Ich beneide Menschen, die schlafen können. Einfach so. Am helllichten Tag. Die sich hinlegen, die Augen schließen, zwanzig Minuten wegnicken und danach wieder aufstehen, wie neu geboren. Ich kann das nicht.
Was den nächtlichen Schlaf betrifft, meldet meine Fitness-App morgens gewöhnlich eine Schlafqualität zwischen mäßig und gut. Was so viel heißt wie: Nachtschlaf okay. Aber Powernapping: Katastrophe. Ich kann mich hinlegen. Ich kann die Augen zumachen. Aber das war’s dann schon. Kein Wegdösen. Nichts dergleichen. Stattdessen im Kopf eine Betriebsversammlung störender Gedanken. Augen wieder auf. Zeitung lesen. Man muss nicht drumrumreden: Was Powernapping betrifft, bin ich ein Versager.
Jetzt las ich vergangene Woche eine Meldung aus Seoul, Südkorea. Dort hat, zum dritten Mal schon, ein Wettbewerb im Powernapping stattgefunden, die Han River Nap Competition. Ja, auch der Mittagsschlaf entwickelt sich zur Wettkampfform. Die Teilnehmer trafen sich am Han-Fluss, wo sie sich auf Matten zur Ruhe legten. Sie sollten müde, satt und möglichst einschlafbereit erscheinen. Gemessen wurde unter anderem die Herzfrequenz. Gewonnen hat ein Achtzigjähriger. Eine Sportart fürs Alter, offensichtlich. Das käme mir entgegen. Allerdings sind auch jüngere Konkurrenten nicht zu unterschätzen. Zweiter wurde ein 37 Jahre alter Büroangestellter.
Es reicht nicht mehr, mittags zufällig müde zu sein
Wenn Schlafen jetzt zum Leistungssport wird, muss man es auch so behandeln. Dann reicht es nicht mehr, mittags zufällig müde zu sein. Dann muss man sich Ziele setzen, Belastung steuern, Wettkämpfe planen. Man muss an seinem Wegnicken arbeiten. Der Kurzschlaf verlangt jetzt Professionalität.
Ich brauche also ein Trainingslager. Am besten im Odenwald. Wer etwas auf sich hält, trainiert ja nur noch in der Höhe. Vielleicht in Bad König. Vormittags erste Einheit: kontrolliertes Hinlegen. Danach Videoanalyse. Nachmittags zweite Einheit: Einschlafsimulation unter Wettkampfbedingungen, also mit Handy in Reichweite, das es zu ignorieren gilt. Abends Regeneration. Also Schlaf, sprich Trainingseinheit. Am Ende des Trainingslagers hoffentlich eine persönliche Bestzeit: Sagen wir mindestens einmal elf Minuten am Stück weggedöst.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Ein guter Trainer wäre auch wichtig. Einer mit Erfahrung, ein alter Mittagsschlafhase, der am Mattenrand steht und sagt: Du willst zu viel. Nicht attackieren. Ruhig bleiben. Solche Sätze hört man ja in jeder sportlichen Disziplin. Hier ergeben sie mal Sinn. Und dann die ersten Wettkämpfe, so stelle ich mir das vor. Erst mal regional. Die hessischen Meisterschaften im Wegnicken in irgendeinem verschlafenen Ort, in Bensheim vielleicht oder in Baunatal. Heute Hessenmeisterschaft, morgen vielleicht schon Champions League. Das geht ja manchmal schnell in jungen Sportarten. Halbfinale in Seoul. Finale in Sevilla. Ergibt Sinn, denn dort, in Andalusien, hat man ja seit Jahrhunderten ein viel entspannteres Verhältnis zur Siesta als anderswo.
Mit meinem aktuellen Trainingszustand bin ich zufrieden. Der Weg zum Leistungsschläfer ist zwar mühsam, aber was soll’s. Andere trainieren für Marathon, Ironman oder Mount Everest. Ich eben für das kontrollierte Wegnicken nach dem Mittagessen. Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass es schon auch etwas ermüdet, eine solche Kolumne zu schreiben. Ich lege mich deshalb kurz hin. Mal sehen.
