
Schon der Name der Enzyklika, die Papst Leo XIV. am Pfingstmontag persönlich in der vollbesetzten Synodenhalle des Vatikans vorgestellt hat, ist ein wichtiger Wegweiser. Sie heißt „Magnifica Humanitas“ („Großartige Menschheit“) und befasst sich mit der „Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Insgesamt durchweht den Text, der in der deutschen Fassung 121 Seiten umfasst, ein Geist zuversichtlicher Skepsis, nicht dystopischer Technikfeindlichkeit.
„Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl“, hebt die Einleitung an. Der Nutzen der KI für die Fortentwicklung der Menschheitsfamilie wird nicht in Abrede gestellt. Die Bedingungen dafür werden in der ersten Enzyklika des ersten Papstes aus der Hightech-Nation USA durchbuchstabiert. Bei der „entscheidenden Wahl“ der Menschheit im KI-Zeitalter handle es sich um die zwischen Babel und Jerusalem. Auf die biblische Erzählung von den zwei Städten greift die Enzyklika immer wieder zurück: von der Einleitung über das dritte und fünfte Kapitel bis zum Schluss.
Das Modell Babel und das Modell Jerusalem
Die Stadt Babel oder Babylon steht mit dem Bau eines Turmes „mit einer Spitze bis in den Himmel“ für „ein Werk, das ohne Bezug zu Gott konzipiert worden ist, gestützt auf eine Einheitlichkeit, die Vielfalt ausschließt und sich statt für Gemeinschaft für Vereinheitlichung entscheidet“. Babel offenbare somit „die Grenzen eines jeden noch so grandios anmutenden Gebildes, das aus der Verabsolutierung des Menschen entsteht, das die Würde der Menschen der Effizienz opfert“.
Dem „Babel-Syndrom“ stellt die Enzyklika das Modell Jerusalem entgegen. Im Buch Nehemia des Alten Testaments wird beschrieben, wie ein Teil des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückkehrt. Die Stadt liegt in Trümmern, die Mauern sind eingestürzt und die Tore niedergebrannt. Beim Wiederaufbau unter Führung des weisen Judäers Nehemia steht Gott im Mittelpunkt, noch ehe die Steine wieder aufgeschichtet werden.
Im Licht dieser beiden biblischen Bilder stelle der Heilige Geist uns heute die Frage „unserer Beziehung zur Technik und zur fortschreitenden digitalen Revolution“, fasst der Papst die Herausforderung des KI-Zeitalters zusammen. Grundsätzlich seien die wissenschaftlichen Entdeckungen „ein Talent, das der Menschheit anvertraut wurde, damit sie es fruchtbar“ mache: „Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen. Aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen.“
„Weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel“
Die erste Entscheidung sei daher keine zwischen einem Ja oder einem Nein zur Technologie. Abstrakt betrachtet sei die Technologie per se „weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel“. Konkret betrachtet sei sie aber auch „nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen“.
In den Kapiteln eins, zwei und vier wird der Anschluss der „Magnifica Humanitas“ an die Kirchliche Soziallehre seit der Enzyklika „Rerum Novarum“ („Über die neuen Dinge“) von Papst Leo XIII. von 1891 hergestellt. Es geht um die Selbstvergewisserung einer Kirche, deren Verkündung auf unverrückbaren Glaubensgrundsätzen beruht, die aber zugleich die Zeitläufe aufnimmt. Zentral für den Umgang mit dem neuen Phänomen der KI sind die Kapitel drei und fünf, in welchen es um „Technik und Herrschaft“ beziehungsweise um die „Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe“ geht, vulgo um Krieg und Frieden.
Im dritten Kapitel erteilt der Papst allen Vorstellungen von Post- oder Transhumanismus eine klare Absage. Verletzlichkeit, Unzulänglichkeit und Leidensfähigkeit seien die Grundlage für Fürsorge, Gemeinschaft und Liebe – und genau diese Basis untergrüben die falschen Propheten des Transhumanismus mit ihrem Credo der Perfektionierbarkeit des Menschen. Zudem wird in dem Kapitel die Forderung erhoben, dass der KI-Einsatz „von klaren Kriterien und wirksamen Kontrollen begleitet“ werden müsse, namentlich wenn es um „öffentliche Güter und Grundrechte geht“.
Mit Blick auf den Einsatz von KI bei der Kriegsführung wird im fünften Kapitel festgestellt, dass Konflikte heute immer öfter asymmetrisch und mit hybriden Mitteln geführt würden. Unzweideutig ist die Haltung Leos mit Blick auf eine „automatisierte“ Kriegsführung: Grundsätzlich sei es „nicht zulässig, tödliche oder jedenfalls irreversible Entscheidungen künstlichen Systemen anzuvertrauen“.
