Herr Reitzle, Sie haben ein halbes Jahrhundert Berufserfahrung mit Stationen bei BMW, Ford, Linde und Continental. Jetzt, mit 77 Jahren, ziehen Sie sich zurück – zu einem Zeitpunkt, in dem im Industrieland Deutschland die Angst vor dem Industriesterben umgeht. Wie ernst ist die Lage?
Sehr ernst. Die Probleme, die wir heute in Deutschland sehen, haben sich über sehr lange Zeit aufgebaut. Drei Stichpunkte dazu: Erstens, die immer höhere Belastung des Faktors Arbeit durch Steuern und Abgaben. Laufend werden mehr Lohnnebenkosten draufgesattelt. Das belastet die Unternehmen und schadet der Wettbewerbsfähigkeit. Und was machen wir eigentlich, wenn in den nächsten 15 Jahren immer mehr humanoide Roboter menschliche Arbeit substituieren? Wollen wir die dann auch besteuern? Zweitens haben wir eine überbordende Bürokratie in Deutschland. Und mein dritter Punkt ist die völlig verfehlte deutsche Energiepolitik. Sie hat zu einem der höchsten Strompreise der Welt geführt und ist ein wesentlicher Treiber der Deindustrialisierung. Wir haben diese Negativtrends viel zu lange laufen lassen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Was hat Deutschland falsch gemacht in der Energiepolitik?
Statt die Kosten des Energieversorgungssystems im Blick zu behalten, ging es vorwiegend darum, politische Ziele insbesondere der Grünen umzusetzen. Ausschließlich auf Erneuerbare zu setzen, ist ein fataler Irrtum. Solar- und Windstrom sind zwar CO2-neutral, aber nicht grundlastfähig. Trotzdem soll der Strom bis 2035 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen kommen. Das ist Irrsinn. Es ist weder machbar noch bezahlbar. Aber niemand stellt sich der Realität.

Man kann ein Industrieland wie Deutschland nicht ausschließlich mit volatilem Strom versorgen. Je höher der Anteil der Erneuerbaren an der Stromversorgung wird, umso schwieriger und teurer wird es, die Volatilität dieses Systems zu beherrschen. Wind- und Solarstrom hängen vom Wetter und der Tageszeit ab. Bildlich gesprochen, investieren wir bis 2030 rund 700 Milliarden Euro in eine gigantische Fabrik, die das Land mit Strom versorgen soll. Wir haben aber keine Kontrolle über die Produktionsmenge dieser Fabrik. Wie viel Strom wann produziert wird, entscheidet allein das Wetter. So etwas würde man doch für keine andere Fabrik akzeptieren. Deshalb benötigt man komplexe Netze, gigantische Speicher und Back-up-Systeme zum Ausgleich. Das Gesamtsystem wird damit enorm teuer.
Was wäre eine bessere Lösung?
Idealerweise hätten wir einen 50:50- Mix aus Atomkraft und Erneuerbaren. Da aber auf absehbare Zeit Atomkraft in Deutschland nicht mehrheitsfähig erscheint, müssen wir moderne Gaskraftwerke in Verbindung mit CO2-Abscheidung bauen. Gaskraftwerke sind regelbar und schnell herauf- und herunterzufahren. Deshalb hat das Bundeswirtschaftsministerium auch einen entsprechenden Entwurf vorgelegt. Das heißt konkret: Ich würde die Erneuerbaren im Ausbau bei etwa 50 Prozent der Kapazität begrenzen. Also in etwa bei dem Volumen, das wir heute schon erreicht haben. Subventionen für Erneuerbare sollten wir auf null reduzieren. Eine Technologie, die auch nach über 30 Jahren immer noch auf Subventionen angewiesen ist, kann nicht richtig sein. Bis heute subventionieren wir den Ausbau der Erneuerbaren, haben dadurch den Strom fast zum teuersten der Welt gemacht, und jetzt subventionieren wir den Abgabepreis für Verbraucher wieder nach unten.
