Am Wochenende hat Metallica das Frankfurter Stadtbild mitgeprägt. Mehr als 120.000 Zuschauer besuchten die beiden ausverkauften Konzerte der Heavy-Metal-Band am Freitag und Sonntag im Waldstadion, 20.000 blieben als Besitzer von Tickets für beide Abende auch dazwischen in der Stadt. Sie folgten einem Trend im internationalen Konzertgeschäft, von dem auch Frankfurt profitieren könnte: Große Künstler streben immer mehr sogenannte Residencies als Alternative zur klassischen Tournee durch Dutzende Städte an. Sie bespielen kosten- und kräfteschonend einen Ort mehrfach und setzen auf die Reisefreudigkeit ihrer Fans.
Patrik Meyer, Geschäftsführer der Eintracht Frankfurt Stadion GmbH, fände fünftägige Residencies für Frankfurt erstrebenswert, noch längere Aufenthalte stünden der Vielfalt entgegen, die der Musikfan als eine Art Kurator im Blick behalten will für den Standort Frankfurt. Residencies bescherten der Stadt aber gewiss Mehrwert. Tourismuschef Thomas Feda bestätigt, dass die Auslastungsquote der Hotels an einem Konzertwochenende wie dem jüngsten deutlich höher liege.
Der Konzergigant Live Nation hat diesem Trend gemäß kürzlich in Paris die Arena „La Defense“ vom heimischen Rugby-Club Racing übernommen. Nach der Umgestaltung ist die erst 2017 fertiggestellte Arena Europas größte Konzerthalle mit einer Kapazität von bis zu 45.000 Besuchern. Dieses und ähnliche Investments sind Indizien dafür, dass Live-Events immer stärker gefragt sind, was auch ein starkes Argument für die von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Multifunktionsarena in direkter Nachbarschaft zum Stadion ist, die aufgrund deutlich geringerer Kapazität von bis zu 20.000 Besuchern einen anderen Markt bedient vor allem auch zu anderen Jahreszeiten außerhalb des Sommers.
Konzerte würden auch 75.000 Plätze füllen
Meyer widerspricht nicht, dass die noch vagen Zukunftspläne für ein größeres Frankfurter Stadion auch für den Konzertsommer nützlich wären. „Unser Stadion ist für den Konzertbereich technisch voll auf der Höhe, da haben wir überhaupt keine Modernisierungszwänge oder Nachholbedarf“, sagt Meyer. „In dem Bereich geht es aber vor allem um Kapazität, und natürlich würde uns ein Ausbau helfen.“
Das Büro gmp hat laut Architekt Hans Joachim Paap, in der Bauphase vor einem Vierteljahrhundert verantwortlich für den Bau und mittlerweile Partner in dem international für Stadionbau renommierten Architektenbüro, schon grundsätzliche Gedanken entwickelt, wie ein Ausbau vonstattengehen könnte. Dabei kommt das Zwiebelschalenprinzip ins Spiel. Wie bei der Lauchpflanze würde sich die Arena um einen weiteren Ring ausweiten, der außen an die Arena angebaut würde. Eine Kapazität von 75.000 Plätzen sei dadurch denkbar.
Während des Ausbaus wäre das Stadion fast komplett zu nutzen, was ein großer wirtschaftlicher Vorteil gegenüber einem Neubau an gleicher Stelle wäre, der für die Eintracht Einnahmeausfälle zur Folge hätte. Da sich in den 25 Jahren seit Baubeginn des neuen Waldstadions die Ansichten zu Nachhaltigkeit und der Wert von Beton verändert hätten, würden inzwischen die Prognosen, dass ein Stadion nur 25 bis 35 Jahre lang Bestand habe, geändert. Mittlerweile gehe man von mindestens einem halben Jahrhundert aus.

Das vielleicht charakteristischste Element des Stadions könnte zudem bei einem Ausbau erhalten werden: Das Faltdach, im Volksmund als „Cabrio“ bezeichnet, soll einfach ein paar Meter höher gehoben werden und könnte dann weiter seinen Dienst verrichten.
