Wenn die Passagiere von Donnerstag, 20. August, an wieder einmal zu Rundflügen in Bad Homburg in einen Zeppelin vom Bodensee steigen, werden sich manche von ihnen nicht nur auf das außergewöhnliche Erlebnis freuen, sondern vielleicht auch fragen, wie so ein fliegender Riese überhaupt entsteht. Denn während viele Menschen zumindest eine Vorstellung haben, wie bei Airbus und Boeing die großen Verkehrsflugzeuge gebaut werden, ist die Produktionsweise eines Zeppelin NT – das NT steht für Neue Technologie – in der Allgemeinheit nahezu unbekannt. Serienteile sind dabei lediglich die drei je 200 PS starken Boxermotoren, ihre Propeller und die Avionik, also die Instrumentierung. Alle anderen Teile sind Sonderanfertigungen, die in Handarbeit und Manufakturbauweise entstehen.
Die hauchdünne, aber hochfeste Außenhaut wird zum Beispiel von einem amerikanischen Spezialunternehmen gefertigt, das auch Weltraumanzüge für Astronauten herstellt. Mit dieser extrem dichten Hülle geht im Laufe eines Jahres nur sehr wenig des knappen Edelgases Helium im Inneren des Zeppelins verloren. Die Hülle wird ähnlich wie ein eng sitzender Handschuh über das zuvor fertiggestellte Innengerüst aus leichtem, aber hochfestem Carbon gezogen. Für die Mitarbeiter der Firma Zeppelin Luftschifftechnik ist diese Montage höchst herausfordernd. Denn nur mithilfe von mehreren fahr- und schwenkbaren Kränen können sie die maßgeschneiderte Außenhaut zentimeterweise über den bis zu 17 Meter hohen Zeppelin-Rohbau stülpen. Das dauert allein mehrere Wochen. Dafür hält die Hülle dann aber auch mindestens ein Dutzend Jahre.
8000 Kubikmeter sündhaft teures Helium
Damit im Innern des Zeppelins aber einmal jährlich bei der vorgeschriebenen Luftfahrt-Jahresnachprüfung, vergleichbar einem TÜV-Termin bei Fahrzeugen, nachgeschaut werden kann, ob die Innenstruktur noch einwandfrei ist, muss das sündhaft teure Helium temporär abgelassen werden. Dazu wird es eigens abgesaugt und in riesige wie überdimensionierte Ballons aussehende Kunststoffbehälter eingelagert. Denn nur ohne das Gas im Innern des Zeppelins ist es den Technikern über eine Schleuse möglich, die skelettartige Struktur unter der Hülle exakt zu überprüfen. Ist das zur Zufriedenheit erledigt, werden etwa 8000 Kubikmeter des auftriebserzeugenden Edelgases wieder eingefüllt.
Der Bau der Kabine erfordert ebenfalls Präzision. Denn ein Zeppelin NT fliegt ebenso „fly by wire“ wie ein Airbus oder eine moderne Boeing. Das bedeutet, dass die Ruder am Leitwerk nicht über Schubstangen oder Steuerseile mechanisch angetrieben werden. Sie werden vielmehr von Elektromotoren bewegt, deren Leitungen alle in die Kabine führen.
Im Cockpit sorgt ein Hightech-System dafür, dass die „fliegende Zigarre“ in der Luft stillstehen und auf der Stelle schweben kann. Wenn es sein muss, fliegt das Luftschiff sogar rückwärts oder absolviert fast auf der Stelle eine 360-Grad-Drehung. Das sorgt vor allem bei den Landemanövern in Bad Homburg bei den Zaungästen auf der Wiese vor dem Kronenhof immer wieder für Verblüffung. So viel Agilität trauen die wenigsten dem Giganten zu.

Wie das möglich ist? Beim Zeppelin NT geschehen Richtungs- oder Lageänderungen mittels seiner komplexen Schubvektorsteuerung. Mit deren Hilfe erhöhen zwei Propeller am Heck die Manövrierbarkeit. Zwar wird der Zeppelin bei seinem normalen Reisetempo ähnlich wie ein Flugzeug durch Seiten- und Höhenruder im Heck gesteuert. Diese Ruder lassen aber bei Geschwindigkeiten unter 40 Kilometern in der Stunde deutlich in ihrer Wirkung nach. Durch Schwenken eines Heckpropellers nach unten kann die Nickbewegung des Luftschiffs verstärkt oder verringert werden. Ein zweiter dort angebrachter Propeller wirkt in seitlicher Richtung. Diese beiden Luftschrauben ersetzen im Langsamflug quasi die Ruderflächen im Leitwerk. Dazu kommt, dass die seitlich am Rumpf angebrachten Motoren bis zu 120 Grad schwenkbar sind. Im Reiseflug sind sie horizontal ausgerichtet. Beim Start hingegen zeigen sie nach oben. Dadurch kann der Zeppelin NT in Bad Homburg auch so spektakulär im steilen Winkel starten.
