„Basically, it’s a show about talking.“ So erklärte es einmal einer der „Star Trek“-Macher auf einer Fan-Convention in Frankfurt am Main. Eine Fernsehserie über das Reden also? Das Diskutieren und Miteinander-in-den-kommunikativen-Austausch-Treten? Das hört sich doch ziemlich kopflastig an. So zumindest wirkte es auch auf die Verantwortlichen des US-TV-Netzwerks NBC, als man ihnen Anfang 1965 bei einem Testscreening den Pilotfilm „The Cage“ präsentierte. Ihr Urteil: „zu intellektuell“, wie Schöpfer Gene Roddenberry sich später erinnerte.
Ein philosophisch anspruchsvolles Drama
Was er ihnen gezeigt hatte, war ein philosophisch anspruchsvolles Drama über den menschlichen Freiheitsdrang und Gedankenmanipulation durch Außerirdische. Bemerkenswert war daran vor allem, dass der gefangene, gefolterte Captain Pike am Ende nicht auf Rache sann – sondern auch noch seine Hilfe anbot, mit den Fremden in den Dialog eintrat. Für die Verantwortlichen deshalb sicher zu wenig Action, zu viel Gerede. Was sie außerdem nicht überzeugte: Eine Frau namens „Number One“ übernahm als stellvertretende Kommandantin in der Abwesenheit des Captains die Leitung des Schiffes. Und eigentlich hatte Roddenberry sowieso etwas ganz anderes versprochen – einen „Wagentreck zu den Sternen“, also Wildwest im Weltraum.

Doch dann geschah etwas Außergewöhnliches. Da das Konzept dennoch Anklang fand, erhielt Roddenberry Erlaubnis und Mittel, einen zweiten Pilotfilm zu drehen. Allerdings mit der Einschränkung, er könne die Frau in der Kommandoposition nicht beibehalten – und solle am besten auch den Wissenschaftsoffizier streichen, einen heute als Spock weltbekannten Außerirdischen mit spitzen Ohren. Doch Roddenberry kämpfte und schaffte es, eine der beiden Figuren im zweiten Pilotfilm zurückzubringen: Spock war an Bord. „Number One“-Darstellerin Majel Barrett hingegen nicht; sie wurde später Roddenberrys Ehefrau. Er habe „den Außerirdischen behalten“ und die Frau geheiratet – „offensichtlich hätte ich es andersherum auf legalem Wege nicht tun können“, sagte Roddenberry später einmal.
Vordringen, wo noch nie ein Mensch zuvor war
Jetzt war „Star Trek“ geboren: das Konzept einer Fernsehserie, die nicht nur Woche für Woche ferne Welten, neue Lebensformen und fremde Zivilisationen entdeckte, sondern – in allen denkbaren Bereichen – dorthin vorzudringen suchte, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war.
Am 8. September 1966 wurde „The Man Trap“ im US-Fernsehen mit der legendären Stammbesatzung um Captain James T. Kirk (William Shatner) schließlich ausgestrahlt. Der eigentliche Geburtstag der Serie lässt sich sogar bereits auf den 6. September 1966 datieren, da das kanadische Fernsehen die Episode zwei Tage früher sendete. In Deutschland nahm das ZDF die Serie im Mai 1972 unter dem bekannten Titel „Raumschiff Enterprise“ ins Programm.
Ein implizites Credo von „Star Trek“ lautete schon damals: „Armut, Krankheiten, Krieg wird es in 50 Jahren nicht mehr geben“ – wie es die Schiffspsychologin Deanna Troi später im Kinofilm „Star Trek: Der erste Kontakt“ pointiert zusammenfasste. Und Captain Jean-Luc Picard ergänzte im selben Zusammenhang: „Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern. Und den Rest der Menschheit.“

Die vielleicht wichtigsten Meilensteine von „Star Treks“ Einfluss auf die Gesellschaft sind in jenen Anfangstagen zu verorten. Roddenberry versammelte etwa – mitten in der Zeit des Kalten Krieges und in den Jahren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – einen Russen (ab Staffel 2), eine in den „Vereinigten Staaten von Afrika“ geborene Frau und einen Außerirdischen als Brückenbesatzung, außerdem einen asiatischstämmigen Offizier. Und obwohl die Rolle der Kommunikationsoffizierin Uhura immer wieder als „Telefonistin“ beschrieben wurde, so schien die Serie doch gerade hier einen größeren Einfluss zu haben, als gedacht. Denn in dem Moment, da die Schauspielerin Nichelle Nichols ernsthaft überlegte, ihre Rolle aufzugeben, bat Dr. Martin Luther King sie persönlich, in der Serie zu bleiben, auch mit Blick auf ihre Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung, sie sei ein Vorbild für die Gleichberechtigung.
Nichols wurde dieses Vorbild – für viele junge Frauen und für ein kleines Mädchen, das später berichtete: „Ich schaute auf den Fernseher und sah sie. Ich sah diese schwarze Frau und rannte durch das ganze Haus und rief: ‚Kommt schnell, da ist eine schwarze Frau im Fernsehen, und sie ist kein Dienstmädchen!‘ Ich wusste in diesem Augenblick, dass ich alles werden kann, was ich will.“
Sie wurde es. Whoopi Goldberg avancierte zum Filmstar, erhielt einen Oscar und war in einer regelmäßigen Gastrolle Teil von „Star Trek“, als El-Aurianerin Guinan.

