Meine Mission hatte ich erfolgreich beendet. Ich stieg in den ICE 221 von Amsterdam Centraal nach Frankfurt am Main. Als ich meine Stirn gegen die Fensterscheibe drückte und der Duisburger Hauptbahnhof an mir vorbeizog, dachte ich an Italien. Genauer gesagt an zwei Italiener: Fabio Grosso und Alessandro Del Piero.
Es gibt bestimmte Tage, von denen man ganz genau weiß, wo man war. Bei mir ist es der Abend des 4. Juli 2006. Ich, zwölf Jahre alt, sitze im Biergarten des örtlichen Italieners und fiebere dem Elfmeterschießen entgegen. 119 Spielminuten waren schon vergangen, ohne dass dieses Spiel einen Sieger hervorgebracht hatte. Die unerträgliche Spannung übertrug sich von den Rängen des Dortmunder Stadions über den Flatscreen, den der Wirt auf einem Servierwagen herausgeschoben hatte, in diesen herrlichen Sommerabend, weit weg vom Westfalenstadion. Und wie Millionen anderer deutscher Fußballfans starrte auch ich mit schnell hämmerndem Herz in der Brust auf den Bildschirm.
Der Bruch eines Fußballherzens
Dann passierte es: diese gottverdammte Ecke, dieses gottverdammte Genie Andrea Pirlo. Ohne überhaupt hinzuschauen, spielte l’architetto einen kerzengeraden Kurzpass in den deutschen Strafraum, Grosso zog direkt mit links ab. Während die Azzurri ihn unter einer Spielertraube begruben, sackte mein zwölfjähriges Ich auf dem weißen Plastikstuhl im Biergarten von „Da Pasquale“ in Hanau zusammen. Aus und vorbei war es noch nicht. Noch hielt ich die Verzweiflungstränen zurück, noch bestand Hoffnung. David Odonkor setzte noch einmal zum Temposprint über die Flanke an, Michael Ballack schoss noch einmal Richtung italienisches Tor.
Aber es half nichts: Sekunden später leitete Fabio Cannavaro einen Konter ein, und Del Pieros Tor zerschoss mein Sommermärchen. Jetzt brachen alle Dämme, Tränen rannen mir über die Wangen. Es war das erste von zwei Malen, dass ich wegen eines Fußballspiels geweint habe. Die Italiener hatten 2006 mein Fußballherz gebrochen – und wie so viele Jungs, denen Grossos Gesicht in mancher unruhigen Juli-Nacht noch Jahre später in albtraumhafter Verzerrung im Schlaf erschien, wuchs ich zu einem Mann heran, der die Squadra Azzurra leiden sehen wollte.
Mit den Jahren verblassten die Revanchegedanken für die Schmach von Dortmund – so wie die Leidenschaft für den Fußball. Die Kommerzialisierung, die Korruptionsskandale, die Menschenrechtsverletzungen rund um die Weltmeisterschaft in Qatar: Sie hatten mich gründlich desillusioniert. Meine Vorfreude auf die WM des FIFA-Friedenspreisträgers Donald Trump hielt sich in Grenzen.
Die Leidenschaft für den Fußball muss zurückkehren
Entsprechend ratlos war ich, als mich der Ressortleiter Anfang April in sein Büro rief, um mir den Auftrag für meine Mission zu erteilen: Ich sollte nach Amsterdam reisen, um das niederländische Start-up MatchWornShirt zu porträtieren, das Trikots versteigert, die von Fußballprofis getragen wurden. Eine „schöne Fußballgeschichte“ solle es werden, Lust auf die WM machen. Es war klar, dass mir das nur gelingen würde, wenn ich mich selbst wieder für Fußball begeistern könnte. Ob es helfen würde, wenn ich ein Unternehmen besuche, das Profit mit dem Verkauf durchgeschwitzter Synthetik-Shirts für Tausende Euro machte, spottete mein innerer Zyniker. Aber eine unschuldige und begeisterungsfähige Seite in mir hielt dagegen.
Denn er steckte noch in mir: der kleine Sportmuffel, der 2006 zum Fußballfan erweckt wurde, seine Helden gewissenhaft ins Panini-Album klebte und nach der Schule Stunden vor der Playstation 2 verbrachte, um in FIFA 06 Kickers Offenbach zum Champions-League-Titel zu führen. Mein zwölfjähriges Ich konnte sich auch der Wirkung von Fußballtrikots nicht erwehren, auch nicht der Magie mancher Fußballspiele, die lange nachwirken.
Das Trikot steht nicht nur für Fußball
Fußballtrikots sind Reliquien legendärer Rasenschlachten, sie sind popkulturelle Symbole und Fashion-Codes. Sie stehen für Legenden, Epochen und Haltungen. Sie zeigen, woher man kommt – und manchmal auch, wohin man will.
