Sie sind schon aus der Ferne zu hören. Erst klingen die Trommeln und die Flöten bis zum Siegesdenkmal in Yorktown, dann schauen die schwarzen Dreieckshüte der Uniformen über dem Lattenzaun am Eck hervor. Die Leute haben ihre Handys längst gezückt, als die Formation vor dem Obelisken aus weißem Marmor ankommt. Sie stellen sich in den Schatten eines Baumes, es sind am Abend immer noch 33 Grad. Das ist dann doch nicht ganz wie damals, als auf dem Schlachtfeld keine Rücksicht auf das Wetter genommen werden konnte. Zum Glück.
Wo heute die Musiker stehen, wurde der Sieg der Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg besiegelt. Die Geschichte ist am Fuße des Denkmals festgehalten: wie die britische Armee sich dem Oberbefehlshaber George Washington nach einer 19 Tage langen Blockade durch amerikanische und französische Truppen im Oktober 1781 ergab. Viele Besucher sind in Amerikafarben gekommen, rot, weiß und blau. Noch sind es ein paar Tage bis zum 4. Juli, aber das ist ohnehin nur der Höhepunkt des Unabhängigkeitsjubiläums. Gefeiert werden die 250 Jahre schon seit Monaten, besonders in Virginia.

„Wir begeben uns auf eine Zeitreise“, sagt Wade Xinos zu Beginn des Konzerts. Der Siebzehnjährige führt den Auftritt der „Fifes and Drums of York Town“ an, in dem die Geschichte, die Musik und die Instrumente vorgestellt werden. Sie spielen die Feldmusik von damals, mit Trommeln und Schwegeln, einfachen Holzflöten mit sechs Grifflöchern. Jede Kompanie hatte in der Schlacht mindestens einen „Drummer“ und „Fifer“ dabei, um Nachrichten auszutauschen. Er war zwischen zehn und 18 Jahre alt, wie die Musiker heute. An diesem Tag tragen sie wegen der Hitze die weiße Unteruniform der amerikanischen Soldaten. Die schweren Mäntel hängen in der Zentrale ein paar Straßen weiter und sind rot mit blauem Revers – in den Farben der Briten. Das sollte sie damals kenntlich machen und verhindern, dass sie vom Gegner angriffen werden.
Der Geschichte Respekt zollen
Die Gruppe feiert an diesem Samstag nicht nur 250 Jahre Vereinigte Staaten, sondern auch das fünfzigjährige Bestehen. Xinos, dessen Zwillingsbruder auch bei den „Fifes und Drums“ spielt, ist seit sechs Jahren dabei und fährt für die Probe jede Woche eine Dreiviertelstunde nach Yorktown. Er hatte die Musiker immer mal wieder marschieren sehen, bevor seine Mutter ihn mit elf Jahren anmeldete. Heute sagt er, etwas Besseres hätte ihm nicht passieren können. Es gab nur einen kurzen Moment, in dem er als Teenager mal überlegt hat, dieses ungewöhnliche Hobby aufzugeben.
Für Xinos geht es um die Freundschaften und die Gemeinschaft, aber auch darum, der Geschichte Respekt zu zollen. Mit den Auftritten zum Unabhängigkeitsjubiläum würdigen sie in seinen Augen das Erbe derjenigen, „die vor uns kamen“. Er selbst will nach der Schule zur Air Force, Kampfpilot werden. Was die Gruppe mache, sagt Xinos, sei „zu hundert Prozent unpolitisch“. Wer innerhalb der Ränge aufsteigen will, muss sein Geschichtswissen nachweisen. Aber der junge Mann sagt, wer in dieser Gegend aufwachse, könne ohnehin nicht blind für die Kolonialgeschichte sein.