Dieses gehört schließlich zum Gründungsmythos für die Konzertarena, die das Waldstadion außerhalb der Fußballsaison ist. Der spätere Bürgermeister Achim Vandreike (SPD), seinerzeit als Sportdezernent zuständig für den Stadionneubau für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, soll 1990 als Konzertbesucher nass geworden sein, als es pünktlich zu Tina Turners Hit „I Can’t Stand the Rain“ zu regnen angefangen habe. Das einschneidende Erlebnis habe ihn später dazu bewogen, auf einer vollständigen Überdachung zu beharren.
Die mobile Lösung der Faltdachkonstruktion hat die Arena deutlich attraktiver gemacht als erhofft. „Es gab damals Zuschüsse für die Multifunktionalität, was die Planung ermöglichte“, sagt Architekt Paap. „Dass das Stadion so einschlägt, war aber nicht zu erwarten.“
In der mittlerweile als Stadionsommer vermarkteten fußballlosen Zeit zwischen letztem und erstem Bundesligaspieltag sowie in der Länderspielpause im Herbst hat das Frankfurter Waldstadion seinen Platz in der Champions League der Freiluft-Veranstaltungsorte. In diesem Sommer finden – inklusive Treffen der Zeugen Jehovas und eines Events der Kampfsportart MMA – an 18 Tagen Großveranstaltungen statt, im Vorjahr waren es sogar 21.
Die Attraktivität des Stadions hat viele Gründe: Das Rhein-Main-Gebiet liegt sehr günstig, ist durch den Flughafen gut zu erreichen. Das gilt gerade auch für internationale Besucher, die bei manchen großen Konzerten bis zu 80 Prozent der Eintrittskarten abnehmen.
Das Dach macht schon den Aufbau wetterunabhängig. Diese Planungssicherheit hilft, Geld zu sparen. Ein weiterer Faktor ist der Stadionmanager Meyer, der aus seiner vorherigen Tätigkeit in der Köln-Arena Erfahrungen und sein Netzwerk in die Stadion Frankfurt Management GmbH beziehungsweise seit 2020 die Eintracht Frankfurt Stadion GmbH als Hauptmieter eingebracht hat und in den zwei Jahrzehnten das Eventmarketing zeitgemäß weiterentwickelt hat.
Team Frankfurt siegt fast immer bei der Umbauzeit
„Wir helfen mit unserer Arbeit auch den Veranstaltern. In diesem Sommer nutzen wir beispielsweise eine Center Stage und haben von Metallica über Böhse Onkelz bis Helene Fischer die Künstler überzeugt, diese zu nutzen, was Umbauten spart und zudem die Kapazität auf ein Rekordniveau steigert“, sagt Meyer.
Bei Metallica wurde am Wochenende ganz nebenbei ein neuer Besucherrekord aufgestellt: 62.000 Menschen waren in der ausverkauften Arena, 2000 mehr als bei ausverkauften Eintracht-Heimspielen. Neben 48.000 Sitzplätzen auf den Rängen durften 14.000 Heavy-Metal-Fans in den Innenraum, der für den gesamten Sommer mit speziellen Platten abgedeckt ist. Nach dem Konzertsommer wird dann obligatorisch ein neuer Rasen für die nächste Bundesligaspielzeit verlegt. „Auch die Kosten für den Rasen teilen wir auf alle Bands auf, die hier gastieren, das spart abermals Kosten für den einzelnen Künstler.“
Die Voraussetzungen in Frankfurt mit vier Zugangstoren in den Innenraum stießen bei den Veranstaltern auf große Beliebtheit. Regelmäßig siegen laut Meyer die Teams in Frankfurt im Wettbewerb um die schnellsten Auf- und Abbauzeiten gegen ihre Konkurrenz an anderen Spielorten. Was für die Teams ein Spaß mit sportlichem Ansporn ist, ist für Veranstalter ein geldwerter Vorteil. Und ein weiteres gewichtiges Argument für den Konzertstandort Waldstadion.