Zu einem trendigen Y2K-Style gehören längst Retrotrikots, etwa das legendäre „Bruised Banana“-Jersey des FC Arsenal oder ein Manchester-United-Trikot von David Beckham. Wer zeigen will, dass er ein lockerer Typ ist, trägt das kanariengelbe Trikot der Seleção nicht nur an der Copacabana. Und das braune Shirt des FC St. Pauli sieht man nicht nur auf der Reeperbahn, sondern vielerorts, wo sich Menschen für progressive Werte einsetzen.
Wenn Vorstadtkids aus der Pariser Banlieue in Rapvideos in Trikots von Paris Saint-Germain und Bayern München posen, können sie sich mit ihren schwarzen Vorbildern identifizieren und zeigen, dass ihr Viertel in der Champions League steht. Von Gelsenkirchen bis Liverpool sind die Vereinswappen zu Identitätsstiftern ganzer Gesellschaftsschichten geworden. Es gibt wohl wenige Produkte, die so viele verschiedene Gefühle kommerzialisieren wie Fußballtrikots.
Welches Trikot soll es werden?
Was MatchWornShirt da machte, war also durchaus spannend. Ich sagte zu, zumal auch eine „französische Legende“ für einen Pressetag angekündigt war. Bevor es nach Amsterdam gehen sollte, trug mir der Ressortleiter auf, selbst ein Trikot bei MatchWornShirt zu ersteigern, für das Fotoshooting im Magazin. Gar nicht so leicht mit einem begrenzten Budget von knapp 400 Euro. Die Trikots der großen Vereine wie Paris, Bayern und Mailand können je nach Spiel und Spieler auch einen vierstelligen Betrag erreichen, will man sich keine unbekannten Bankdrücker, sondern einen Dembélé oder Olise an die Wand hängen.
Einer der Topklubs wird es also nicht, was die Sache ein wenig heikel machte. Schließlich bin ich Mitglied bei Hertha BSC, und die alte Dame kooperiert (noch) nicht mit MatchWornShirt. Dass man sich aus modischen Gründen einmal in einem PSG-Trikot oder Milan-Dress ablichten lässt, würden einem die meisten Herthaner wohl verzeihen. Aber ein Shirt der Bundesliga-Konkurrenz überstreifen? Ein Sakrileg! Auch wenn ich über solchen Ehrenkodizes stand, fragte ich mich, welche Wahl ich treffen sollte.
Der ehemalige Hoffnungsträger der Hertha-Fans
Einen unbekannten Klub aus dem Ausland zu nehmen, war keine Option. Schließlich sollte das Trikot später für einen wohltätigen Zweck versteigert werden – und einen hohen Erlös würde es nur erzielen, je mehr Kollegen einen Bezug zu dem Verein hätten. Es musste ein deutscher Klub sein. Neben dem FC Bayern stehen Mainz 05, Dortmund, Leverkusen, RB Leipzig, Werder Bremen, VfL Bochum, aber auch Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach zur Auswahl. Als F.A.Z.-Redakteur kann man sich eigentlich nur für ein Trikot der Adler vom Main entscheiden.
Doch bei Gladbach gibt es einen Mann, den man als Berliner nicht vergisst: Haris Tabakovic, von uns Herthanern liebevoll „Fluppe“ genannt. In der ersten Zweitliga-Saison nach dem Abstieg, 2023/2024, war der Bosnien-Schweizer, dessen Vorfahren im Osmanischen Reich offenbar mit Tabak handelten, einer der großen Hoffnungsträger des geschundenen Hauptstadtklubs: Mit 22 Toren in 32 Einsätzen schoss sich Tabakovic an die Spitze der Torjägerliste – und in die Herzen der Hertha-Fans. Der Wiederaufstieg scheiterte, doch „Fluppe“ hatte uns viele schöne Momente geschenkt.
Niemand nahm es ihm wirklich übel, als er sich den Traum von der Bundesliga im Alter von 30 Jahren mit einem Wechsel nach Hoffenheim erfüllte – nach Jahren in der Schweiz, in Ungarn und Österreich, abseits der großen Fußballbühne. Jene Zweitliga-Saison bei Hertha machte Tabakovic nicht nur zum Bundesligaprofi, sondern auch zum Nationalspieler von Bosnien-Hercegovina. Im November 2023 debütierte er für das Heimatland seiner Eltern im EM-Qualifikationsspiel gegen Luxemburg.
Das neue Wunder von Sarajevo
Der 31. März 2026 sollte Tabakovic, mittlerweile von Hoffenheim nach Gladbach verliehen, zum bosnischen Nationalhelden machen – und zum Rächer des zwölfjährigen Jungen, der vor 20 Jahren bittere Tränen im Biergarten der örtlichen Pizzeria weinte.
„Geht raus und spürt die Energie unseres Volkes“: Mit diesen Worten hatte der bosnische Nationalcoach Sergej Barbarez die Zmajevi, die Drachen, auf das Schicksalsspiel gegen Italien eingeschworen. Mehr als 50 Weltranglistenplätze trennten die beiden Mannschaften; nur einmal, 1996, hatte das kleine Bosnien den Fußballriesen Italien geschlagen – der erste Sieg dieser damals noch jungen Nation.