Das Ziel 100 Prozent erneuerbarer Strom sollte weg?
Absolut. Und diesen Beschluss sollten wir am besten gleich morgen fassen. Denn wie gesagt: Dieses Ziel ist ohnehin unerreichbar.
Sie werben für Erdgaskraftwerke, aber wir erleben doch gerade zum zweiten Mal binnen weniger Jahre, wie riskant und teuer die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten ist: erst durch den Ukrainekrieg, jetzt durch die Blockade wegen des Konflikts im Persischen Golf.
Man kann aus solchen kurzfristigen geopolitischen Verwerfungen nicht auf die richtige langfristige Strategie schließen. Meine Antwort ist ganz einfach: Deutschland verfügt über große eigene Erdgasvorkommen. Ausreichend für weit mehr als 60 Jahre. Bis dahin wird es dann längst neue, sichere Atomkraftwerke geben, die übrigens den Atommüll der Vergangenheit nutzen können. Damit wird dann auch das Thema der Endlagerung gleich miterledigt sein. Weshalb kaufen wir Fracking-Gas aus den USA, statt diese Fördermethode auch im eigenen Land einzusetzen?

Die Fracking-Förderung ist wegen der dabei eingesetzten Chemikalien umstritten.
Diese Bedenken sind völlig überzogen. Außerdem ist diese Haltung bigott. Wir sind Gutmenschen und wollen kein Fracking in Deutschland. Gleichzeitig kaufen wir Fracking-Gas aus Amerika, das wegen des Transports auch noch viel klimaschädlicher ist. Ich finde das absurd. Wir müssen auf die Fakten schauen und nicht bestimmte Technologien aus ideologischen Gründen verbieten.
Und am Klimaschutzziel würden Sie festhalten?
Am EU-Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, ja. Das wird schwierig und teuer genug. Allerdings würde ich stets im Auge behalten, was die großen CO2-Emittenten USA und China machen. Ein Alleingang Europas wäre ja nicht sinnvoll. Auf keinen Fall sollten wir in Deutschland versuchen, dieses ehrgeizige Klimaziel schon 2045 erreichen zu wollen. Diese fünf Jahre klingen heute harmlos, aber sie werden eine dreistellige Milliardensumme zusätzlich kosten. Es ergibt auch absolut keinen Sinn, sich hier wieder als Musterschüler positionieren zu wollen. Denn dadurch wird nicht eine einzige Tonne CO2 fürs Klima eingespart. Öl, das wir hier nicht verbrennen, wird wegen des EU-Zertifikatehandels dann in anderen europäischen Ländern verbrannt. Im Ausland freut man sich über unsere Dummheit.
Sie leben seit einigen Jahren in der Schweiz. Wie blicken Sie von dort aus auf den vielbeklagten Reformstau in Deutschland?
Ich betrachte auch Deutschland weiterhin als meine Heimat und habe ja noch immer einen deutschen Pass. Meine Erfahrung in der Schweiz: Dort funktioniert alles, was derzeit in Deutschland nicht mehr funktioniert. Die Züge sind sauber, sicher und pünktlich. Die Infrastruktur, Brücken, Tunnel, Straßen sind alle wie neu. Hier wird laufend vorsorgliche Instandhaltung betrieben. Die medizinische Versorgung ist top, das Schulsystem herausragend, und die öffentliche Verwaltung ist weitgehend digitalisiert und sehr effizient. Nach unserem Umzug während der Covid-Zeit rief an einem Samstag ein Angestellter der Gemeinde an, um uns bei den Anmeldeformalitäten zu helfen. Als ich verblüfft fragte, weshalb er am Wochenende arbeite, antwortete er: Hier ist der Bürger der Souverän, und unsere Aufgabe ist es, ihm zu dienen. Das sagt viel über den Unterschied zu Deutschland.
