Strafen bis zu eine Million Euro im Jahr erreichten.

Die Wucht der Fankurve ist zu einem Markenzeichen der Eintracht geworden, auf das sie großen Wert legt. Nun ist jedoch ein Punkt erreicht, an dem es für die Verantwortlichen gefährlich wird. Im juristischen Sinne der Organhaftung (persönliche Haftung mit dem gesamten Privatvermögen für Schäden, die durch schuldhaftes Handeln oder Unterlassen entstanden sind). Aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung.
Die Polizeigewerkschaft wirft der Eintracht schon lange frevelhafte Untätigkeit vor. Wenn nicht einmal Verletzte die Führung zum Eingreifen bringen, könnte die Einschätzung der Polizeigewerkschaft nach dem nächsten Unglück Allgemeingültigkeit erhalten. Feuerwehr und Polizei sind dabei, der Eintracht dezidiert Maßnahmen aufzuzeigen, wie die Sicherheit in der Nordwestkurve erhöht werden könnte. Kann es sich die Eintracht überhaupt erlauben, nicht zu reagieren, um einer Konfrontation mit den eigenen Fans auszuweichen?
Eine Konfrontation, die, von den Ultras ausgehend, schon länger besteht. Denn sie akzeptieren die Autorität des Vereins nur, wenn sie ihnen von Vorteil ist. Der Eintracht ist die organisierte Fanszene, die sie als Bestandteil ihrer Identität versteht, eine Herzenssache. Sie subventioniert Dauerkarten in der Nordwestkurve auf einen Preis von 190 Euro pro Saison, wo kommt man sonst noch in der Bundesliga für 11 Euro zu einem Heimspiel? Sie unterstützt Aktivitäten wie Auswärtsfahrten, Choreographien, Fanveranstaltungen und vieles mehr.
Die Nordwestkurve befindet sich quasi in Selbstverwaltung
Und sie hat die Nordwestkurve quasi in die Selbstverwaltung entlassen. Die Ultras stellen eine Art Blockpolizei, die rigoros die Regeln durchsetzt, die sie den Fans vorgibt. Zudem überlässt die Eintracht der Fanszene die Verteilung der Auswärtskarten. Es ist auch schon vorgekommen, dass Zuschauer mit gültigen Eintrittskarten verjagt wurden, um Ultra-Freunden Zutritt zu verschaffen. Diese Machtfülle hat zu einer Selbstherrlichkeit der Ultras geführt, die als Garde und als Leitorganisation von der Fanszene und auch von der Eintracht anerkannt wird.
Mehr noch, die Eintracht hat Anflügen von Größenwahn Vorschub geleistet, indem sie führenden Köpfen der Ultras exponierte Auftritte gestattete. Capos, so werden Anführer in der Szene genannt, durften bei der Siegesfeier anlässlich des Europa-League-Triumphes auf dem Balkon des Römers mitfeiern und ans Mikrofon, sie durften am Abend vor dem Pokalfinale 2018 gegen die Bayern in der „Frankfurter Botschaft“, dem großen Eintracht-Empfang in Berlin, eine Motivationsrede halten, und sie können im Stadion die Spieler nach Gusto in die Kurve holen oder auch wegschicken.
Die Ultras bezeichnen sich als die einzigen wahren Fans, da sie ihr Leben nach der Eintracht ausrichten, in Extremfällen 24/7. Sie blicken auf die anderen herab, weil sie nicht so bedingungslos die Eintracht lieben. Doch inzwischen sind Zweifel an dieser Darstellung angebracht, ob es wirklich immer nur um die Eintracht geht oder um die Ultras selbst und um den Kult, den sie treiben.

