
„Als ich klein war, gab es eigentlich nur Literatur“, erinnert sich die 1982 in Teheran geborene Komponistin Elnaz Seyedi: „Es war die einzige Kunst, die im Krieg noch existierte. Ich habe als Kind und Jugendliche jede Menge gelesen. Es war mein erster Zugang überhaupt zur Welt außerhalb des Iran.“
Es blieb bekanntlich nicht bei diesem Konflikt zwischen Iran und Irak, dem ersten Golfkrieg. Gerade wieder herrscht Krieg, an der Straße von Hormus und in der Hauptstadt. Die Gewalt im Land ihrer Herkunft grundiert den Dialog mit der Komponistin, die seit zwei Jahrzehnten in Deutschland lebt und im April 2026 eine Vertretungsprofessur an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst angetreten hat.
„Ich habe immer Angst gehabt, jetzt sehe ich das Gesicht meines Bruders oder eine Freundin von mir“, sagt sie über die Bilder der Opfer der Massenproteste im Frühjahr. Die Kommunikation mit Familie und Freunden ist schwierig, zeitweise unmöglich, ihre eigene Homepage nicht immer erreichbar. Sie liegt auf dem Server eines Freundes in Iran, das Regime macht mit dem Internet, was es will.
Vorbild Luigi Nono
Der sogenannte Zwölftagekrieg zwischen Israel und Iran im Juni 2025 habe sie gelähmt: „Es hat mehr als zwei Monate gedauert, bis ich überhaupt wieder schreiben konnte.“ Etwas aufatmen konnte sie, „von Schönheit umgeben“, als Stipendiatin des Deutschen Studienzentrums in Venedig. In der Lagunenstadt fühlte sie sich auch ihrem Kollegen nahe, dem Venezianer Luigi Nono (1924 bis 1990): „Ich bin wegen ihm Komponistin geworden.“
Traumatisierend ist für sie seit Beginn des Jahres nicht nur die Angst um Angehörige. „Ich war wirklich schockiert, dass in meiner Umgebung alle so tun, als ob nichts passiert wäre“, sagt sie: „Ich werde immer als iranische Komponistin bezeichnet. Aber warum war ich in dem Punkt nicht iranisch genug, dass die Leute mich fragten, wie es mir geht?“ Sie, im Besitz auch der deutschen Staatsangehörigkeit, fragte sich: „Ist das hier wirklich mein zweites Zuhause?“
Erschreckend waren für sie im Frühjahr auch Anfeindungen der Anhänger des Schah-Sohnes Reza Pahlavi gegen ein Benefizkonzert in Köln. Das Kommas-Ensemble hatte seine Solidarität mit dem iranischen Volk unter dem Druck des Regimes erklärt, sprach sich aber gegen ein militärisches Eingreifen aus. Die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 hätten viel bewegt, sagt Seyedi. Pahlavi indes ist für sie kein Hoffnungsträger: „Nach der Ermordung Tausender Demonstranten im Januar, während das iranische Volk in einem tiefen Schock und Trauer versunken war, haben er und seine Anhänger begonnen, den Krieg gegen Iran zu rechtfertigen und aggressiv jeden kritischen Diskurs zu unterdrücken. Auch das ist repressiv und antidemokratisch.“
Vergessen wollen und erinnern müssen
Dass sich Gewalt buchstäblich in ihr Werk einschreibt, ist angesichts ihrer Biographie nicht verwunderlich. Ein drastisches literarisches Zitat steht am Anfang der Partitur zu „PS: and the trees will ask the wind“, einer „szenisch-musikalischen Spurensuche“, die sie zusammen mit dem ebenfalls aus Iran stammenden Ehsan Khatibi komponiert hat. „Eine Blutspur drang unter der Türe hervor“, heißt es im Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez. Die Kölner Aufführung des Jahres 2022 ist als Video dokumentiert. Auf ein explosives Geräusch und seinen Nachhall folgt eine Choreographie der Lichtkegel aus Taschenlampen, deren Positionen präzise notiert sind. Das blutige Zitat im Prolog legt eine Fährte in eine abstrakte Klanglandschaft, in der das Instrumentarium um Spachtel erweitert wird.
