Die „tätige Nächstenliebe“, so eine Übersetzung des Wortes Caritas, hat nichts an Aktualität verloren. Der Bedarf ist da für einen großen Wohlfahrtsverband, der sich seit 125 Jahren für Bedürftige in der Stadt einsetzt. Der Verein ist mit rund 100 Einrichtungen auf vielen Gebieten tätig, darunter Kindertagesstätten und Krippen, Ganztagsbetreuung an Grundschulen, Hilfe für Wohnungslose, Quartiersmanagement und das Frankfurter Programm „Aktive Nachbarschaft“, Beratungsstellen für Familien, Schuldner, Schwangere, Migranten, Sozialkaufhäuser, Betreutes Wohnen und eine Seniorenwohnanlage sowie ambulante Pflege. Damit ist die Caritas ein Schwergewicht der sozialen Arbeit in der Stadt. 1800 Menschen sind beim Wohlfahrtsverband angestellt, und etwa 1300 arbeiten ehrenamtlich mit. Der Schwerpunkt der Arbeit? „Die Mehrzahl der Beschäftigten arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe, viele in Kitas“, sagt Gaby Hagmans, Direktorin der Caritas.
Der Verein ist aber nicht nur Träger all dieser Einrichtungen, sondern auch Dachverband aller katholisch-karitativer Einrichtungen in der Stadt, dazu zählen die neun katholischen Pfarrgemeinden, und Institutionen wie der Malteser Hilfsdienst, das Sankt-Katharinen-Krankenhaus und das Haus der Volksarbeit.

Die Mittel für die soziale Arbeit stammen hauptsächlich aus dem kommunalen Haushalt, sagt Christoph Bundschuh, der seit 1. Juli kaufmännischer Vorstand der Caritas Frankfurt ist. Die Stadt beauftragt die Caritas als einen von mehreren Trägern, zum Beispiel die Betreuung von Wohnungslosen, oder Kindertagesstätten und stationäre Jugendhilfeeinrichtungen bereitzustellen. Für die Pflege, zum Beispiel von Senioren, erhält die Caritas Mittel aus der Pflegekasse oder von den Krankenkassen. Drei Prozent seiner Mittel fließen dem christlichen Wohlfahrtsverband durch die Kirchensteuer zu, sagt Bundschuh. Doch auch Spender unterstützen den Sozialverband: Im vergangenen Jahr kamen so 1,2 Millionen Euro zusammen, die der Caritas einen Gestaltungsspielraum verschafft – ganz unabhängig von Vorgaben der Kostenträger. „Damit können wir in unserer Arbeit eigene Akzente setzen“, sagt Hagmans.

Die finanzielle Absicherung ihrer Arbeit sehen Bundschuh und Hagmans durch die Sparmaßnahmen des Bundes gefährdet, die sich im Sozialen schon bemerkbar machen und in den kommenden Jahren zu Einschränkungen des Angebots führen könnten. Die Vorstände der Caritas kritisieren, dass die soziale Arbeit „ein Luxus zu sein scheint“.
„Es sind die Trägervereine, die den Sozialstaat tragen, ihn erfüllen, ihn umsetzen“, sagt Hagmans. Und betont, dass die freigemeinnützigen Träger in Frankfurt mit rund 25.000 Beschäftigten ein großer Wirtschaftsfaktor seien. Im vergangenen Jahr belief sich der Umsatz der Caritas Frankfurt auf fast 90 Millionen Euro, 1800 Menschen stehen dort in Lohn und Brot. „Es ist richtig, wir leben von der wirtschaftlichen Prosperität des Landes, aber was zu häufig übersehen wird: Die soziale Arbeit der Wohlfahrtsverbände, etwa bei der Kinderbetreuung oder der Pflege von Senioren entlastet Angehörige, die dadurch überhaupt erst arbeiten gehen können.“
Die Caritas ist ein katholischer Wohlfahrtsverband, auch Hagmans und Bundschuh gehören der Kirche an, setzen aber auch eigene Schwerpunkte. „So wie Kirche sein sollte“, beschreibt Hagmans die Akzentsetzung des Vereins. Das könne auch mal zu einer „fröhliche Auseinandersetzung“ innerhalb der Kirche führen. Unter den Mitarbeitern der Caritas sind jedoch ganz verschiedene Religionen vertreten, sagt die Vorständin. Rund 40 Prozent sind Christen, 20 Prozent sind konfessionslos, aber auch Muslime, Juden, Buddhisten und Orthodoxe arbeiten für den Verband.