Sie und Friedrich Merz kennen und schätzen einander seit Langem. Aber die von Merz im Wahlkampf angekündigte Wirtschaftswende lässt auf sich warten. Hatten Sie sich mehr versprochen von ihm als Bundeskanzler?
Ja, das ist so. Gerade weil ich Friedrich Merz persönlich kenne und sehr schätze, bin ich über die jetzige Entwicklung enttäuscht. Natürlich verstehe ich seine Situation. Er ist abhängig von der SPD und nun eingeklemmt zwischen der Brandmauer zur AfD und Links-Grün. Das macht tiefgreifende Reformen schwer. Aber das ändert nichts daran, dass Deutschland diese Reformen dringend braucht.
Glauben Sie, dass der von Merz beschworene Reform-Ruck noch kommt?
Ich kann nur darauf hoffen, dass die SPD sich endlich besinnt. Die Sozialdemokraten sind immer noch fixiert auf das Leitmotiv der sozialen Gerechtigkeit und interpretieren diese meistens auch noch einseitig als Gleichheit. Solange das so ist, bleibt es schwierig, denn tiefgreifende Reformen werden zwangsläufig zunächst einmal unbequem und unpopulär sein. Aber sehr viel unpopulärer als die SPD heute schon ist, kann sie ja eigentlich kaum noch werden. Das gibt Hoffnung auf die Erkenntnis, dass tiefgreifende Reformen überfällig sind.
Was würden Sie der Regierung raten, um die Industrie wieder flottzubekommen?
Über die Energiepolitik haben wir schon gesprochen. Außerdem müssen wir dringend im Bildungssystem den Leistungsgedanken wieder in den Mittelpunkt rücken. Und wir müssen ganz schnell mit radikalen Beschlüssen den Wildwuchs der Bürokratie nicht nur stoppen, sondern schauen, welche Regelungen und Vorschriften wir eliminieren können. Die EU erlässt jährlich etwa 2000 rechtlich bindende Akte. Frau von der Leyen hat versprochen, massiv zu reduzieren – nichts ist passiert. Und Deutschland selbst erlässt 4000 bis 6000 Akte pro Jahr. Es ist bedrückend, wie schwer wir es diesem Land machen, voranzukommen.
Waren die Deutschen früher nicht so bürokratieverliebt?
Ich kann mich noch daran erinnern, wie uns in den 1970er- und 1980er-Jahren die ganze Welt für unsere effiziente staatliche Verwaltung bewundert hat. Heute frage ich mich: Ist Deutschland überhaupt noch reformfähig? Ich nenne Ihnen mal drei Beispiele dafür, die mich daran zweifeln lassen.
Wir haben 16 Bundesländer mit nicht aufeinander abgestimmten Landtagswahlen. Wie viele Zeitfenster zwischen zwei Bundestagswahlen bleiben mit Rücksicht auf wichtige Länder noch übrig, um eine notwendige, aber unpopuläre Reform zu beschließen? Zweitens gibt es in Deutschland knapp 1000 der Bundesregierung nachgelagerte Behörden und Ämter, an die wichtige Aufgaben delegiert wurden. Das Bundeswehrbeschaffungsamt zum Beispiel: 11.000 Mitarbeiter kaufen für die Bundeswehr ein. Da stellt sich schon die Frage, ob diese Aufstellung wirklich effizient ist. Mein drittes Beispiel: Es gibt rund 500 Gesetze und Regelungen für die Auszahlungen aus dem Sozialsystem. Wer soll da den Überblick behalten? Der Staat hat sich in dieser selbst geschaffenen Komplexität verheddert.

Geht es uns Deutschen schlicht noch zu gut, als dass wir die von Ihnen geforderten radikalen Reformen mittragen würden?
