Die 15.200 Wirtschaftsprüfer in Deutschland haben unterschiedliche Vorstellungen darüber, welcher Weg in die Zukunft der richtige ist. Das wird im Wahlkampf um die Besetzung des Beirats der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) deutlich. Vor dem Wahltag am 7. Juli bewegen den elitären Berufsstand so einige Kontroversen. Die Kluft verläuft zwischen großen Prüfkonzernen und kleinen Prüfungsgesellschaften, zwischen Pionieren der Digitalisierung und Traditionalisten oder zwischen Befürwortern von Private-Equity-Investoren und den Hütern der Unabhängigkeit.
„Die Wirtschaftsprüfer führen gerade einen heftigen Wahlkampf“, sagt Regina Vieler. Sie kandidiert für den Beirat der WPK und ist Präsidentin des 1961 gegründeten Deutschen Wirtschaftsprüfervereins (DWPV), der kleinere und mittlere Prüfungsgesellschaften vertritt. Im Wahlkampf geht es laut Vieler nicht nur um Personalien, sondern vor allem um die Frage, wie die Interessen kleinerer Kanzleien gewahrt werden könnten und wie sich die Unabhängigkeit des Berufsstands vor dem Einfluss von Finanzinvestoren schützen lasse.
Digitalisierungswelle erfasst die Wirtschaftsprüfer
Nach Einschätzung von Michael Gschrei haben kleine Wirtschaftsprüferpraxen andere Interessen als die großen. Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater ist Vorstand des Verbands für mittelständische Wirtschaftsprüfung (wp.net) und wurde 2011 dank einer von ihm durchgesetzten Reform des Wahlverfahrens kurzzeitig Präsident der Prüferkammer. Der 74-Jährige setzt sich schon lange für die kleinen und mittleren Prüfer ein. Während die Großprüfer ihr Geschäft weitgehend digitalisieren, bewegen die Kleinen laut Gschrei andere Themen. „Mittelständische Prüfer brauchen diese große Digitalisierungswelle nicht“, sagt er.
Wichtiger für kleine und mittlere Prüfgesellschaften sei ein Abbau von Bürokratie, woran die großen weniger interessiert seien. Der Berufsstand werde unter anderem mit anlasslosen Qualitätskontrollen überfrachtet und zusätzlich mit sogenannten Abschlussdurchsichten verfolgt. „Das ist nicht mehr verhältnismäßig“, sagt Gschrei. Regulierung und Kontrollen belasten laut DWPV-Präsidentin Vieler kleinere Prüfer überproportional, weil sie dafür weniger Kapazitäten bereitstellen könnten.
Warum ist die Wahl des WPK-Beirats wichtig? Die Wirtschaftsprüferkammer vertritt nicht nur die Interessen der Wirtschaftsprüfer, sie beaufsichtigt sie auch. Zu ihren Aufgaben gehören die von Gschrei angesprochenen präventiven Qualitätskontrollen oder die Durchführung des Wirtschaftsprüferexamens. Die WPK wacht darüber, ob die Prüfer ihre gesetzlichen Pflichten einhalten.
Die Zuständigkeit teilt sich die WPK allerdings mit einer anderen Einrichtung. Für Pflichtverletzungen im Rahmen von Bilanzprüfungen bei Unternehmen von öffentlichem Interesse ist daher nicht die Prüferkammer zuständig, sondern die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS). Die beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle angesiedelte Behörde kontrolliert Prüfer börsennotierter Unternehmen oder großer Banken und Versicherer.
Warum die Digitalisierung für Wirtschaftsprüfer wichtig ist
Die Digitalisierung ist für Wirtschaftsprüfer kein Selbstzweck. Sie rührt auch daher, dass die Kunden auf diesem Feld Innovationen vorantreiben. So sieht es etwa Felix Madeja, der als Finanzchef der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl auch deren digitale Transformation verantwortet. „Für unsere Mandanten ist die digitale Transformation längst ein zentraler Wettbewerbsfaktor“, sagte Madeja anlässlich der Veröffentlichung aktueller Geschäftszahlen.
Deshalb investiere Rödl gezielt in den Ausbau eigener technologischer Kompetenzen sowie in Partnerschaften und Beteiligungen in den Bereichen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automatisierung. Mit dem Aufbau einer eigenen KI‑ und Cloud‑Infrastruktur wolle Rödl Voraussetzungen schaffen, um digitale Lösungen unabhängig, sicher sowie im Einklang mit dem Berufsrecht und Datenschutz bereitzustellen.