1977 gelang es dann der NASA dank der Mitwirkung von Uhura-Darstellerin Nichelle Nichols bei einer Rekrutierungskampagne, mehr Frauen für die Bewerbung als Astronautin zu gewinnen. Die Schauspielerin fragte damals provokant: „Sie haben nie in Betracht gezogen, die Qualifikation von Frauen und Minderheiten anzuerkennen?“ Und setzte nach: „Keine Frau auf dem gesamten Planeten, die qualifiziert genug ist?“ Während sich zuvor nur etwa 100 Frauen beworben hatten, waren es jetzt 1649.
Eine spätere Astronautin, die Nichols und „Star Trek“ ausdrücklich als Inspiration nannte, war Mae C. Jemison. Sie wurde 1992 die erste afroamerikanische Frau im Weltraum und trat 1993 in einer Nebenrolle in „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ auf.
Die Liste der prägenden Einflüsse von „Star Trek“ ist lang: Der erste Spaceshuttle-Orbiter wurde auf Betreiben der Fans von Constitution in Enterprise umbenannt; Apples Multimediatechnologie Quicktime wurde maßgeblich durch „Star Trek“ inspiriert – weil ein Offizier in der Serie sich mehrere Musikstücke gleichzeitig vom Computer wiedergeben lassen konnte –, der „Communicator“ in „Star Trek“ nahm in verblüffender Form Mobiltelefonie vorweg (ebenso verhielt es sich bei Tablets, Universalübersetzern oder Diagnosegeräten wie dem „Tricorder“), die Sprache Klingonisch wird mittlerweile international gesprochen sowie unterrichtet – und dass man Amazons Sprachassistentin Alexa ebenso aktivieren kann, indem man „Computer“ sagt, folgt dem Vorbild in „Star Trek“. Amazon bestätigt sogar: „Unsere Inspiration für Alexa war der ‚Star Trek‘-Computer.“

Das, wofür „Star Trek“ in diesen 60 Jahren wirklich steht, ist jedoch weitaus mehr. Der Film- und Serienkosmos komprimiert, diskutiert, analysiert in seinen Episoden Visionen einer Zukunft, die – geht man von der ursprünglichen Idee Roddenberrys aus – zumeist eine lebenswerte, positive ist. Eine Zukunft, in der die Menschheit zwar erst angesichts eines in „Star Trek“ erzählten dritten Weltkriegs über sich hinauswächst, sich dann aber konsequent der friedlichen Erforschung des Weltraums widmet, letztlich vielleicht auch der des menschlichen Geistes.
Das Grundkonzept der Episoden bleibt dabei weitgehend unverändert: Probleme und Herausforderungen der Gegenwart werden in Übertragung auf fremde Planeten und ihre Zivilisationen diskutiert. So beschäftigt sich etwa die Episode „Reue“ mit der Todesstrafe, „Das Standgericht“ analysiert Vorverurteilung, politische Hysterie und Schauprozesse, „Die Omega-Direktive“ fragt schließlich: Wie hältst du’s mit der Kernkraft?
„Star Trek“ versteht sich ebenso als Bibliothek für Bildung, Wissen und Neugier: Wer die mehr als 900 Episoden anschaut, kommt in Kontakt mit mehr als 50 Werken der klassischen Musik, mit den Schauspieltheorien Stanislawskis und Adlers, begegnet Leonardo da Vinci, Mark Twain, Amelia Earhart, sogar Apollo, setzt sich mit den Ideen Sigmund Freuds auseinander, hört von William James oder Thornton Wilder, versteht Rostands „Cyrano de Bergerac“ als Parabel auf den Umgang mit sozialer Angst und Anleitung zum Über-sich-Hinauswachsen, erlebt „Star Trek“-Fan Stephen Hawking beim Pokerspielen mit Albert Einstein und Isaac Newton; lernt, was es mit den querlaufenden Schotten der „Titanic“ auf sich hat oder wie fraktale Algorithmen praktische Anwendung finden können.
Bezüge zur griechisch-römischen Antike
Dabei gerät man beim Schauen genauso schnell in eine Auseinandersetzung mit Naturwissenschaft und Technik, die erstaunlich häufig an reale Forschung und wissenschaftliche Konzepte oder tatsächliche Probleme anknüpft. „Die Physik von ‚Star Trek‘“ ist ein Werk der Sekundärliteratur, geschrieben vom Physiker Lawrence M. Krauss. Eine wissenschaftliche Monographie von Otta Wenskus untersucht auf fast 300 Seiten Bezüge zur griechisch-römischen Antike; die Shakespeare-Rezeption in „Star Trek“ fällt noch umfassender aus – ein Kinofilm trägt sogar den Titel „Das unentdeckte Land“ als Hamlet-Referenz. Der bekannte Ratgeber von Dave Marinaccio schließlich heißt „Alles, was ich im Leben wirklich brauche, habe ich von Star Trek gelernt“.
„Star Trek“ ist in 60 Jahren ein Kosmos geworden, eine Welt, die nicht nur von Fans geschätzt und fortlaufend rezipiert wird. Denn obwohl es mit seinen Produktionen, insbesondere in der zurückliegenden Dekade, wieder mehr dazu tendiert, primär Unterhaltung zu sein und Roddenberrys Idee von einem Fernsehen, das Menschen „besser macht“, im Sinne von Bildung und Inspiration, weniger treu folgt, ist eines erkennbar: „Star Trek“ zeigt uns eine Welt der Möglichkeiten, des Bemühens um Verständigung, der positiv-neugierigen Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ und der Zuversicht. Was in einer Zeit wie der unsrigen wohl gleichermaßen relevant wie aktuell ist, als greifbare Utopie, als visualisiertes Gedankenspiel. „Und der Himmel ist das Limit“, heißt es in der Abschlussepisode „Gestern, heute, morgen“ von „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ als Vorausschau auf all das, was noch vor uns liegt und sich zu entdecken lohnt. Faszinierend.