Die Straßen im Südosten Virginias sind von braunen Schildern gesäumt, die historische Orte anzeigen. Hier liegt das sogenannte historische Dreieck, dessen Orte heute durch den „Colonial Parkway“ verbunden sind. Jamestown als erste dauerhafte englische Siedlung 1607, Williamsburg als Ort, an dem die Idee der amerikanischen Unabhängigkeit von der britischen Krone reifte, und Yorktown als einer der Schlusspunkte der erfolgreichen Emanzipation. Dass das runde Jubiläum hier besonders aufwendig begangen wird, liegt nahe. Virginias Kommission zur Feier der Unabhängigkeit wurde schon vor sechs Jahren gegründet, die zugehörige Website bewirbt „mehrjährige Feierlichkeiten“. Der „Semiquincentennial“, der 250. Geburtstag, sei zwar nicht einfach auszusprechen, aber umso einfacher zu begehen.
Nicht alle Amerikaner sind stolz
Wie einfach das wirklich ist, darüber scheiden sich die Geister. In einer jüngsten Umfrage gab ein Drittel aller befragten Amerikaner an, sie seien nicht stolz auf ihr Land. Der politische Graben schien hier überdeutlich: Mehr als neunzig Prozent aller Republikaner zeigten sich stolz, aber nur 45 Prozent aller Demokraten und gut sechzig Prozent der befragten unabhängigen Wähler. Diese Tatsache dürfte auch die Debatte darüber befeuert haben, inwiefern Präsident Donald Trump das Jubiläum zu seinem eigenen Feiertag gemacht hat. Für diesen Samstag war eine Rede Trumps auf der National Mall in Washington angekündigt, die er selbst als „Rally“ bezeichnete, üblicherweise der Ausdruck für eine politische Kundgebung.
In Virginia hebt die Kommission hervor, die vielen Veranstaltungen seien eine Einladung, in den „Spiegel der Vergangenheit“ zu schauen, „vollständig und unerschrocken“. Man wolle die ganze Geschichte erzählen und sich abermals zur zivilgesellschaftlichen Erneuerung bekennen, die amerikanische Freiheit „nicht nur feiern, sondern aufrechterhalten“. Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, übernahm die ersten Sätze der Unabhängigkeitserklärung von 1776 fast wörtlich aus Virginias „Declaration of Rights“: dass alle Menschen gleich geschaffen sind und das Recht auf Leben, Freiheit und (bei Jefferson „dem Streben nach“) Glück haben.
Das freilich war lange noch ein Lippenbekenntnis. Jefferson selbst versklavte im Laufe seines Lebens mehr als sechshundert Schwarze. Der Höhepunkt der Sklaverei in Virginia kam Jahrzehnte nach der Unabhängigkeitserklärung. Washington, später der erste amerikanische Präsident, beschäftigte auf seinem Landgut Mount Vernon zum Zeitpunkt seines Todes mehr als dreihundert Sklaven. Dieser Gegensatz ist in der öffentlichen Geschichtserzählung heute kein Geheimnis mehr; die Museen in Mount Vernon und in Jeffersons früherem Landsitz Monticello nehmen ausführlich dazu Stellung.
USA-Bier, Schlüsselanhänger und Spinnwolle
Die letzte Sklavenauktion in Williamsburg fand 1994 statt. Es war eine Nachstellung im Freilichtmuseum „Colonial Williamsburg“, zu der mehr als 2000 Zuschauer kamen. Der Aufschrei war groß, Kritiker beklagten geschmacklose Schaulust. Das Museum wiederholte die Aufführung nicht. Es ist nicht immer einfach, Geschichte nahbar zu machen. Doch Colonial Williamsburg lebt davon, dass die Besucher durch die historische Stadt laufen können. Durch das Kapitol aus rotem Backstein, in dem über die Unabhängigkeit diskutiert und das zu Zeiten der Great Depression wiederaufgebaut wurde, strömen heute Schülerklassen.

An diesem Samstag erwartet das Freilichtmuseum mehr als 20.000 Besucher zum Jubiläum. Gerade werden mobile Toiletten vor dem Haus George Wythes abgeladen, eines der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Auf dem Rasen vor dem Gouverneurspalast stehen Leinwände, Scheinwerfer und Lautsprecher. Die Besucher arbeiten sich wegen der Hitze von Baum zu Baum und Geschäft zu Geschäft. In der historischen Apotheke gibt es Seifen und USA-Bier, auf dem Marktplatz kostet ein Schlüsselanhänger mit einem Pergament der Unabhängigkeitserklärung 4,39 Dollar, aber es gibt auch Spinnwolle. Wie früher, nur ohne Gebrauchsanweisung.
