Sie wären lebendgebärend, hatte man früher angenommen, seltsame Zwitterwesen, lebensfähig auch auf Land, bis zu sechs Tage lang, wie die Römer glaubten. Sie könnten Menschen erwürgen, auf die richtige Weise zubereitet Trunksucht heilen – und wer ihr Herz warm isst, erlangt auf diesem Wege große Weisheit. Wahrscheinlich hat der Umstand, dass man so wenig über das Leben der Aale weiß, immer schon dazu verführt, die Wissenslücken mit Phantasie aufzufüllen. Heute gesteht die Forschung ein, immer noch nicht sagen zu können, wo und wie genau sie sich fortpflanzen, wenn die Aale zum Ende ihres Lebens in die wegen ihrer im Wasser schwebenden Algenwälder sogenannten Sargassosee im Atlantik zurückkehren, aus dem Süßwasser der Flüsse, Bäche, Seen, Teiche und Tümpel, in denen sie sonst ausgewachsen zu finden sind, und sich in wohl tausend Meter Meerestiefe treffen.

Jetzt füllen auch zwei neue Bücher für ein junges Publikum die Wissenslücke mit Phantasie: Nadia Budde mit ihrem ungestüm-eleganten Bilderbuch „Alle Aale“ für Leser von vier Jahren an und Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich mit dem abgebrüht-atemlosen Kinderbuch „Aali muss los“ für mindestens Siebenjährige. Beide enden dort, wo sich der Lebenszyklus der Aale schließt und wo der Mensch in all seiner Wissbegierde vor einem Rätsel zurückbleibt.
So vielfältig die Wesen auch sind, die in den Bilderbüchern Nadia Buddes bereits ihren Auftritt hatten, von Geistern bis zu Außerirdischen, unzählige Tiere eingeschlossen: Ihre Leser erkennen sie sofort – an der ungleichmäßigen schwarzen Linie, mit der sie konturiert sind, stärker noch an ihrem aufgekratzten, hintersinnigen Blick. „Hier ist was los“, verspricht er, oder auch: „Warte nur!“. In „Alle Aale“ beschreibt die Künstlerin verlässlich kühn gereimt den Lebenszyklus dieser Fische – nach einer Doppelseite noch vor der Titelei, die mit ihren Erläuterungen wohl vor allem erwachsenen Vorlesern Orientierung geben soll.
Bestimmung eben
Sie beginnt orgiastisch, „Nachts in der Sargassosee / Flossenstaub und Meeresschnee“, um sich dann mit einem Satz über den misslichen Forschungsstand hinweg- und einen Haufen kleiner Aale in eine Babyschale zu setzen, mit Schnuller und Häubchen, gleich, „Sonnenaufgang, Milchkaffee“, am Morgen danach. Krabbelstube, Kindergarten und Fischschule: Die Stationen für heranwachsende Aale scheinen denen der Menschenkinder überraschend ähnlich, wenn es nach Nadia Budde geht, auch wenn die Fächer – Seesternmalen, Sandkornzahlen – doch andere sind.

Mit Planktonpuffer und Schneckenpudding gestärkt, geht es für die Jungaale ein erstes Mal auf die Reise Richtung Süßwasser, schon posieren sie vor Hauptstadtkulissen in Seine, Themse und Spree. Kein Staudamm kann sie stoppen, kein Hecht sie schrecken. Nur eine plötzlich einsetzende Sehnsucht, ein regelrechtes „Heimwehbeben“ lässt sie irgendwann innehalten und schließlich umkehren: „Salzmeerträume, Rückwärtsdrang, Aufbruchstimmung, Umkehrzwang“, reimt Nadia Budde im vertrauten Telegrammstil. Man sieht sich – im dunklen Gewimmel der Sargassosee.
Wo Nadia Budde ihre Aale in Gruppen kaum anders als eng verschlungen zeigt, schlängelt sich bei Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich ein einziger Fisch durch die Geschichte. Was bei der Bilderbuchkünstlerin Zwang und Drang, malen sich die beiden Erzähler in ihrem von Nele Brönner illustrierten Kinderbuch „Aali muss los“ als ein Ziehen aus: Aali ist der einzige Aal im Buch, aber er ist alles andere als ein Einzelgänger. Doch es zieht ihn los und immer weiter, so nett er die Leute auch findet, die er zu Hause kennt und auf seiner Reise kennenlernt, Frank, die Brasse aus dem heimischen Nord-Ostsee-Kanal, die Partykrabbe Hein im nächtlichen Hafenbecken oder Jorla, die Robbe, die ihn bis vor die Färöer begleitet, um dann Richtung Polarmeer abzubiegen, während Aali den Kurs West-Südwest einschlägt. Bestimmung eben.
Zwei Botschaften wie nebenbei
Was Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich mit ihrer Geschichte gelingt, ist nicht weniger als ein Spagat: Witzig in den Dialogen und in der Figurenzeichnung, vollmundig und schräg erzählen sie, machen immer mal wieder klar, wer hier der Boss ist, die Erzählerin nämlich, immer auf der Suche nach „den besten, schönsten, größten, lustigsten, traurigsten Geschichten der Welt“, mit „einem sympathischen Helden, lebensgefährlichen Situationen, Liebe Schmerz, Spannung und Geheimnis“.
Das Buch ist unverhohlen reißerisch und zugleich mitreißend, es ist einigermaßen durchgeknallt und schafft es doch, seine kindlichen Leser nicht nur zu unterhalten, sondern ihnen wie nebenbei gleich zwei Botschaften zu vermitteln: zum einen einiges über Aale, in kleinen eingeschobenen Informationseinheiten, aber auch in der Geschichte selbst, zum anderen, wie es ist, doch noch nicht dort angekommen zu sein, wohin es einen zieht, so gern man auch mag, wen man gerade getroffen hat.
Das behält das Meer für sich
Wie in Dita Zipfels Kinderbuch „Brummps“ über einen Mistkäfer, der die längste Zeit für eine missratene Ameise gehalten wird, aber im richtigen Moment seine wahre Stärke und Bestimmung erkennt, sorgt hier ordentlich Klamauk dafür, dass es nicht gefühlig wird: Der Abgleich von innerer Sehnsucht und äußeren Umständen schwingt in „Aali muss los“ wie ein Grundakkord mit, leise und einigermaßen unaufdringlich. Nele Brönners Illustrationen spielen dazu mit der Abstraktion des Dreifarbdrucks und changieren gekonnt zwischen Realismus und Überzeichnung.
„Und zum großen Nachtfinale schwimmen schließlich alle Aale wieder zur Sargassosee und zum nächsten Milchkaffee“: So vergnüglich endet Nadia Buddes Bilderbuch. Bei Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich und Nele Brönner sehen wir Aali in der Dunkelheit der Tiefe verschwinden. Was dann geschieht, ist „eine Geschichte, die das Meer für sich behält“.
Nadia Budde: „Alle Aale“. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2026. 40 S., geb., 16,– €. Ab 4 J.
Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich: „Aali muss los“. Illustriert von Nele Brönner. Mairisch Verlag, Hamburg 2026. 64 S., geb., 20,– €. Ab 7 J.