Rödl zählt mit einem Umsatz von 785 Millionen Euro, davon 442 Millionen Euro in Deutschland, zu den Verfolgern der vier Großprüfer PWC, Deloitte, KPMG und EY, genannt „Big Four“. Die Digitalisierung reicht also weit in den Mittelstand hinein. Daher stellt sich die Frage, ob die Digitalisierungswelle wirklich nur die großen Prüfer betrifft und weniger die kleinen, wie es Wirtschaftsprüfer Gschrei beschreibt. Auch darüber gehen die Meinungen auseinander.

„Kleine Kanzleien können Künstliche Intelligenz ebenso sinnvoll einsetzen und mit neuen Technologien umgehen“, sagt Wirtschaftsprüferin und DWPV-Präsidentin Vieler. Doch gerade hier sei eine kritische Grundhaltung erforderlich. Der Berufsstand dürfe nicht in die Gefahr geraten, technologische Möglichkeiten zu nutzen, ohne zugleich die möglichen Nebenwirkungen ausreichend im Blick zu behalten.
Die KI könne Wirtschaftsprüfer dazu verleiten, Prüfungen zunehmend nur noch innerhalb digitaler Prüfungs- und Buchungssysteme durchzuführen. Dadurch könne der notwendige Blick nach außen, also auf das wirtschaftliche Umfeld der geprüften Unternehmen, verloren gehen. „Gerade dieser fehlende Blick auf externe Entwicklungen war aus meiner Sicht auch ein wesentlicher Faktor im Fall Wirecard“, sagt die Wirtschaftsprüferin.
Steuerberater liefern sich eine ähnliche Debatte wie die Bilanzprüfer
Eine ganz ähnliche Debatte führen gerade die Steuerberater, deren Berufsstand sich mit dem der Wirtschaftsprüfer überlappt. Viele Wirtschaftsprüfer sind gleichzeitig Steuerberater. Zudem bieten Prüfungsgesellschaften oft auch Steuerberatung an.
Aus Sicht von Roger Gothmann vernachlässigen viele kleine Steuerkanzleien die dringend nötige Digitalisierung. „Die Branche bräuchte mehr Transformationsdruck“, sagt der Gründer. Sein Unternehmen Taxdoo digitalisiert die Buchhaltung von Onlinehändlern und macht sich daher unter Steuerberatern nicht nur Freunde. Klassische Steuerkanzleien müssen laut Gothmann effizienter werden. Stattdessen würden sie lange Wartelisten führen, weil sie nur einen Teil der potentiellen Mandanten annehmen könnten. Steuerberater seien im Durchschnitt 54 Jahre alt, ein großer Teil stehe kurz vor dem Ruhestand. Daher hätten viele kein Interesse an Innovationen.
Die Abwehr von Private Equity durch die kürzlich beschlossene Verschärfung des Steuerberatungsgesetzes wird laut Gothmann die Transformation langfristig nicht aufhalten können. Im mittleren Marktsegment unterhalb der Big Four würden schon jetzt 18 Prozent der Steuerberatungsumsätze unter der Haube von Private Equity erzielt.
Neben der Digitalisierung bewegt das Engagement von Finanzinvestoren die Branche. Beide Aspekte hängen zusammen, weil die Implementierung von Künstlicher Intelligenz in Prüfungs- und Beratungshäusern Geld kostet. WPK-Präsident Andreas Dörschell hatte im Mai klargestellt, dass die Prüferkammer sich schützend vor die Unabhängigkeit des Berufsstands stelle. Sie werde Private-Equity-Beteiligungen streng prüfen und wo nötig sanktionieren.
Nicht alle Kritiker beruhigt das. „Wenn Finanzinvestoren bei Prüfungsgesellschaften einsteigen, können die Wirtschaftsprüfer gar nicht mehr unabhängig sein“, sagt wp.net-Vorstand Gschrei: „Das sind nur Sprüche“. Die von WPK-Präsident Dörschell als Schutzmaßnahme angekündigte strenge Überwachung von Private-Equity-Beteiligungen werde die Risiken für die Unabhängigkeit nicht mindern.
