
Unter dem Titel „Im Kreislauf des Misstrauens“ veröffentlichte die F.A.Z. am 29. Mai einen Beitrag des Pseudonyms „Anna Wolter“. Der Text beschreibt anschaulich und unmittelbar einsichtig die Nöte, die das KI-Zeitalter für Hochschulprüfungen mit sich bringt. Es verwundert jedoch, dass die naheliegende Lösung für die festgestellten Missstände unausgesprochen bleibt. Die Autorin beklagt gut nachvollziehbar, dass im Prüfungsformat „Wissenschaftliche Hausarbeit“ die KI-Bearbeitung in ihrer oberflächlichen Makellosigkeit die ungelenken Plagiate früherer Zeit ablöst. Als Indiz für diese Vermutung wird vor allem der erhebliche Unterschied genannt, der zwischen solchen, buchstäblich über Nacht erstellten schriftlichen Leistungen und ihrer Überprüfung durch Seminarvortrag, mündliche Prüfung oder die abschließende „Staatsexamensklausur, geschrieben ohne Hilfsmittel“ festzustellen ist. Ein dort unabdingbares Wissen und Verständnis fehlt eben, wenn die zentrale Prüfungsform auf der vorigen Studienstrecke eine digital generierte Fremdleistung darstellt – was aber wiederum kaum belastbar zu beweisen ist, sodass der im Titel angesprochene Kreislauf des Misstrauens entsteht.
Das ist natürlich alles ganz richtig, und ebenfalls zutreffend scheint mir auch die Einsicht, dass die individuell-dialogische Erarbeitung gediegener Texte im Dreieck zwischen Dozentin, Student und KI bestenfalls exemplarisch erfolgen kann: Die Zeitressourcen an deutschen Hochschulen, sie sind nicht danach. Nur folgt aus all diesem doch eigentlich recht zwanglos, dass für die grundständige Ausbildung der Studenten zunächst einmal die „Klausur ohne Hilfsmittel“ ein angemessenes Prüfungsformat ist.
Davon ist im Text aber keine Rede – und das dürfte mit einer Haltung zusammenhängen, die sich am besten mit der Devise „Überholen, ohne einzuholen“ kennzeichnen lässt: Für die gegenwärtige Begegnung zwischen Dozenten und Studenten erscheint es in vielen Fächern inzwischen offensichtlich als geradezu atavistisch, dass erst einmal überprüfbare gemeinsame Grundlagen gelegt werden. Man strebt vom Studienbeginn an zu großen und letzten Fragen, die im Kern nur aus der eigenen Anschauung heraus zu beantworten sind. Als geradezu notwendige Ausdrucksform gilt dafür von vornherein die individuelle „wissenschaftliche“ Hausarbeit. Im Umkehrschluss werden andere Prüfungsformate als hochschuldidaktisch vormodern und unangemessen schulmeisterlich wahrgenommen oder gleich prinzipiell als Bedrängung, Exklusion und asymmetrische Machtausübung ausgewiesen (womit konkrete Missstände eher im Verborgenen bleiben).
Unhinterfragte Standards
Der Artikel zeigt sehr schön, dass diese Haltung zugleich von allen Seiten in Wahrheit verächtlich gemacht wird: Studenten nutzen ein System, das ihnen ein solches Vorgehen ermöglicht (warum sollten sie auch nicht?), vielleicht zunächst etwas fassungslos, bald schon aber nüchtern und professionell, und bei Bedarf mit den im Text angesprochenen Verweisen auf prekäre Umstände. Dass sie damit einen Kategorienfehler begehen, der ihnen ein Leben lang nachhängen wird, verantworten Hochschullehrer, die zwar genau wissen, dass sie auf diesem Weg pseudoakademische Banausen heranziehen, sich aber nicht mehr die Mühe machen, in der alltäglichen Begegnung und in der Selbstorganisation der Hochschulen für unhintergehbare Standards universitärer Arbeit einzustehen.
