
Es ist Halbzeit im Börsenjahr 2026. Es dürfte nicht weniger turbulent gewesen sein als die erste Jahreshälfte des vergangenen Jahres, als der amerikanische Präsident Donald Trump das internationale Handelsgefüge mit seinen Zöllen durcheinanderbrachte. Nach der Verkündung der Importzölle ging es für globale Indizes sowie die Indizes einzelner Länder und Wirtschaftsräume zunächst steil bergab. Bergauf ging es erst wieder, nachdem die Rechtslage der Zölle sich aufgeklärt und erste Länder neue Handelsabkommen mit den USA geschlossen hatten.
Auch 2026 weisen die Chartverläufe der Indizes eine ähnliche Kerbe im Frühjahr auf. Und wieder war die Außenpolitik der USA Hauptgrund für die Verwerfungen. Der Krieg der USA mit Iran führte dazu, dass das Land im Nahen Osten die wichtige Seefahrtroute durch die Straße von Hormus blockierte und damit dem globalen Handel mit Erdöl einen schweren Schlag zufügte.
Mit einer Rahmenvereinbarung für Friedensverhandlungen zwischen den USA und Iran normalisiert sich die Weltlage ein Stück weit, wenn auch beide Konfliktparteien am Wochenende wieder Angriffe ausführten. Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, schrieb am Montag zur Lage an den Märkten: „Die Anleger gehen davon aus, dass der Konflikt zwischen den USA und dem Iran begrenzt bleibt und keine weitere militärische Eskalation droht.“
Indizes haben sich erholt
Von Einbrüchen zum Kriegsbeginn haben sich viele breite Indizes wieder erholt. Der für Sparpläne beliebte globale ETF MSCI World steht heute im Vergleich zum Jahresanfang rund sieben Prozent höher. Ähnlich stark gestiegen sind der europäische Index Euro Stoxx 50 und der marktbreite amerikanische Index S&P 500. Der Dax steht zumindest wieder auf dem Niveau des Jahresanfangs.
Aber wie geht es nach der Halbzeit weiter? Aufgrund der Weltlage und der strukturellen Bedingungen Europas rät Stephan Kemper, Chef-Investmentstratege in der Vermögensverwaltung der Großbank BNP Paribas, zu einem differenzierten Blick auf Aktien des alten Kontinents: „Europa sehe ich momentan als Stockpicker-Markt.“ Dabei kommt es auf die gezielte Auswahl von einzelnen Unternehmen oder Branchen an. Im ersten Halbjahr war es der europäische Energiesektor, der aus der kriegsbedingten Ölknappheit Profit schlagen konnte. „Energie-Aktien liefen seit Jahresbeginn sehr gut“, sagte Kemper im Gespräch mit der F.A.Z. Die gute Entwicklung zog sogar Indizes nach vorn.
Energiesektor bisher mit tragender Rolle
Auch die Analysten der Deutschen Bank bescheinigen dem Sektor in Europa eine tragende Rolle. In ihrer am Montag veröffentlichten Vorschau zu Unternehmensgewinnen im zweiten Quartal 2026 nehmen Energieunternehmen eine tragende Rolle ein. Als Basis dienen für den Bericht Finanzdaten zu Unternehmen aus dem breiten europäischen Aktienindex Stoxx 600.
Die Analysten gehen davon aus, dass die Gewinne der Energieunternehmen im nun ablaufenden Quartal um 84 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen sein dürften. Auf das halbe Jahr gesehen rechnen die Analysten der Deutschen Bank damit, dass die Gewinne der Unternehmen im Stoxx 600 um acht Prozent im Vorjahresvergleich steigen. Ohne den Sektor Energie schmälert sich das Gewinnwachstum auf nur noch vier Prozent.
Welche Unternehmen tragen die Entwicklung weiter?
BNP-Paribas-Stratege Kemper geht aber nicht davon aus, dass Energieunternehmen im zweiten Halbjahr ähnlich stark bleiben werden. „In den vergangenen Wochen hat sich der Sektor wieder deutlich schlechter entwickelt“, sagte er. Nun würden die Schätzungen wieder niedriger, was den gesamten europäischen Markt belasten dürfte.
Augenmaß sei gefragt, was die Auswahl der Sektoren anbelangt. „Europäische Banken sind so profitabel wie seit dem Beginn der Finanzkrise nicht mehr“, sagte Kemper. „Auch das Thema Infrastruktur ist gefragt, wie der Aufstieg von Hochtief in den Dax zeigt. Aber die Anlage in einen breiten europäischen Index kann ich im Moment nicht empfehlen.“
In Europa bleibt eine Lücke
Kemper sagt zwar, dass die europäische Wirtschaft Potential für eine stärkere Erholung hat, da sie auch stärker von den Auswirkungen des Krieges in Iran betroffen war. „Insgesamt überwiegen in Europa die strukturellen Nachteile gegenüber anderen Regionen“, sagt er und verweist vor allem auf die Schwäche Europas im Bereich Technologie.
In der Gesamtsicht gehen die Analysten der Deutschen Bank davon aus, dass sich das Gewinnwachstum europäischer Unternehmen in den kommenden Monaten wieder an die amerikanische Konkurrenz annähern wird. Für das erste Quartal sehen die Analysten sieben Prozent Wachstum in Europa gegen 25 Prozent in Amerika. Im zweiten Quartal gehen sie für Europa von zwölf Prozent aus, für Amerika von 26 Prozent.
Im vierten Quartal werden sich Europa und Amerika gemäß den Schätzungen auf jeweils 23 und 25 Prozent angenähert haben. Allerdings bleibt, dass europäische Unternehmen erst einmal eine Lücke im Wachstum zu überwinden haben. Stephan Kemper sagt dazu: „Wir erwarten nicht, dass viele Indizes am Jahresende niedriger stehen als zu Beginn. Aber der Dax wird die Performance-WM nicht gewinnen.“