Die kurze Antwort auf Ihre Frage lautet: Ja, es geht uns noch zu gut. Wahrscheinlich muss der Leidensdruck noch größer werden. Wir brauchen einen neuen gesellschaftlichen Grundkonsens über die Notwendigkeit großer Reformen. Der müsste lauten: weniger Staat, mehr Marktwirtschaft. Heute dagegen haben wir eine deformierte Marktwirtschaft mit horrenden Subventionen. Das Walter Eucken Institut nennt eine Summe von 320 Milliarden Euro Subventionen, also etwa sechs bis sieben Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Da lohnt es sich doch mal, alles auf den Prüfstand zu stellen. Zumindest könnte damit eine schnelle Gegenfinanzierung für Steuerentlastungen finanziert werden. Denn die brauchen wir: für die Unternehmen und um die kalte Progression abzufedern. Unter gar keinen Umständen dürfen wir das Gegenteil tun und die Leistungsträger mit weiteren Steuern belegen. Das liefe fast schon in Richtung einer Enteignung.
CSU-Chef Söder hat die schwarz-rote Bundesregierung als die letzte Patrone der Demokratie bezeichnet. Wie sehr macht Ihnen der Aufstieg der AfD Angst?
Aus meiner Sicht ist er vor allem Ausdruck des Frusts über die anderen Parteien. Deshalb brauchen wir auch kein Verbot der AfD. Stattdessen müssen wir dieser Partei die Grundlage entziehen, indem wir die Probleme lösen, die ihr die Wählerstimmen bringen. Dazu gehören auch die negativen Begleiterscheinungen der Migration. Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, für höhere Kaufkraft der Bevölkerung sorgen, Kriminalität bekämpfen und den öffentlichen Raum wieder sicher machen, brauchen wir uns wegen der AfD keine Sorgen zu machen.
Der Erfolg der deutschen Wirtschaft basierte lange auf fortschrittlichen Produkten und auf freiem Handel. Heute regiert in den USA der Zollkrieger Trump, und für Innovationen wie Batteriezellen und ChatGPT sorgen andere. Ist das deutsche Geschäftsmodell kaputt?
Das deutsche Geschäftsmodell basierte auf billiger Energie, mit der wir klassische Industrieprodukte produziert und erfolgreich exportiert haben. Dieses Modell hat erheblichen Schaden genommen. Deshalb brauchen wir ein neues. Und ich glaube weiter daran, dass wir das hinkriegen und vor allem bei den Innovationen mit Chinesen und Amerikanern mithalten können.
Vor allem bei der Umsetzung von Innovationen in massentaugliche Produkte. Da haben wir Defizite. Das fängt schon damit an, dass es in Europa keinen leistungsfähigen Markt für Wagniskapital gibt. Das führt zur Abwanderung vielversprechender Start-ups. In Unternehmen ist das sogenannte Benchmarking völlig normal: Man vergleicht sich regelmäßig mit den Fähigkeiten und Stärken der wichtigsten Wettbewerber. Und was die gut machen, das übernimmt man, dazu ist man sich nicht zu schade. Warum machen wir das nicht auch als Land und schauen mal: Was funktioniert in der Schweiz oder in Südkorea besser als bei uns?
Welche Mitverantwortung tragen die Führungskräfte der deutschen Industrie an der Wirtschaftsmisere? Blicken wir zum Beispiel auf die Autoindustrie, in der Sie selbst viele Jahre gearbeitet haben.
Man kann sicher darüber diskutieren, ob die deutschen Hersteller zu spät die Bedeutung der Elektromobilität richtig eingeschätzt haben. Und dann kam auch noch hinzu, dass einige Unternehmen – als sie dann schließlich doch stärker auf E-Autos setzten – es nicht schafften, diese neue Strategie erfolgreich umzusetzen. Stattdessen ruderten sie zurück.
Sie sagen: Darüber kann man diskutieren. Das ist sehr fein dosierte Selbstkritik.