Auf einem riesigen Banner protokollierten die Ultras im letzten Bundesligaspiel dieser Saison gegen den VfB Stuttgart ihr Selbstverständnis. Bevor die Pyro-Show eskalierte und alles in Nebel verschwand, wurden zwei blocküberspannende Plakate entrollt: „Für keinen Spieler, für keinen Trainer, für keinen Funktionär. Nur für unsere Stadt und unseren Verein – Ultras!“ Was aber sind die Stadt und der Verein, wenn die Protagonisten nicht zählen? Dienen sie nicht nur als Symbole und Wappen, hinter denen sich die Ultras versammeln, um sich zu verwirklichen?
Ob sie bei ihrer Selbstverwirklichung der Stadt und dem Verein nutzen oder schaden, ist bei vielen Ultras, nicht allen, ein zweit- oder drittrangiger Gedanke. Waren die Ambitionen der Ultras nach ihrer Gründung 1997 lange Zeit nur auf die Kurve beschränkt, streben einige ihrer führenden Köpfe seit ein paar Jahren nach vereinspolitischem Einfluss. Es ist nicht so, dass die Ultras und ihre sportpolitischen Einstellungen (weniger Kommerz, geringerer Einfluss von Investoren, größerer Einfluss der Fans) für die alten Mächte der Eintracht mit dem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Mathias Beck sowie Vorstandssprecher Axel Hellmann an der Spitze ein rotes Tuch wären.
Die Ultras lassen ihre Muskeln spielen
Beck berief sogar den Ultra Benjamin von Loefen zum Vizepräsidenten, um die Kommunikation mit den organisierten Hardcore-Fans zu verbessern, Hellmann war Mitbegründer der Fan- und Förderabteilung der Eintracht und ist ein prominenter Verfechter von 50+1, das den Fußballvereinen die Mehrheit über Investoren sichert. Auch deshalb werden sie von den Ultras nicht direkt angegriffen – aber in einer Art hybrider Strategie doch unterminiert.
In einem Artikel in der Ultra-Postille „schwarzaufweiß“ unmittelbar vor der Mitgliederversammlung am 26. Januar dieses Jahres wurde der Klubführung pauschal vorgeworfen, Vetternwirtschaft zu betreiben und eine Selbstbedienungsmentalität entwickelt zu haben. Deshalb müsse auf der Versammlung durch eigene Kandidaten ein Stoppschild gesetzt werden. Am Ende des Artikels stand der Aufruf an alle Ultras: Auf zur Mitgliederversammlung!
In der Jahrhunderthalle ließen die Ultras dann ihre Muskeln spielen, über 1000 Getreue unter den 1800 Stimmberechtigten sorgten dafür, dass all ihre Kandidaten in die verschiedenen Gremien gewählt wurden. Noch sind die Ultras in den einzelnen Ausschüssen nicht stark genug vertreten, um ihre Linien durchzusetzen, wenn sie sich nicht mit der Mehrheitsmeinung decken. Aber der Fuß ist in der Tür, schon bei den kommenden Wahlen könnten sich die Verhältnisse zu ihren Gunsten drehen.
Im Oktober stehen die Wahlen zum neuen Präsidium an. Vizepräsident von Loefen hat in einem Interview mit der F.A.Z. angekündigt, Präsident Beck zu unterstützen. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass er als einer der führenden Ultras nicht von der Entstehung des Artikels gewusst haben sollte (genauso wie andere Ultra-nahe Mitglieder in Eintracht-Gremien), der die Vereinsführung pauschal in ein schlechtes Licht rückte. Im besagten Interview mit der F.A.Z. gab von Loefen jedoch an, während seiner Amtszeit nichts von Vetternwirtschaft und Versorgungsmentalität auf Führungsebene bemerkt zu haben.

Der Loyalitätskonflikt, in dem sich von Loefen befindet, ist unübersehbar. Einerseits sei er Ultra und werde es nach eigener Aussage immer bleiben, andererseits ist er als Präsidiumsmitglied den Vereinsinteressen verpflichtet, die einige Ultras regelmäßig verletzen. Eine Beruhigung in der brodelnden Fankurve, die sich die etablierten Kräfte mit seiner Berufung versprachen, ist nicht eingetreten.
