
Was immer Hendrik Wüst derzeit tut, wird entlang der Frage abgeklopft: Ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident (schon) auf dem Sprung nach Berlin? Zu seinem Besuch in Polen neulich stießen deshalb auch mehrere Korrespondenten aus der Bundeshauptstadt hinzu. Dabei handelte es sich bei der Reise um eine unspektakuläre Angelegenheit. Wüst pflegte die seit 25 Jahren bestehende Partnerschaft zwischen seinem Bundesland und der Woiwodschaft Schlesien, informierte sich zu Themen wie Cybersicherheit und Resilienz und besuchte erstmals die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Eigentlich hatte der nordrhein-westfälische CDU-Landesvorsitzende schon 2024 nach Polen fahren wollen, die Reise dann aber wegen des Ampel-Aus verschoben.
Nun ist die schwarz-rote Regierung in schwerem Fahrwasser. Der rasante und anhaltende Ansehensverlust des Kanzlers und CDU-Bundesvorsitzenden Friedrich Merz wird von Meinungsforschern als historisch einmalig beschrieben; die AfD hat die Union in den Umfragen hinter sich gelassen. Wüst dagegen steht auch in den bundesweiten Persönlichkeitsrankings gut da. Seine nordrhein-westfälische CDU rangiert dort, wo Merz die Union bei der Bundestagswahl hinführen wollte: klar über 30 Prozent. Das weckt die Phantasie mancher Medien und Parteifreunde. Wüst sieht sich mit mehreren Dilemmata konfrontiert.
Wüst setzt derzeit auf Minimal-Kommunikation
Nach derzeitiger demoskopischer Lage hat er beste Aussichten, aus der Landtagswahl in elf Monaten wieder als Sieger hervorzugehen – wenn er es vermag, seine Landes-CDU nach dem Motto „Es geht um NRW“ vom schlechten Bundestrend abzukoppeln. Das wird eine Gratwanderung, weil jedes seiner Worte auf die Goldwaage gelegt wird: Ist das ein Angriff auf Merz? Will er sich in Stellung bringen?
Einstweilen hält Wüst den Ball auffällig flach, gibt kaum Interviews in überregionalen Medien, geht selten in Talkshows. Allzu lange wird der nordrhein-westfälische Ministerpräsident diese Minimal-Kommunikation nicht mehr durchhalten können. Eben weil er sich im bald beginnenden Landtagswahlkampf von Schwarz-Rot in Berlin abgrenzen muss.
Dass sich ein nordrhein-westfälischer Regierungschef unabhängig von tatsächlichen Ambitionen oder Befindlichkeiten für Höheres im Gespräch halten muss, zählt gewissermaßen zur Amtsbeschreibung. Das soll sicherstellen, dass das bevölkerungsreichste Bundesland im föderalen Gefüge angemessen vertreten bleibt.
Aber ob der Anspruch tatsächlich machtpolitische Relevanz entfaltet, hängt von vielen, kaum zu steuernden Umständen ab. Im Fall eines Ministerpräsidenten von der CDU empfiehlt es sich außerdem, sich mit der Schwesterpartei aus Bayern abzustimmen – nicht ganz leicht, wenn es um Markus Söder geht. Vor fünf Jahren, als klar war, dass Angela Merkel keine weitere Amtszeit anstrebt, wäre es dem CSU-Chef beinahe gelungen, die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet zu verhindern.
Schon 2024 hat Wüst deutlich gemacht: Ich stehe parat
Umso bemerkenswerter ist, wie offensiv der sonst so risikobewusste Wüst in der Frage agierte. Im September 2024 war unionsintern längst klar, dass der CDU-Bundesvorsitzende Kanzlerkandidat werden würde. Wüst verstand es jedoch geschickt, den Eindruck zu erwecken, er habe Friedrich Merz den Vortritt gelassen und obendrein Söder unter Zugzwang gesetzt, es ihm im Sinne einer geschlossenen Union gleichzutun. Eine Kandidatur schloss Wüst aber ausdrücklich nur „aktuell und unter den gegebenen Umständen“ für die Bundestagswahl 2025 aus.
Zugleich machte er deutlich, dass er sie sich durchaus schon damals hätte vorstellen können. Viele Menschen und andere CDU-Landesverbände hätten den Wunsch geäußert, er möge auch über Nordrhein-Westfalen hinaus Verantwortung übernehmen. Wer das große Land Nordrhein-Westfalen regiere, müsse auch bereit sein, für die ganze Nation Verantwortung zu übernehmen, ließ er wissen. „Das gilt auch für mich.“ Hinter vorgehaltener Hand wünschen nun einige christliche Demokraten, es wäre möglichst bald so weit.
Es wäre ein unkalkulierbares Vorhaben. Für einen Kanzlerwechsel „im laufenden Betrieb“ gibt es kein Drehbuch. Einmal schaffte es die Union bisher, einen Ministerpräsidenten einzuwechseln. Die Sache ging aus ihrer Sicht allerdings nicht lange gut. Vor 60 Jahren folgte der baden-württembergische Regierungschef Kurt Georg Kiesinger auf Ludwig Erhard; die erste große Koalition wurde gebildet. Drei Jahre später aber verlor die Union dann erstmals eine Bundestagswahl, musste in die Opposition.
Gelingt es der Regierung Merz in den kommenden Monaten nicht, das Ruder herumzureißen, und gewinnt Wüst die Landtagswahl im April, nähme der Druck auf alle Beteiligten jedoch zu. Wenn Wüst auch noch sein zwar nicht skandal-, dafür aber weitgehend konfliktfreies Bündnis mit den Grünen fortsetzen könnte, statt ebenfalls auf die SPD angewiesen zu sein, würden sich noch mehr Augen auf das „Gegenmodell“ aus Düsseldorf richten.