Wir haben den Wechsel zum E-Auto zu spät ernst genommen. Andererseits: Für erfolgreiche Automobilunternehmen ist die Versuchung einfach groß, erst einmal abzuwarten, statt dieses gute Geschäft zu früh zu zerstören und im Sinne des Ökonomen Joseph Schumpeter etwas ganz Neues aufzubauen.
Die Erfolge der Vergangenheit haben die deutsche Autoindustrie träge gemacht?
Zögerlich trifft es besser. Aber es gibt noch einen anderen Punkt, bei dem wir uns als Manager alle selbst an die Nase fassen müssen: Bis zur Einführung des Euro 1999 mussten wir als Exportindustrie die Stärke der D-Mark kompensieren. Die Unternehmen mussten laufend versuchen, kostengünstiger zu werden, um auf Auslandsmärkten den Nachteil der starken Mark auszugleichen. Der Euro wurde im Laufe der Zeit viel schwächer, und damit war der Druck auf immer höhere Produktivität und Effizienz stark reduziert. Mit der Einführung des Euro gingen die Produktivitätssteigerungen zurück, und das hatte direkte Auswirkungen auf die Wohlstandsentwicklung in Deutschland.
Sind die goldenen Zeiten der deutschen Autoindustrie endgültig vorbei?
Jedenfalls kommt die Dominanz aus früheren Zeiten nicht mehr zurück. Aber die deutschen Autohersteller werden nicht untergehen. Ich glaube fest an eine Erholung. Ihre Marken sind zu stark, als dass sie einfach verschwinden. Ein Unternehmen wie Continental etwa hat Einblick in die Innovationspipeline der heimischen Hersteller. Und ich kann Ihnen versichern: Da sind viele tolle neue Produkte in Vorbereitung.
Die deutschen Autobauer werden auch im Zeitalter des Elektroautos vorn mitspielen?
Ganz bestimmt wird es auch in Zukunft technisch überlegene deutsche Automobile geben. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir bei all den Standortproblemen im globalen Massenmarkt für E-Autos noch die gleiche Rolle spielen werden wie früher. Wir müssen uns die intelligenten Nischen suchen. Dann können wir uns mit unseren starken Marken und unseren Innovationen behaupten. Von mir hören Sie keinen Abgesang auf die deutsche Autoindustrie.
Sprechen wir über Continental. Auf der Hauptversammlung nächste Woche geben Sie nach fast 17 Jahren den Aufsichtsratsvorsitz des seit Langem kriselnden Unternehmens ab. Ist seine Zukunft gesichert?
Wir haben durch die Neuaufstellung des Unternehmens aus einem großen und recht trägen Tanker drei wendige Schnellboote gemacht, die erfolgreich auf dem Weltmarkt unterwegs sein können. Das ist sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Aktionäre gut.
Conti hat 2021 das Geschäft mit Autoantrieben abgespalten, und 2025 die Fahrzeugelektroniksparte Aumovio mit Hauptsitz in Frankfurt.
Und auch ContiTech soll wie angekündigt verkauft werden. Continental ist dann ein reiner Reifenhersteller mit 14 Milliarden Euro Umsatz und einer sehr ordentlichen operativen Gewinnmarge von 14 Prozent. Das ist ein hervorragendes und sehr resilientes Unternehmen. Aber auch die anderen Konzernteile werden wieder erfolgreich sein.
Bei Aumovio geht es vor allem ums Streichen, Schließen und Kürzen.
Gerade am Standort Deutschland mit seinen hohen Kosten müssen die Strukturen angepasst werden. Dieser Prozess wird aus meiner Sicht noch zwei bis drei Jahre dauern. Aber ich sehe das positiv, weil es Aumovio wettbewerbsfähiger und damit seine Erfolgschancen nachhaltiger macht. Technologisch ist das Unternehmen gut aufgestellt und liefert zum Beispiel eines der besten elektrischen Bremssysteme der Welt.

