Mit Dialektik hat das nichts mehr zu tun. Die Aufklärung, muss man wohl konstatieren, ist für große Teile der Gesellschaft gescheitert. Das zeigt sich an vielen Verhaltensweisen, am deutlichsten aber vielleicht in der Bereitschaft, der komplexen Gegenwart einen schlichten Gut-böse-Manichäismus entgegenzusetzen. Die Religion hat eine solche Simplifizierung vorgemacht, sicherlich, aber nach einem Vierteljahrtausend Rationalismus verwundert diese Denkverweigerung doch.
Die Dokumentation „Der Teufel in mir“ von Max Damm und Emely Sporrer zeigt ziemlich anschaulich, wie verbreitet der Licht-Dunkel-Glaube bis heute ist, und zwar anhand nach wie vor praktizierter Teufelsaustreibungen. Zu Recht halten sich die Filmemacher nicht lange mit der moralischen Grundfrage auf, ist sie doch dieselbe wie in vielen Esoterikbereichen. Und ebenso unvermittelbar stehen sich Anhänger und Gegner gegenüber. Wie bei Entschlackungsphantasien oder der Homöopathie ließe sich schließlich argumentieren: Mag es auch Hokuspokus sein, kann es Leidgeplagten doch psychische Entlastung bieten. Das Gegenargument liegt auf der Hand: Es kann gefährlich werden, wenn das Vertrauen auf Scheinbehandlungen etwa dazu führt, keinen ärztlichen Rat einzuholen. Der Tod von Anneliese Michel im Jahr 1976 nach 67 Exorzismen gilt immer wieder als Fanal. Der Film zeigt, wie nah die „Austreibungen“ durch den Youtuber „Nature23“ einem psychischen oder physischen Missbrauch Schutzbedürftiger kommen.
Die Nachfrage ist da
Die Moralfrage kommt jedoch über die Klippen der Willens- und Religionsfreiheit nicht hinweg. Spannender ist es daher, die vielen Exorzismus-Angebote im Kontext eines verschärften Wettbewerbs zwischen Seelenheilbewirtschaftern zu betrachten. Genau das tun Damm und Sporrer. Während die evangelische Kirche sich aus dem Dämonen-Business heraushält, gehört der Exorzismus bis heute zum katholischen Katechismus. Zwar spielten Teufelsaustreibungen im deutschen Katholizismus „keine größere wahrnehmbare Rolle“, wie es Matthias Kopp, der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, im Film formuliert. Die Lehre aber existiere. Unterschieden werden einfache Gebetsexorzismen und der große, feierliche Exorzismus, der nur von einem Priester und nur mit Erlaubnis des Bischofs vorgenommen werden darf. Weihwasser, Beschwörungen und ein ganzer Zyklus von Gebeten gehören dazu.

Und die Nachfrage ist da, wie Pater Jörg Müller aus Freising bestätigt: Bis zu 300 Anfragen erreichen ihn im Jahr. Die Filmemacher begleiten Müller, der eine Eifeler Frohnatur ist, zu zwei eher kuriosen Dämonenaustreibungen. Einmal glaubt eine Bäuerin, ihr Kuhstall sei von einem bösen Fluch belegt (die Kälber sind krank), ein anderes Mal hört ein Bayer seit Jahren den toten Vater im Haus poltern. Müller wirbelt mit seinem Weihrauch herum und murmelt Gebete, die Kühe glotzen ihn ungläubig an. Der Placebo-Effekt sei oft schon ausreichend, sagt er später, denn „die Mehrheit ist gar nicht besessen dämonisch“. Meist liege ein Trauma vor. In schweren Fällen rate er zu Traumatherapie. Oder er wirbelt halt mit dem Weihrauch.
Aber für Müller bleibt ein Rest. Der Antichrist kann sich seiner Meinung nach durchaus in die Seelen verbeißen. Drei Anzeichen zählt er auf: einen Widerwillen gegen alles Religiöse (womit auch die Aufklärung als Erfindung des Teufels abgeräumt wäre), das Sprechen in ungelernten Sprachen und das Entwickeln unnormaler Kräfte. Was ihn aber fast noch mehr auf die Palme bringt als das Wirken der gefallenen Engel, ist die theologisch unbeschlagene Konkurrenz: Gurus, Lügner, Reiki-Meister und Schamanen, die selbst Seelenausputzungen vornehmen. Für beeinflussbare, naive Menschen stellten sie eine Gefahr dar. Für das Kirchenmonopol auf Seelenreinigung wohl auch.
Und da hat er die wahre Konkurrenz noch gar nicht angesprochen: Performative Social-Media-Frömmler, freikirchliche Gruppen oder Christfluencer im „Befreiungsdienst“. Sie haben sich aus allerlei theologischen und popkulturellen Versatzstücken eine Jesus-versus-Dämonen-Ideologie zusammengebastelt und sind damit hocherfolgreich. Der Film setzt diese szenischen Event-Exorzismen den katholischen Gebetsexorzismen entgegen.
Junge, zugewandt wirkende Menschen nehmen sich etwa einer jungen Frau an, die in sich einen Dämon verspürt. Sie beschwören, taufen und brabbeln mit vereinten Kräften, bis sich das vermeintliche Opfer erleichtert fühlt. Hernach geben sie Meldung auf den einschlägigen Plattformen: „Ihr Lieben, wir hatten gestern einfach so eine krasse Befreiung wieder.“ Es ist schwer zu entscheiden, ob man es bei diesem Zirkus mit einer Parodie auf die theologische Exorzismus-Praxis zu tun hat oder mit dessen ultimativer Ausweitung in die postfaktische Gegenwart.
Den Blick in die Nischen zu richten, in denen die Gegenaufklärung vermeintlich harmlos Urständ feiert, ist in jedem Falle wichtig. Hier kann etwas gesellschaftlich Gefährliches erwachsen. Die kritische Einordnung durch die Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer ist daher sinnvoll. Sie stellt noch einmal die Nähe der Gut-böse-Vereinfachungen zu Verschwörungstheorien heraus.
Einen blinden Fleck gibt es trotzdem: Nicht thematisiert wird die mediale Obsession mit diesem Sujet. Es passt einfach zu gut zu einem sensationalistischen Emo-Journalismus zwischen Storytelling und True-Crime-Faszination. Exorzisten, kirchliche wie selbsternannte, haben deshalb eine ihre Bedeutung weit übersteigende Medienpräsenz. Diese Aufmerksamkeit verschafft ihnen weiteren Zulauf. Dass auch hier „Nature23“ im Interview ausführlich zu Wort kommen musste, war jedenfalls nicht nötig.
Der Teufel in mir – Exorzismus heute läuft im ZDF-Stream und am Pfingstmontag um 17.30 Uhr im ZDF.
