Ihre fünf Kinder hat Jeanette Hirsch im Taunusdorf Wehrheim bekommen, aber der Stolperstein mit ihrem Namen liegt in Frankfurt. Dort hat die Witwe ihre letzten Jahre verbracht, und von dort haben die Nationalsozialisten sie im Alter von 82 Jahren nach Theresienstadt deportiert. Wenige Wochen später ist Hirsch im Ghetto gestorben. Die Todesurkunde aus dem Lager vom September 1942 gibt als Ursache eine Darmerkrankung an.
Hirschs Mann Jacob, dessen jüdische Familie seit dem 18. Jahrhundert in Wehrheim nachgewiesen ist, war schon 1923 gestorben. Die fünf Kinder haben überlebt, weil sie Deutschland nach dem Novemberpogrom 1938 noch rechtzeitig verließen. In Großbritannien und Amerika schwiegen die Nachkommen der Ermordeten über Jeanette Hirschs Schicksal. Die Urenkel haben davon erst kürzlich von Forschern aus Deutschland erfahren. „Ich glaube, sie wollten die Kinder schonen“, sagt die Historikerin Angelika Rieber. „Wenn sich das Schweigen einmal eingebürgert hat, dann setzt es sich fort.“
Rieber erforscht seit Jahrzehnten die Lebenswege jüdischer Familien aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet. Jetzt hat sie zusammen mit dem Geschichts- und Heimatverein Wehrheim ein Buch über die Familie Hirsch herausgegeben und zum großen Teil selbst verfasst: „Vom Taunus in die Welt“. 800 Exemplare werden in diesen Tagen gedruckt. Am Sonntag um 17.30 Uhr wird der Band in der Heimatgemeinde der jüdischen Familie vorgestellt und auch verkauft. Wer kommen will, kann sich noch beim Geschichtsverein anmelden.

Die Buchvorstellung findet im Bürgerhaus in Wehrheim statt, aber ein Wehrheim-Buch soll es nicht sein. „Wenn man Regionalgeschichte nur so denkt, dass man guckt, was in einem Ort passiert, dann greift man zu kurz“, sagt Rieber. Die Erzählstränge der Autoren greifen stattdessen weit. Jeanette Hirschs erwachsene Kinder sind um das Jahr 1910 aus Wehrheim in nahe und ferne Städte gezogen. In Frankfurt, Offenbach, Hanau und Blumenthal, heute ein Stadtteil von Bremen, versprachen sich die Geschäftsleute bessere Möglichkeiten für Arbeit und Bildung. Auch in Bad Homburg, Frankfurt-Höchst und Duisburg ließen sich Familienmitglieder nieder. Wie die Hirschs verließen viele junge jüdische Familien seit der Industrialisierung die hessischen Dörfer. Die Mitgliederzahl jüdischer Gemeinden auf dem Land sank. Vor 1900 zählte die Wehrheimer Gemeinde 40 Mitglieder, im Jahr 1933 waren es noch 15.
Auch kamen die Ehepartner öfter aus weiter entfernten Orten. Die fünf Hirsch-Kinder heirateten Männer und Frauen aus der Nähe von Bad Kreuznach, von der Ahr und aus der Rhön, aus dem südhessischen Biblis und aus der Limburger Gegend. Die Familie Hirsch steht als Beispiel dafür, wie vernetzt die Regionen schon damals waren. Über die Generationen der Familie kommt noch die zeitliche Ebene hinzu. Im Buch kommen auch die Urenkel der Hirschs aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu Wort. Vier von ihnen nehmen sogar an der Buchvorstellung teil.
Um dem Leser einen Überblick zu verschaffen, berichtet eine ausführliche Einleitung systematisch von den verschiedenen Familiensträngen und den Orten, an denen die Hirschs lebten und leben. Die folgenden Kapitel sind nach Hochzeiten geordnet: „Jeanette Bendheim heiratet Jacob Hirsch aus Wehrheim“ heißt der erste Abschnitt. Ein paar Stammbäume wären in dem Band noch hilfreich gewesen, sagt Autorin Rieber. Das ließ sich nicht verwirklichen, obwohl ein Stammbaum der Hirschs beim Wehrheimer Geschichtsverein vorliegt.
Widersprüchliches Verhalten des Bürgermeisters
Ausgearbeitet habe ihn Vereinskollegin Michaela Reese, berichten der Vorsitzende Stefan Velte und Susanne Kolass aus dem Vorstand. Beide beschäftigen sich seit Langem mit der Historie des Dorfs. Kolass hat für das aktuelle Buch unter anderem die Geschichte Walter Hirschs beigesteuert, eines Familienmitglieds, das 1938 nach Kenia emigrierte, dort als Zahnarzt arbeitete und 1939 die Eltern und die Verlobte nachholen konnte. Velte erzählt von Tonbandaufnahmen des Vereins von Mitte der Achtzigerjahre, auf denen sich ältere Wehrheimer an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern.
Damals hieß der Bürgermeister der Gemeinde Heinrich Wilhelm. Olaf Velte, selbst Wehrheimer und ein entfernter Verwandter des Vereinsvorsitzenden, hat unter anderem die Zeitzeugen-Interviews ausgewertet und sich eingehender mit dem Mann beschäftigt. Bisher ist in Wehrheim nämlich offensichtlich erstaunlich wenig über den damaligen Bürgermeister geforscht worden. Wilhelms Verhalten erscheint widersprüchlich.
Die NSDAP hatte nach der Machtübernahme den bisherigen Bürgermeister von der SPD des Amtes enthoben und Wilhelm im November 1933 eingesetzt. Der Kommunalpolitiker war also offenkundig von Anfang an ein überzeugter Vertreter des nationalsozialistischen Regimes. Trotzdem soll er die letzten drei jüdischen Familien in Wehrheim, darunter auch einen Zweig der Hirschs, gewarnt haben, sodass sie vor dem Novemberpogrom 1938 noch rechtzeitig fliehen konnten.
Schon Anfang der Dreißigerjahre hat die Witwe Jeanette Hirsch Wehrheim verlassen. Das Haus, in dem sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre fünf Kinder zur Welt gebracht hat, steht noch immer in der Gemeinde. Möglicherweise hatte Hirschs Umzug schon mit einem veränderten politischen Klima im Dorf zu tun. Antisemitismus war vielerorts in Hessen schon vor 1933 verbreitet. Definitiv spielt eine Rolle, dass Hirsch in Hanau und dann Frankfurt zunächst bei ihren Kindern leben konnte. Seit dem Frühling 1942 wohnte sie im Jüdischen Altersheim. Im Sommer wurde sie deportiert.