Continental ist in den vergangenen drei Jahrzehnten durch viele Zukäufe vom Reifenhersteller zum Autozulieferer geworden und ist jetzt wieder zurück bei den Reifen. War das Ganze ein langer strategischer Irrweg?
Als ich 2009 zu Continental kam, war das Unternehmen schon ein breit aufgestellter Autozulieferer – und Conti war mit dieser Aufstellung ja auch über lange Jahre hinweg sehr erfolgreich. Aber es stimmt schon: Konglomerate passen nicht mehr in die heutige Zeit. Wir erleben Technologiebrüche, wie wir sie in der Geschichte der Automobilindustrie noch nie hatten. Die Elektromobilität pflügt alles um. Hinzu kommen neue, schlagkräftige und staatlich protegierte Wettbewerber aus China. In so schwierigen Zeiten müssen Unternehmen agil und schnell sein. Deshalb ist die Neuaufstellung von Continental der richtige Schritt.
Welche Mitverantwortung tragen Sie als langjähriger Aufsichtsratschef an der Continental-Misere? Gibt es Dinge, die Sie heute anders machen würden?
Wenn Sie mich so konkret fragen: Ich hätte versuchen sollen, die Entscheidung zur Neuaufstellung von Continental, die ich schon lange für richtig gehalten habe, früher einzuleiten. Auch wenn das in der konsensorientierten deutschen Unternehmensordnung schwierig ist.
Herr Reitzle, Sie haben in diesem Gespräch klar und undiplomatisch Ihre Meinung gesagt. Sollten andere Topmanager das ebenfalls öfter tun?
Ich finde ganz generell: Wir haben in Deutschland den Korridor des öffentlichen Meinungsstreits zu sehr verengt. Dadurch haben wir politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen viel zu lange laufen lassen. Wir sollten wieder engagierter und zugleich gelassener miteinander streiten. Mit sachlichen Argumenten und weniger mit Vorwürfen oder Verdächtigungen. Das ist eine Grundvoraussetzung, um das Land im Interesse aller wieder weiter nach vorn zu bringen.
Marathon-Mann der deutschen Industrie
Als Wolfgang Reitzle am Mittwochvormittag zum Gespräch mit der F.A.S. im Büro einer Kommunikationsagentur in Zürich erscheint, hat er zunächst eine Frage. Dies hier sei sein Abschiedsinterview und er würde gern einige Themen, die ihm wichtig seien, klar und deutlich ansprechen. Ob man damit einverstanden sei? Reitzle,77, ist ein Marathonmann der deutschen Industrie. Seine Karriere spannt sich über sechs Jahrzehnte. Aber er will nicht so sehr über alte Zeiten sprechen, sondern über das Deutschland von heute und die Probleme, die das Land plagen.
Für sich selbst zieht Reitzle am kommenden Donnerstag einen Schlussstrich: Nach 17 Jahren scheidet er als Aufsichtsratschef des Hannoveraner Reifenherstellers Continental aus. Damit endet eine lange Karriere. 1976 fing der promovierte Maschinenbauingenieur bei BMW an und wäre dort beinahe bis zum Vorstandschef aufgestiegen. Doch Reitzle, der immer als harter und kantiger Manager galt, scheiterte 1999 am Veto der Arbeitnehmervertreter. Er wechselte zu Ford und arbeitete dann viele Jahre lang für den Industriegase-Hersteller Linde. Zunächst als Vorstands- und später als Aufsichtsratschef fädelte er eine Milliardenübernahme und eine Fusion mit einem US-Konzern ein. Bei Continental war er ab 2009 ein aktiv agierender Chefkontrolleur und treibende Kraft für die Aufspaltung des kriselnden Traditionskonzerns in den vergangenen Jahren.
Reitzle, der heute in der Schweiz lebt, ist mit der Fernsehmoderatorin Nina Ruge verheiratet und betreibt ein Weingut in der Toskana.