Seyedi beruft sich auf die Gedankenwelt der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und sieht ihre Arbeit im Spannungsfeld von Vergessenswunsch und Erinnerungsgebot: „Ich glaube, mit dem Stück haben wir zum ersten Mal eine für uns überzeugende Antwort gefunden. Es gibt so etwas wie kollektive Erinnerungen, kollektive Erfahrungen. Das ist definitiv ein Teil der Identität.“
Dabei soll „PS“ über „nationale Gebundenheit“ hinausweisen: „Leider gibt es immer etwas auf der Welt, das dieses Stück aktuell hält“, sagt die Komponistin und berichtet von Publikumsreaktionen. Nach der Kölner Aufführung Anfang 2022 sei es auf den russischen Angriff auf die Ukraine bezogen worden, 2023 auf den 7. Oktober: „Es gibt jeden Tag eine Katastrophe. Das ist unser Alltag.“
Musik als Denken in Beziehungen
Wie konnte ein Kind im Teheran der Achtzigerjahre zur Musik finden? Zu einer Schlüsselerfahrung wurde für Seyedi der Besuch eines Konzerts im Kindergarten ihres Bruders: „Ich war so fasziniert! Nicht von der Musik, sondern vom Zusammenspielen einer Gruppe von Kindern.“ Ihre Eltern sind zwar keine Musiker, aber zu Hause waren sowohl traditionelle persische als auch klassische Musik präsent: „Mein Vater hat immer Strawinsky gehört. Ich habe diesen Rhythmus genossen.“
Die Eltern erhörten schließlich ihre Bitte, und das Mädchen kam ebenfalls in eine Kindergruppe. Damals habe sie sich in die Gemeinsamkeit des Musizierens verliebt. „Und ich bin verliebt geblieben“, sagt die Komponistin und lacht: „Ich denke fast immer in Beziehung zu anderen, ich denke immer an den Gesamtklang oder an eine Farbe, die durch mehrere erzeugt wird.“ Die Spannung der Kommunikation steht für sie im Zentrum ihrer Arbeit.
Hörbar wurde diese Spannung im Februar 2026 beim Preisträgerkonzert des 70. Kompositionspreises der Landeshauptstadt Stuttgart. Seyedi war eine der drei Preisträgerinnen, auf dem Programm stand „absolute snow“ für Bassklarinette, Horn und Cello. Auch in diesem, 2021 entstandenen Werk gibt es einen literarischen Bezug. Inspiriert wurde es durch ein Gedicht des iranischen Autors Ahmad Reza Ahmadi (1940 bis 2023), das sich auch als Systemkritik interpretieren lässt. Das Trio findet sich auch auf einer 2024 bei Wergo erschienenen Porträt-CD. „Nur Poesie kann diese Erinnerungen aushalten und übertragen“, schreibt Seyedi im Kommentar zur Einspielung.
Zuerst wurde sie Informatikerin
In Teheran besuchte sie ein Gymnasium mit mathematischem Schwerpunkt. „Ich war 13, 14 Jahre alt, als ich Alireza Mashayekhi kennengelernt habe“, sagt sie. Der 1940 geborene Komponist hat in Europa studiert, ist mit der westlichen Avantgarde vertraut und eine Schlüsselfigur der iranischen Musikszene: „Ich war einfach fasziniert von seinem Engagement und seiner Energie. Das war für ein paar Jahre mein ganzes Leben.“
Die Eltern aber sahen die Tochter, was ja nicht nur für Iran typisch ist, eher in einem „vernünftigen Beruf“. Sie schloss daher zunächst ein Informatikstudium ab, auch wenn ihr bald klar wurde, dass sie Komponistin werden wollte. „Es gab eine unglaubliche Menge an Kassetten und CDs, die immer wieder kopiert wurden“, sagt sie über die Präsenz westlicher Musik in Teheran: „Die Generation von Helmut Lachenmann habe ich so noch kennengelernt. Wir haben versucht, die Werke auch zu analysieren. Aber es war immer ein Problem, an die Partituren zu kommen.“
In Bremen, wo sie von 2007 bis 2014 bei Younghi Pagh-Paan Komposition studierte, fehlte es nicht an Partituren: „Schon der Zugang zu den Quellen war wie ein Traum, der in Erfüllung gegangen war. Ich wurde abends immer rausgeschmissen, weil die Hochschule zumachen wollte.“ Zum Traum gehörte auch die Möglichkeit, klassische und zeitgenössische Konzerte zu besuchen. In Iran habe es kein wirkliches Musikleben gegeben, nun lief ihr in Donaueschingen der leibhaftige Lachenmann über den Weg.
Frankfurt hat Seyedi von 2018 an als Studentin und Stipendiatin der Internationalen Ensemble Modern Akademie kennen- und schätzen gelernt. Fünf Werke sind in einer „intensiven Zeit“ entstanden, darunter in Zusammenarbeit mit der deutsch-iranischen Künstlerin Natascha Süder Happelmann „awakening“, eine elektronische Klanginstallation für den Deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig 2019. Als Luxus hat sie es empfunden, in Frankfurt ein Jahr lang mit dem Ensemble der Akademie arbeiten zu können: „Es ist der beste Weg, zu den Musikern zu gehen und über die Ideen zu sprechen.“
Derzeit herrscht an der Musikhochschule vorlesungsfreie Zeit. Aber schon bald beginnt der Lehrbetrieb wieder. Als Professorin stellt Seyedi sich die Frage, was sie der jungen Generation mit auf den Weg geben kann: „Die Welt ist in einem komischen Zustand, und wir wissen eigentlich gar nicht, ob es wirklich ein Morgen gibt für die Kultur.“ Vielleicht müsse man auch erst lernen, Kraft aus der Schönheit zu schöpfen: „Ich glaube schon, dass die Kunst nicht überflüssig ist, auch wenn die Welt so traurig und chaotisch erscheint.“
Antrittskonzert von Elnaz Seyedi, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt, 17. November, 18 Uhr
