
Yad Vashem in Jerusalem ist die bedeutendste Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts. Ihr Besuch gehört zum Pflichtprogramm jedes Staatsgastes in Israel. Dass diese Institution, die von Überlebenden der nationalsozialistischen Judenvernichtung ins Leben gerufen wurde, einundachtzig Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur ihr erstes Bildungszentrum außerhalb Israels im Land der Täter eröffnen will, kann man mit Markus Söder als Ehre bezeichnen.
Das heißt allerdings keineswegs, dass dieses Projekt nicht auch Fragen aufwirft. Zwei Leiter deutscher Gedenkstätten haben die Sorge geäußert, die israelische Regierung, insbesondere die rechtsextremistischen Koalitionspartner Benjamin Netanjahus, könnten damit das deutsche Gedenken an den Holocaust in negativer Weise beeinflussen.
Welche Perspektive soll es sein?
Ihre Befürchtung, die geplanten Niederlassungen in München und Leipzig könnten einen Antisemitismusbegriff propagieren, der jede Kritik an Israel als antisemitisch einstuft, erscheint jedoch übertrieben. Man kann Netanjahu vieles vorwerfen, aber eine solche ausufernde Definition des Antisemitismusbegriffs nicht.
Bisher gibt es auch keine Anzeichen dafür, dass die israelische Regierung die Gedenkstätte Yad Vashem in diesem Sinne instrumentalisiert. Wenn dies tatsächlich so wäre, würde man zudem gerne wissen, warum sich die Kritiker dann nicht schon vorher zu Wort gemeldet haben, als deutsche Politiker Yad Vashem in den vergangenen Jahren besuchten?
Die Yad-Vashem-Dependancen in die deutsche Gedenklandschaft zu integrieren, dürfte gleichwohl nicht ganz einfach sein. Sollen und können sie etwas vermitteln, was deutsche Gedenkstätten nicht können? Und wenn ja, worin besteht dieses Proprium? Steht die Perspektive der in Israel lebenden Nachfahren der Holocaustopfer im Vordergrund? Gerät dadurch das Schicksal der in Deutschland gebliebenen Überlebenden ins Hintertreffen?
Nicht einfacher wird die Zusammenarbeit dadurch, dass sie – auch in der Gedenkkultur gibt es dieses Phänomen – eben auch Konkurrenz für die deutschen Gedenkstätten sind. Das alles sollte allerdings nicht davon ablenken, dass die wesentlichen Herausforderungen, vor der Yad Vashem und die deutschen Gedenkstätten derzeit stehen, die gleichen sind: Jugendliche wissen immer weniger über den Holocaust, und: Wie können Erinnerung und Gedenken funktionieren, wenn keine Zeitzeugen mehr leben?