Kann Vizepräsident und Ultra von Loefen weiter lavieren?
Von Loefen hat bisher zu den verschiedenen Ausschreitungen der Ultras geschwiegen – auch nach Stuttgart – und verweist auf die Zuständigkeit der AG und des zuständigen Vorstands Reschke. Durch die drei Verletzten beim Stuttgart-Spiel und die Erwartung der Öffentlichkeit nach einschneidenden Maßnahmen ist von Loefens Situation jedoch schwieriger geworden, weil Lavieren nun negativer besetzt ist. Bisher drangen Meinungsunterschiede zwischen dem Vizepräsidenten von Loefen gegenüber Präsident Beck und Vorstandssprecher Hellmann nicht an die Öffentlichkeit. Alle versicherten sich nach außen bei jeder Gelegenheit ihrer gegenseitigen Wertschätzung, obwohl es schon die ein oder andere Irritation gegeben hat.
Nach der Eskalation am letzten Bundesligaspieltag gibt es den ersten Kulminationspunkt, an dem die Visiere heruntergeklappt werden könnten, wenn über die Umsetzung neuer Sicherheitsmaßnahmen in der Nordwestkurve entschieden werden muss. Bisher ging es den Ultra-Politikern nicht um offene Konfrontation oder einen schnellen Führungswechsel, sondern um einen langsamen Aufbau von Einfluss.
Einerseits, weil sie trotz einiger ideologischer Unterschiede, was Kapitalmaßnahmen und Investorenmodelle betrifft, grundsätzlich die erfolgreiche Arbeit der Eintracht-Spitze zu schätzen wissen. Andererseits sind die Ultras noch nicht in der Position für einen aussichtsreichen Machtkampf, trotz ihres Coups bei der letzten Mitgliederversammlung. Im Moment sind die Ultras nämlich nur in dem Sinne mehrheitsfähig, als dass sie in der Vergangenheit ihre Getreuen bei den Mitgliederversammlungen erfolgreich auf die Beine brachten.
Die Verhältnisse genau zu quantifizieren, fällt sehr schwer
Eine Vielzahl der Mitglieder, die Masse der schweigenden Mehrheit, haben sie bisher nicht hinter sich. Deshalb zeichnet sich auch eine Auseinandersetzung ab, wie künftige Mitgliederversammlungen veranstaltet werden sollen, wie bisher nur in Präsenz oder hybrid, sodass die Mitglieder ihre Stimme auch von zu Hause aus abgeben können.
Gegen diese Idee hat sich von Loefen im F.A.Z.-Interview bereits ausgesprochen. Die Verhältnisse genau zu quantifizieren, fällt sehr schwer. Von den 160.000 Mitgliedern sind zwischen 1000 und 2000 Ultras, 19.000 Mitglieder stark ist die auf der Nordwestkurve versammelte organisierte Fanszene. Zur Fan- und Förderabteilung gehören 140.000 Mitglieder, 16.000 Eintrachtler treiben in den über 50 Sparten Sport. Grob geschätzt kann man davon ausgehen, dass für mindestens 12.000 Eintracht-Mitglieder die Ultras ausschließlich positiv besetzt sind.

Für die anderen verbinden sich in verschiedenen Abstufungen Fragezeichen, bis hin zur klaren Ablehnung, weil sie die negativen Begleiterscheinungen der Ultra-Kultur nicht zu tolerieren vermögen. Von Loefen ist daran gelegen, die positiven Dinge der Ultra-Kultur herauszustellen, das Soziale, den Gemeinschaftssinn. Im Gespräch mit der F.A.Z. nannte er es als eines seiner Ziele in seiner Position als Vizepräsident, eine große Zahl an Mitgliedern der Fan- und Förderabteilung für ehrenamtliche Tätigkeiten in den Sport treibenden Abteilungen zu gewinnen.