Anfangs nur zwei angestellte Mitarbeiter
Gegründet wurde der städtische Caritas-Verband in einem ganz anderen Frankfurt. Eine Stadt, die 1901 gekennzeichnet war von der wachsenden Industrialisierung. Zwar gab es erste staatliche Sozialversicherungen für Arbeitnehmer, aber Arbeitslosigkeit und Armut waren weiterhin existenzbedrohend. Stiftungen und kirchliche Einrichtungen übernahmen die Armenpflege, und am 27. September 1901 schlossen sich die katholischen Vereine der Stadt zusammen, um künftig gemeinsam „ein wachsames Auge auf alle bestehenden und entstehenden Notstände in der Stadt“ zu haben.
Anfangs bestand der Caritas-Verein aus zwei angestellten Mitarbeitern, die Hilfesuchende an die Suppenküche oder die Vinzenz- und Elisabethvereine verwies, die verwahrloste Jugendliche, Arme und Kranke betreuten. Die Jugendarbeit stand bald im Zentrum der Caritas-Arbeit. Der Verein übernahm die Vormundschaft für Vollwaisen, sorgte für sie bis zur Volljährigkeit und vermittelte Pflege- und Lehrstellen.
Nach dem Ersten Weltkrieg rückte die Armenfürsorge in den Mittelpunkt: Kriegsopfern musste ebenso geholfen werden wie jenen Menschen, die ihre Habe oder ihre Rente in den Inflationsjahren und der Weltwirtschaftskrise verloren hatten. Eine Zäsur bildete das Naziregime, das die Arbeit der freien Wohlfahrtspflege immer mehr einschränkte. Einrichtungen der Caritas wurden geschlossen, 1943 übernahm die „Volkswohlfahrt“ die 27 katholischen Kindergärten.
Suchdienst und Lebensmittel nach dem Krieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Verein mehr denn je zu tun: Ein Suchdienst für Soldaten entstand, ein Alten- und ein Jugendwohnheim, Hilfssendungen wurden verteilt, die Arbeit der Bahnhofsmission für Heimkehrer und Flüchtlinge ausgeweitet. Mit Lebensmitteln und Suppenküchen wurde die notleidende Bevölkerung versorgt.
In den Sechzigerjahren waren es Gastarbeiter, für die die Caritas Beratungsstellen mit muttersprachlichen Fachleuten schuf. In den Achtzigerjahren waren es Langzeitarbeitslose, für die Caritas eigene Beschäftigungsbetriebe gründete. Im neuen Jahrtausend kommen die Abschiebebeobachtung, Asyl- und Rückkehrberatung, die Elisabeth-Straßenambulanz für Obdachlose und vieles mehr hinzu.
Politische Umbrüche, gesellschaftlicher Wandel, Migration und neue soziale Herausforderungen haben die Arbeit des Verbandes geprägt. Die Antworten der Caritas darauf waren unterschiedlich, doch der Grundgedanke blieb: Not wahrzunehmen und den Betroffenen zu helfen, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten.
Gibt es auch neue Herausforderungen, denen sich der Verband stellen muss? Es sind nicht nur finanzielle, betont Vorstand Christoph Bundschuh, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen. Mit Sorge blicken beide auf die jüngsten Wahlergebnisse in ostdeutschen Bundesländern, in denen die AfD die Mehrheit der Stimmen geholt hat. Jene Partei, die schon angekündigt hat, Mittel für Flüchtlings- und Migrationsarbeit kürzen zu wollen. Das könnte auch Beratungsstellen der Caritas in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern betreffen.
„Wir brauchen eine starke Zivilgesellschaft, und dazu gehören entsprechende Strukturen“, sagt Hagmans. In Deutschland versammelten sich Menschen mit gemeinsamen Werten und Zielen daher schon immer in Vereinen: „Wir können Dinge selbst erledigen, wenn wir uns gemeinsam organisieren“. Hagmans beruft sich dabei auf die katholische Soziallehre, nach der eine starke Zivilgesellschaft ihre Aufgaben selbst lösen kann, der Staat dabei nur unterstützen soll.
„Dass die Caritas ihre Ziele schon seit 125 Jahren erfolgreich verfolgt, das darf man doch auch mal bejubeln, oder?“, fragt Hagmans. Der Rahmen dafür ist am Dienstag mit einem Festgottesdienst im Kaiserdom mit Bischof Georg Bätzing und Stadtdekan Johannes zu Eltz und einem Festakt in den Mainarcaden gegeben.