J. Nations ist schon oft hier gewesen, zuletzt mit ihren Enkelkindern. Gerade war sie im Kapitol und in der Raleigh Tavern, in der die amerikanischen Revolutionäre über ihre Visionen diskutierten. Geschichte ist für sie etwas Persönliches. Sie hat seit dem vergangenen Besuch Ahnenforschung betrieben und herausgefunden, dass ihre Vorfahren Abgeordnete im Parlament von Virginia waren. „Das macht die Geschichte hautnah“, sagt Nations, „das kommt nicht nur aus irgendeinem Buch.“ Deswegen hat sie den Dreistundentrip nach Williamsburg trotz der Hitze und der Gehbehinderung ihres Mannes noch einmal auf sich genommen.
„Gott, Familie, Land“
Es ist Zufall, dass Nations so kurz vor dem 4. Juli hier ist, sie und ihr Mann bleiben nicht für das große Fest. Aber für sie ist der Tag ein Grund zum Feiern. Als sie hörte, dass einige dazu aufrufen, das Jubiläum zu boykottieren, war sie entsetzt. „Warum würdest du den 250. Geburtstag boykottieren, weil du den Präsidenten nicht magst?“ Du musst dein Land lieben, sagt sie. „Insgesamt haben wir das gut gemacht“, sagt Nations mit Blick auf die Geschichte, „dunkle Episoden“ gebe es schließlich in allen Ländern. Sie ist nur traurig, dass die Amerikaner das große Jubiläum so gespalten begehen.

Die Schuldigen dafür hat Nations ausgemacht: „Race haters“, diejenigen, die Amerika entlang der Hautfarbe entzweien wollten. Sie hat selbst zweimal für Barack Obama gestimmt, sagt heute aber: „Schande über mich.“ Er habe die Amerikaner mit seinen Aussagen auseinandergetrieben, weil er sichergehen wollte, „dass alle Schwarzen die Demokraten wählen“. In den vergangenen Jahren hat die Frau aus Virginia dreimal Donald Trump gewählt. Dass er Zwietracht sät, findet sie nicht. Trump sei nicht „politisch korrekt“, aber es gebe von beiden Seiten keine Bereitschaft, die Gräben zu überwinden.
„Gott, Familie, Land“, anders sollte man es ihrer Ansicht nach nicht machen. Als besondere Gefahr sieht Nations deshalb die „liberalen Frauen“, die Familienwerte nicht mehr hochhalten und LGBTQI- und Transthemen unterstützen. Ihre Schwiegertochter ist eine von denen, aber Nations hält sich mit Bemerkungen zurück, weil sie Angst hat, dass sie ihr die Enkel sonst vorenthält.
Sie misst den Status der amerikanischen Gesellschaft auch daran, wie sie mit der Geschichte umgeht. Nations fand es falsch, dass in Virginia in den vergangenen Jahren Statuen früherer Südstaatengeneräle gestürzt wurden, auch wenn die für die Erhaltung der Sklaverei kämpften. Das sei respektlos. „Geschichte ist Geschichte“, die dürfe man nicht einfach verändern. Und früher war nun mal politisch korrekt, was heute nicht mehr politisch korrekt sei.
Den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten wird Nations zu Hause verbringen. Sie hat wegen der Reise nach Williamsburg dieses Jahr nicht dekoriert, normalerweise hängen rot-weiß-blaue Banner und eine Flagge am Haus. Aber vermutlich wird sie die Feierlichkeiten in Washington schauen, inklusive der Rede Trumps. Die würde ja vermutlich ohnehin nur auf Fox News übertragen, sagt sie. Dem Haussender der MAGA-Bewegung des Präsidenten.