Er kann dabei auf viele Ultras setzen, die dadurch Zweiflern zeigen können, „wir sind doch gar nicht schlimm“. Wie schlimm die Ultras sind? Darauf bekommt man unterschiedliche Antworten, je nachdem wen man fragt. Wobei an dieser Stelle betont werden muss, dass es Unsinn ist, jedes Fehlverhalten in den Fan-Blöcken und außerhalb in Verbindung mit den Ultras zu bringen.
Aber sie verstehen sich als Speerspitze der organisierten Fanszene, und nicht wenige erklären sich sogar solidarisch mit Straftätern. Die Gesinnung in Teilen der Kurve hat sich so verändert, dass für den früheren Eintracht-Präsidenten Peter Fischer die Eintracht nicht mehr der Verein ist, den er kannte, weil ein Rechtsruck durch die Ränge gegangen sei, inklusive Rassismus und Homophobie.
Für Politiker und Polizei stellen Ultras eine Bedrohung dar, für Eintracht-Anhänger, für die Recht und Ordnung keine altmodischen und zu vernachlässigenden Verhaltensvorschläge sind, ein Grund zum Fremdschämen.
Für von Loefen, der betont, immer noch aktiver Ultra zu sein, und auch beim VfB-Spiel im Fanblock gesehen worden sein soll, ist die Ultra-Bewegung grundsätzlich positiv zu bewerten. Ansonsten gilt: Regeln müssen gesetzt, Einzeltäter bestraft, die Kommunikation mit der Szene muss aufrechterhalten werden. So sah es bisher auch der zuständige Vorstand Reschke – zumindest weitgehend.
Dass die negativen Begleiterscheinungen der organisierten Fanszene nachhaltige Schäden angerichtet haben, bestreiten die Eintracht-Verantwortlichen. Wenn man von den Strafzahlungen an den DFB im sechs- bis niedrigen siebenstelligen Bereich im Jahr absieht. Und die Erfolgsmeldungen bei der Sponsoren-Akquise sowie das überragende Standing der Eintracht in Politik und Gesellschaft belegen diese Einordnung.
Die Frage stellt sich jedoch, ob sich das Ansehen der Eintracht nicht auf Dauer verändern wird, wenn sie später einmal von Köpfen geführt wird, die in einer Gemeinschaft sozialisiert wurden, die Autoritätsverleugnung (ACAB = All Cops Are Bastards), sowie feindliche Aggressivität gegenüber Außenstehenden bis hin zur Gewaltbereitschaft verinnerlicht hat. Hellmann und Beck nimmt man es ab, wenn sie strafrechtliche Vergehen brandmarken. Gewaltverherrlichende Spruchbänder und Fan-Chöre in der Nordwestkurve thematisieren aber auch sie nicht.
Im letzten Saisonspiel gegen Stuttgart war nicht zum ersten Mal in diesem Jahr in Richtung gegnerische Fans zu hören: „Wenn wir wollen, schlagen wir euch tot.“ Die alten Mächte, Vorstandssprecher Hellmann und (nicht zu unterschätzen) die graue Eminenz Ehrenaufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Steubing werden nicht mehr ewig die Fäden in der Hand halten. Hellmann wird am 3. Juni seinen letzten Vertrag bei der Eintracht unterschreiben, Steubing feiert im September seinen 77. Geburtstag. Wenn sie in wenigen Jahren das Ruder aus der Hand legen, wer wird es übernehmen?
Die Ultras haben sich in verschiedenen Gremien in Stellung gebracht. Wolfgang Trollmann, ein ehemaliges führendes Mitglied der Hooligan-Vereinigung Brigade Nassau, sitzt im Verwaltungsrat, Vizepräsident Benjamin von Loefen würde sich freuen, in den Aufsichtsrat der AG einzuziehen.