Mit einer Reisegeschwindigkeit von üblicherweise unter 70 Kilometern in der Stunde gilt der Zeppelin innerhalb der Aviatik zwar ein bisschen als „Schleicher der Lüfte“. Dafür könnte er aber mehr als zwölf Stunden nonstop fliegen. Das wird über Frankfurt nicht benötigt sein, hier dauern die Rundflüge der Deutschen Zeppelin Reederei für maximal 15 Passagiere an Bord jeweils nur 45 Minuten. Mit gut acht Tonnen wäre der Zeppelin eigentlich ein echtes Schwergewicht. Das Helium in seinem Innern wirkt aber quasi wie eine strenge Diät, und so bringt er beim Abflug in Bad Homburg lediglich noch 400 Kilo auf die Waage.
Das tragende Innengerüst ist typisch für einen Zeppelin
Der neue Zeppelin NT ist heute ein legitimer Nachfolger für die einstigen Riesen am Himmel. Alle modernen Zeppeline sind heute mit 75 Metern nur noch knapp ein Drittel so lang wie ihre größten Vorfahren aus den Dreißigerjahren, die es auf bis zu 237 Meter brachten. Typisch ist die tragende Struktur des NT – sie ist ganz anders als etwa bei einem Prall-Luftschiff, das nur durch seine Hülle die Form bekommt. Ein Zeppelin hingegen hat immer ein Innengerüst. Nur deshalb können die Motoren weit oben am Rumpf montiert sein. Das macht die Kabine leise für die Passagiere. 1993 begann das neu gegründete Unternehmen Zeppelin Luftschifftechnik in Friedrichshafen, das Modell NT zu entwickeln. Im September 1997 fand der Erstflug statt.
Anders als bei den drei deutschen Exemplaren, die von ihren Piloten immer nur nach Sicht geflogen werden, können drei in den vergangenen Jahren in die USA an Goodyear gelieferte Zeppeline NT auch bei Instrumentenflugbedingungen fliegen. Das bedeutet, dass sie ähnlich wie Passagierflugzeuge auch in Wolken und bei schlechter Sicht unterwegs sein können, wenn ihre Piloten die entsprechende Berechtigung haben. Das ist bei den riesigen Entfernungen in den Vereinigten Staaten unabdingbar. Die US-Zeppeline dienen in Nordamerika allerdings auch nicht dem Passagierflugbetrieb, sondern primär zu Werbezwecken für den Reifenhersteller. Bei den Rundflügen in Bad Homburg ist aber gerade die ungewöhnliche Perspektive auf Frankfurt aus geringer Höhe wohl für viele Passagiere das entscheidende Argument für den Kauf eines Tickets.
Drohender Schneefall oder Eisansatz machen allerdings für jedes Luftschiff eine Reise unmöglich. Denn die Flocken oder das gefrierende Wasser bleiben auf der Hülle haften. Sie würden den Zeppelin deutlich schwerer machen, ihn nach unten drücken und schlimmstenfalls seinen Schwerpunkt verschieben. Deshalb fliegen Zeppeline in Deutschland immer nur von März bis in den Herbst. Auch eine Schlechtwetterfront wie mit einem Flugzeug zu um- oder überfliegen, funktioniert im Luftschiff nicht: Seine geringe Reisegeschwindigkeit und lediglich knapp 3000 Meter an Maximalhöhe machen das unmöglich.
In Bad Homburg würde bei schlechtem Wetter – also zu starkem Wind oder zu geringen Wolkenuntergrenzen – gar nicht erst gestartet. Der Flughafen Frankfurt und seine gestaffelten Lufträume für An- und Abflüge wiederum bedingen, dass die Zeppelin-Piloten von Bad Homburg aus nicht auf dem kürzesten Weg nach Frankfurt fliegen können. Es muss zunächst ein Umweg Richtung Südwesten genommen werden, bevor der Zeppelin Kurs auf die Stadtmitte nehmen kann. Dort geht es in 300 Metern Höhe über Bankenviertel, Altstadt mit Römer und Ostend weiter über Palmengarten sowie Europatower. Allerdings weist die Zeppelin-Reederei vorsorglich darauf hin, dass je nach Wetterbedingungen auch von dieser Route abgewichen werden kann.
Beim Startplatz auf dem Hofgut Kronenhof in Bad Homburg ist der Zeppelin im August bereits so etwas wie ein „alter Bekannter“ – und das streng genommen seit seiner Premiere vor 116 Jahren. Denn genau an gleicher Stelle fand am 22. April 1910 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. eine erste große Luftschiff-Parade statt. Bei dieser begeisterte besonders der mit 136 Metern Länge bereits riesige Zeppelin „LZ 5“ die Menschen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