Dazu gehörte eben zuerst, einsetzbares Wissen zu schaffen und auch abzuprüfen, um eine Grundlage für das gemeinsame Nachdenken zu haben, das über den Austausch von Meinungen und Haltungen hinausgeht. Das muss bei einer akademischen Klausur durchaus nicht durch stumpfes Abfragen geschehen, sondern erlaubt anspruchsvolle Übungen in verständiger Argumentation. Darauf aufsetzend kann doch mit viel besseren Chancen in einer späteren Studienphase exemplarisch in Ausarbeitungen wie einer Hausarbeit der nochmals vertiefte Umgang etwa mit Fachliteratur erprobt werden. Und natürlich: Dabei muss dann an den Hochschulen eine spezifische, wissenschaftsgeleitete „digitale Kompetenz“ erarbeitet und eingesetzt werden, wie sie Wissenschaft und beruflicher Alltag inzwischen erfordern – aber eben als Ergänzung, nicht als Ersatz eigener Fachkenntnis.
Dass die angedeuteten (Selbst-)Täuschungen offensichtlich in manchen Fächern zu einem kaum noch hinterfragten Standard geworden sind, hängt mit der strukturellen Entwicklung des Hochschulbereichs zusammen. Auf die politisch vorgegebene Ausrichtung „Bachelor als berufsqualifizierender Abschluss“ haben vor allem die Universitäten – die von der tatsächlichen Praxis per definitionem zunächst einmal kaum etwas verstehen (müssen) – vielfach in der Weise reagiert, dass relativ schlicht ein abgesenktes akademisches Niveau als Form der Berufsqualifizierung ausgewiesen wurde, ergänzt um ziemlich beliebige Soft-Skill-Angebote.
Diese Maskerade ist gegenüber der Arbeitswelt eine Anmaßung und gegenüber den Studenten ein scheinattraktives Versprechen, ihre gegenwärtigen Sehnsüchte zu bedienen. Denn die fast unendliche Vermehrung von Bachelorstudiengängen mit blumigen Namen dient ja tatsächlich in vielen Fällen der Absicherung sehr spezifischer Partikularinteressen des jeweiligen Hochschulpersonals, verbunden mit dem Verzicht, eine darüber hinausgehende allgemeine Fachlichkeit herzustellen. Dass damit für Absolventen keine akademische Berufsqualifizierung verbunden ist, sondern der Einstieg in die Welt der Praktika – weder richtig akademisch noch richtig beruflich qualifiziert –, wird mindestens hinter vorgehaltener Hand beschämt oder schon zynisch mit den äußeren Vorgaben gerechtfertigt.
Sackgasse der Diversifizierung
Es ist demgegenüber vielleicht doch kein Zufall, dass Studiengänge mit vergleichsweiser hoher Nachfrage und vergleichsweise stabilen gehobenen Berufsaussichten (wie etwa Medizin oder Rechtswissenschaften) gerade nicht in die Nebelstruktur der Bachelorstudiengänge abgeglitten sind (und regelmäßig im Klausurformat den Studienfortschritt prüfen – was zugestandenermaßen von den betroffenen Studenten vielfach beklagt wird). Ähnlich gelingt das auch denjenigen (Natur-)Wissenschaften, die durch eine Engführung von Bachelor und Master im Grunde an überkommenen akademischen Studienzielen festgehalten haben (und auch mit Klausuren arbeiten).
An vielen Orten haben die Hochschulen inzwischen die strategische Sackgasse erkannt, in die sie mit der grenzenlosen Diversifizierung geraten sind, und orientieren sich neu hin zu verbindlichen Curricula und Formaten. Die im „Kreislauf“-Beitrag näher angesprochene Lehramtsausbildung ist so gesehen derzeit ein tragischer Grenzgänger, weil die Studienstruktur zunächst vielfach in den hoch heterogenen Formen des Bolognasystems verläuft, die Abschlussprüfung dann aber zum allgemeinen Schrecken in manchen Bundesländern doch wieder eine verbindliche, vergleichbare Leistungsanforderungen („Staatsexamensklausur“) bereithält. Und längst nicht überall siegt die von der Autorin angesprochene Verantwortung für die Folgen des Bestehens (was in der Folge Kollegien, Kinder, Eltern, Steuerzahler auszubaden haben).
Unsere Hochschulen ziehen nach wie vor aufgeschlossene und leistungsbereite Studenten an. Und sie treffen auf Forscherinnen und Hochschullehrer, die von ihrer Sache begeistert sind und das mit jungen Menschen teilen wollen. Räumte man ein paar Lebenslügen des gegenwärtigen Hochschulsystems beiseite, könnte der Bildungsbereich wieder zu einer positiven gesellschaftlichen Kraftquelle werden. So merkwürdig es klingen mag: Vielleicht sollte man mit Klausuren beginnen.
Hinnerk Wißmann lehrt Rechtswissenschaft an der Universität Münster.
