
Herr Rühl, die Bundesregierung plant eine „Zuckersteuer“ vor allem für Getränke, Sie bieten zuckerfreie Getränke insbesondere für Kinder an, freuen Sie sich über die Initiative?
Ja, weil die Debatte endlich an die Wurzel geht. Wir reden seit Jahren über explodierende Kosten im Gesundheitssystem, über Übergewicht und Diabetes Typ 2 – doch bei Zucker in Getränken tun wir so, als sei das ein Privatvergnügen ohne Folgen. Aber am Ende zahlt die Allgemeinheit, vor allem wenn wir schon Kinder früh an zu viel Süße gewöhnen, wie das auch bei den meisten Kindergetränken der Fall ist.
Und da kann Ihrer Ansicht nach eine Steuer helfen?
Eine Zuckerabgabe ist für mich kein Kulturkampf gegen Genuss, sondern ein Schutzmechanismus. Und sie zwingt über den Preisdruck den Markt, sich zu bewegen, das haben Länder wie Großbritannien vorgemacht. Zudem bringt sie unter Umständen Geld für das Gesundheitssystem ein.
Ist das nicht Bevormundung der Kunden?
Ich bin im Prinzip für Wettbewerb und Eigenverantwortung. Aber es gibt Bereiche, in denen der Markt allein offensichtlich nicht zu besseren Ergebnissen führt – gerade bei Familien mit kleinen Kindern, die im Alltag ohnehin stark gefordert sind. Und dann wird einem Wunsch halt schnell nachgegeben. Doch gerade im Getränkeregal ist vieles extrem stark gezuckert. Selbst wer denkt, er kauft „harmlos“, kauft oft Zucker – ohne dass es ihm wirklich bewusst ist.
Und wenn man „ohne Zucker“ kauft?
Das heißt nicht gleich gesund. Oft werden andere Süßungsmittel wie Fruktose eingesetzt, die aber nicht gesünder sind. Die Wahrheit ist unbequemer: Man muss hinsehen.
Aber es gibt doch schon lange Light- und Zero-Varianten vieler Getränke oder Saftschorlen, was ist damit?
Das stimmt, nur ist da in den meisten Fällen eine Süßstoff-Mischung drin. Es gibt kaum Langzeitdaten zu Kombinationscocktails aus fünf, sechs oder mehr Süßstoffen, wie sie in vielen Getränken stecken. Und Saftschorlen sind keineswegs gesund, auch wenn mancher denkt, das sei flüssiges Obst. Sie enthalten oft viel Fruktose, die okay ist, wenn man einen Apfel isst. Aber im Saft meist zu konzentriert ist und darum dick macht. Deshalb heißt bio bei Getränken auch nicht automatisch gesund, wenn es am Ende voller Fruchtzucker ist.
Sie haben vor zehn Jahren die ersten süßen Tees ohne Zucker oder synthetische Süßstoffe für Kinder auf den Markt gebracht, wie kam es dazu?
Mein Sohn hatte nach dem Abstillen kein Wasser trinken wollen, ihm fehlte offenbar die Süße der Muttermilch. Also habe ich nach einer Alternative gesucht. Durch eine Bekannte mit Verbindungen nach Südamerika habe ich das Blatt der Steviapflanze entdeckt, das, als Tee zubereitet, süßt. Wir haben damit experimentiert und schließlich TeeFee gegründet, weil auch andere Eltern solche Produkte suchten.
War es schwer, Ihre Produkte zu etablieren?
Es war nicht leicht und gab auch Gegenwind von anderen Marktteilnehmern. Außerdem mussten wir immer erst mal erklären, warum wir es anders machen. Viele Eltern wissen: Cola ist ungesund. Aber bei Apfelsaft oder „Kindergetränken“ ist das Gefühl: „Wird schon okay sein.“ Und genau da liegt die Gefahr. Wir brauchen Hebammen, Kinderärzte und Menschen, die sagen, schau hin. Dann sehen sie, dass es auch Lösungen gibt, die natürlich sind und ohne Kalorien und ohne Zucker auskommen. Aber es gibt schon ein Bewusstsein, wir sind als kleines Start-up gestartet und inzwischen erfolgreich mit zehn Prozent Marktanteil bei Bio-Babygetränken im Handel.
Sehen Sie durch die Debatte über die Zuckersteuer Chancen auf mehr Wachstum?
Wir bewegen uns in einem noch recht kleinen Segment, sind aber dabei, jetzt mit Sprudelvarianten mit minimalem Fruchtanteil auch Produkte für Jugendliche und Erwachsene anzubieten, dabei kommt uns das wachsende Bewusstsein um die Wirkung von Zucker zugute. Auch darum freue ich mich über die aktuelle Diskussion. Wir wollen wachsen und bis 2030 alle Kategorien an alkoholfreien Getränken mit einer zuckerfreien Biovariante ergänzen und so sukzessive ein Gegenspieler zu den großen Soda-Brands werden.
Zur Person
Auf der Suche nach einem passenden Getränk für seinen kleinen Sohn hat der gelernte Marketingfachmann Marco Rühl die Süße von Stevia entdeckt und Tee-Produkte für Kinder entwickelt. Zu Auftrieb verhalf ihm auch ein Auftritt in der „Höhle der Löwen“. Inzwischen haben seine TeeFee-Produkte für Babys in Drogerien einen Marktanteil von zehn Prozent. 2025 erzielte er mit den Getränken, die er vom Frankfurter Bahnhofsviertel aus vertreibt, einen Umsatz von 3,5 Millionen Euro. Mit neuen Produkten will er nun auch bei Erwachsenen punkten.
