Wann haben Sie das letzte Mal Retsina getrunken?
Ich trinke nie Retsina. Das ist ein Wein der Generationen vor mir. Mein Vater hat noch sehr viel Retsina getrunken, traditionell hat man diesen mit Harz versetzten Weißwein zu getrocknetem Fisch und Olivenöl getrunken. Aber das ist vorbei. Der Geschmack der Griechen hat sich vollkommen verändert, er hat sich dem internationalen Weingeschmack angepasst. Heute trinken nur noch die alten Leute Retsina.
Für viele Deutsche war Retsina früher der erste griechische Wein, den sie probiert haben.
Ja, als die ersten Deutschen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Griechenland Urlaub gemacht und später in den Siebzigern viele Griechen in Deutschland Restaurants eröffnet haben, war Retsina allgegenwärtig, weil er haltbar, billig und gut mit dem Auto zu transportieren war.
Das hat in Deutschland den Ruf des griechischen Weins geprägt.
Ja, aber auch bei uns waren modernere Weine in den Siebzigerjahren noch selten. Als ich nach meinem Önologiestudium in Bordeaux nach Griechenland zurückgekehrt war und als junger Assistent des Kellermeisters in der damals schon bekannten Domaine Porto Carras die ersten trockenen Weine ohne Harz-Zugabe gekeltert habe, fanden die meisten Leute das ziemlich seltsam. Nach und nach haben diese Weine dann aber immer mehr Menschen überzeugt, und viele andere Produzenten sind unserem Beispiel gefolgt.

Sie gelten als einer der Pioniere des modernen griechischen Weinbaus. Für Ihre Ausbildung sind Sie aber nach Frankreich gegangen. Warum?
Ganz einfach: Frankreich war die bekannteste und renommierteste Weinnation, und Bordeaux war das berühmteste Anbaugebiet. Da wollte ich zum Önologiestudium unbedingt hin.
Und nach Ihrer Rückkehr haben Sie den griechischen Weinbau umgekrempelt …
Natürlich nicht allein, aber: Ja, wir haben vieles anders gemacht als die Winzergenerationen vor uns. Porto Carras hatte nicht nur eine französische Kellerarchitektur, sondern auch einen französischen Kellermeister und viele neue französische Fässer – und das wurde zum Vorbild für viele andere Weingüter und Winzer, und heute ist dieser internationale Weinstil der dominierende Stil in Griechenland.
Warum ist das ausgerechnet in den Achtzigerjahren passiert?
Der Beitritt Griechenlands zur Europäischen Union 1981 hat eine ganz wichtige Rolle gespielt. Plötzlich stand viel Geld aus Brüssel für Investitionen in neue Weinkeller, in Kellertechnik und in die Infrastruktur zur Verfügung. Es wurden eine Menge Weingüter gegründet und erweitert, die ganze Branche hat einen enormen Aufschwung genommen.
Wann haben Sie Ihr eigenes Weingut gegründet?
Ich habe 23 Jahre für Porto Carras gearbeitet, viele Jahre davon als Chefönologe und Kellermeister. In dieser Zeit habe ich unter anderem eine alte, autochthone Rebsorte, die damals praktisch vollkommen in Vergessenheit geraten war, wiederentdeckt und wiederbelebt: Malagousia. Wir haben damals einzelne fast verschwundene Reben von allen möglichen alten Sorten zu Testzwecken angebaut, es waren insgesamt 26 Sorten, und eine davon war Malagousia. Der fruchtig-aromatische Charakter dieser weißen Sorte hat mich sehr fasziniert, und 1976 habe ich dann das erste Fass mit reinsortigem Malagousia vinifiziert.

Warum waren all die Sorten praktisch verschwunden?
Wir wissen, dass es einst mehr als 300 Rebsorten in Griechenland gab. Davon sind mehr als die Hälfte während der Osmanischen Herrschaft zwischen 1450 und 1830 verschwunden, weil die Türken den Weinbau über die Jahrhunderte stark besteuert und damit viele Weinbauern zum Aufgeben gezwungen haben. Heute gibt es noch etwa 170 Sorten, einige davon haben wir erst seit den Achtzigerjahren wie Malagousia wiederbelebt.
Von Ihrem ersten Fass 1976 an hat sich Malagousia zu einer Rebsorte entwickelt, die heute in Griechenland bei Winzern und Konsumenten wieder enorm populär ist.
Ja, wir haben dann nach und nach vier Hektar Malagousia in Porto Carras angepflanzt und die ersten Jahrgänge gekeltert, und dann habe ich 1981 damit begonnen, in meinem eigenen Weingut Ktima Gerovassiliou in der Nähe von Thessaloniki Malagousia zu züchten und zu vinifizieren. Und als ich schließlich meinen ersten reinsortigen, teilweise in Barriquefässern ausgebauten Malagousia präsentiert habe, war das ein großer Erfolg. Heute ist die Rebsorte eine der beliebtesten in Griechenland.
Was macht Malagousia so besonders?
Das eigenständige, frisch-fruchtige Aroma, das sich von dem anderer weißer Rebsorten durch seine Zitrusnoten und feine Kräuterigkeit unterscheidet. Es ist sehr charakteristisch und passt perfekt zur griechischen Fischküche.
Lange haben Griechenlands Winzer auf internationale Rebsorten gesetzt.
Das tun manche noch immer. Aber die meisten konzentrieren sich inzwischen auf die autochthonen Sorten, die typisch für Griechenland sind. Das ist unsere Chance auf Einzigartigkeit und Eigenständigkeit.
Assyrtiko, Moschofilero, Agiorgitiko, Xinomavro und Mavrodaphne sind charaktervolle Rebsorten, mit denen sich die griechischen Winzer in der Weinwelt zeigen und behaupten können. Die Exporte vor allem in andere europäische Länder belegen das.
Was ist der wichtigste Exportmarkt für Griechenlands Winzer?
Deutschland steht an erster Stelle, gefolgt von Belgien. Aber sogar in Italien, Spanien und Frankreich interessieren sich die Leute immer mehr für neue Weine mit eigenständigem Profil.
Gibt es – außer Malagousia – eine griechische Rebsorte, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Ja, sie heißt Vidiano und hat in meinen Augen großes Potential. Sie wird erst seit zehn oder 15 Jahren wieder angebaut und kommerziell genutzt, ist aber eine sehr alte Sorte. Sie stammt aus Kreta, und ich habe sie für das Weingut Biblia Chora, das ich 1998 zusammen mit Vassilis Tsaktsarlis gegründet habe, als Erster nach Nordgriechenland gebracht. Wir haben daraus – mit einem kleinen Anteil Assyrtiko – unseren Sole Vidiano gekeltert, einen trockenen Weißwein mit viel Frische und intensiver Frucht, aber auch Kraft und Vollmundigkeit.
Kritiker nennen Ihren Sole Vidiano bahnbrechend.
Na ja, er zeigt eben, was in den alten autochthonen griechischen Rebsorten steckt. Vidiano zeigt perfekt, wie eigenständig und charaktervoll griechische Weine sein können.
