
Australiens Regierung unter Ministerpräsident Anthony Albanese kürzt die Zahl der jährlich vergebenen, auch als „Work and Travel“ bekannten Visa um fast 40.000. Das trifft deutsche Antragsteller bei der Verlängerung nach einem Jahr. Bisher konnten junge Deutsche, etwa nach dem Abitur, für ein Jahr lang in Australien leben und dann ihren Aufenthalt für ein weiteres Jahr ausweiten, wenn sie nachgewiesen hatten, 88 Tage lang einer Tätigkeit wie etwa in der Gastronomie als Kellner oder in der Landwirtschaft als Erntehelfer gearbeitet zu haben. Künftig soll es ein Losverfahren geben, das die um 21 Prozent gekürzten Visa für das zweite Jahr und um 84 Prozent gekürzten Visa für das dritte Jahr an Bewerber vergibt.
Die Kürzungen haben in den betroffenen Industrien – der Gastronomie, dem Tourismus und der Landwirtschaft – für einen Aufschrei in den Branchenverbänden versorgt, die behaupten, die Unternehmen könnten ohne Gastarbeiter nicht überleben. Im Ausland jedoch dürfte eine andere Kürzung der Albanese-Regierung für Ernüchterung sorgen: Die Zahl der im vergangenen Finanzjahr erteilten 337.427 Studentenvisa soll kräftig sinken, vor allem die darin enthaltene Zahl von 45.991 Visa für Angehörige. Diese sollen künftig in der Regel nicht mehr mitkommen dürfen.
Zahl der Zuwanderer soll auf Druck von rechts kräftig sinken
Ausnahmen gelten unter anderem für Doktoranden sowie in Teilen für Staatsangehörige aus der Pazifik-Region und den elf Mitgliedsländern der Vereinigung der südostasiatischen Staaten ASEAN. Gegen die jährlich rund 77.000 Visumüberzieher will die Regierung zusätzliche Kontrolleure einsetzen. Auch sollen viele der Regelbrecher schneller in Haft landen.
Das alles dient einem Ziel: die jährliche Nettozuwanderung nach Australien zu senken. „Net overseas migration“ heißt das im Behördenenglisch, was mit NOM abgekürzt wird und als Zankapfel gerade die politische Landschaft in Down Under umpflügt. Unter dem Strich sind zuletzt jährlich 292.000 Menschen ins Land eingewandert. Diese Zahl soll nun auf 245.000 im laufenden Finanzjahr (das am 1. Juli begonnen hat) und auf 225.000 bis zum Finanzjahr 2027/28 sinken. Einer Partei ist das jedoch noch lange nicht genug: Australiens One Nation Party verlangt eine Obergrenze von 130.000 – nach einer dreijährigen Übergangsphase, in der die Migration unter dem Strich sogar auf null oder in den negativen Bereich fallen soll.
One Nation erhält in Umfragen derzeit 25 Prozent der Stimmen, so viel wie die regierende Labor-Partei und klar mehr als die konservative Koalition. Der Erfolg der von Pauline Hanson gegründeten One Nation Party ist das Thema Migration: Das stellt sie als eigentlichen Grund für die Wohnungsnot des Landes dar, die in hohen Mieten mündet. Und in der Tatsache, dass für viele Australier das viele Jahrzehnte lang als realistisch angesehene Ziel des Eigenheims zu einem Traum wurde, der für immer mehr Menschen nicht mehr finanzierbar ist.
Nach den Visumkürzungen fürchtet Australiens Hochschullandschaft nun um die Anziehungskraft eines Wirtschaftssektors, der im Jahr 54 Milliarden Dollar erwirtschaftet (34 Milliarden Euro). Doch abgesehen von den Hotelbetreibern, Barbesitzern und Bauern hat es Australiens Industrie begrüßt, dass die Regierung bei der Anwerbung von Fachkräften für Bereiche wie Bergbau und Hausbau keine geringere Zahl von Visa anstrebt. Das wäre auch nur begrenzt möglich: Von den Beschäftigten im Rohstoffsektor sind gerade einmal ein Prozent Migranten.