Würde Bosnien das Wunder von Sarajevo wiederholen, führe es zur WM nach Amerika, und die Azzurri würden zum dritten Mal in Folge an der Qualifikation scheitern. So kam es dann wirklich: Nach einer roten Karte für Italiens Innenverteidiger Alessandro Bastoni erzielte der bullige Stürmer in der 79. Minute den Ausgleich zum 1:1, im Elfmeterschießen traf Tabakovic entscheidend.
Reichen 351 Euro?
Auf diesen Mann konnten sich alle deutschen Fußballfans einigen. Meine Wahl fiel also auf ein Gladbach-Trikot von Haris Tabakovic – getragen im Rückrunden-Derby gegen den 1. FC Köln, signiert von „Fluppe“ persönlich.
Jetzt musste ich nur noch die Auktion gewinnen. 15 Konkurrenzbieter galt es auszustechen. An einem Samstagnachmittag, knapp eine Stunde vor Auktionsende, holte ich zum finalen Schlag aus. Ich gab gleich mein Höchstgebot ab, um die anderen Bieter zu entmutigen: 351 Euro. Würde dieser Betrag reichen, um sich ein getragenes und von Schweiß durchnässtes Trikot überstreifen zu dürfen? Noch einmal konnte ich nicht nachlegen.
Als ich am Abend auf mein Smartphone schaute, war ich erleichtert: Ich hatte das Trikot ersteigert!

Ein paar Tage später war ich auf dem Weg nach Amsterdam, um das Trikot abzuholen. Allerdings: MatchWornShirt hatte es schon mit DHL Express losgeschickt. Nun gut, dann würde ich es eben nicht persönlich in Empfang nehmen. Es blieb ja noch die Führung durch das Unternehmen samt Pressetermin mit der geheimnisvollen „französischen Legende“. Das Thema Fußball hatte mich wieder mehr gepackt, als ich es erwartet hatte. Als ich abends in dem kleinen Hotel im Stadtteil De Pijp ankam, freute ich mich auf den kommenden Tag.
Im Eingang begrüßen die Trikots italienischer Größen die Besucher
Früh am Morgen holte man die Journalistentruppe in der Innenstadt mit einem Kleinbus ab. Man brachte uns in ein Bürogebäude nach Rivierenbuurt, wo MatchWornShirt seinen Hauptsitz hat.
Gleich beim Betreten des ersten Flurs ein kleiner Schock: „The Italian Wall“, wie sie der Pressesprecher von MatchWornShirt nennt. Sauber eingerahmt hängen dort die Shirts von Alessandro Del Piero, Andrea Pirlo und Francesco Totti. Alle drei sind große Spieler, denke ich, auch wenn sie mir wehgetan haben. Besonders Francesco Totti hatte mich beeindruckt. Als „Romano di Roma“, also gebürtiger Römer, wechselte er nie den Verein, sondern spielte von 1993 bis 2017 in mehr als 600 Spielen für AS Rom. Als der Stadtrivale Lazio Rom versuchte, ihn in jungen Jahren anzuwerben, sollen dessen Vertreter von Tottis Familie aus dem Haus gejagt worden sein.
Eine ebenfalls überwältigende Vereinstreue zeigte Alessandro Del Piero für Juventus Turin, „Pinturicchio“, wie sie ihn in Piemont nennen – in Anlehnung an den großen Renaissancekünstler Pinturicchio di Betto, der ebenfalls magisch schöne Bilder schuf. Auch wenn das „Fenomeno Vero“, so der Spitzname der Fans im Anklang an Ronaldos Titel „Il Fenomeno“, seine Karriere nicht in Turin, sondern in Delhi ausklingen ließ, blieb er fast 20 Jahre ein Bianconero.
Die Firma entstand aus einer Geschenkidee
Weniger vereinstreu, aber vielleicht der genialste dieser Spieler, war Andrea Pirlo. Ohne den Architekten, das Metronom, den Maestro hätte Italien 2006 niemals Weltmeister werden können. Nur wenige Spieler konnten einen Spielzug so entwerfen, wie Pirlo es vermochte, kaum jemand einem Spiel Takt und Tempo so vorgeben. Ein solcher Regista fehlt Italien heute, denke ich, werde aber aus meinen Gedanken gerissen.
Schließlich hat die Führung gerade erst angefangen. Journalisten und Influencern, die alles abfilmen, wurde die arbeitsklimatisch angenehme Zentrale (Heineken-Bar, bodentiefe Fensterfronten und ein süßer Büro-Cockerspaniel) von MatchWornShirt präsentiert. Dann ergriff Gründer Tijmen Zonderwijk das Wort. Eigentlich hätte sein Bruder Bob das gemeinsame Unternehmen vorstellen sollen, doch dessen Frau erwartete gerade ein Kind.
Als Familiengeschichte begann auch die Unternehmensgeschichte. Der Vater der Zonderwijk-Brüder ist ein Fan von Ajax Amsterdam. Zusammen mit seinen Söhnen, allesamt Dauerkartenbesitzer, besuchte er regelmäßig die Johan-Cruyff-Arena. Als der Vater nach einer dreißigjährigen Laufbahn als Schuldirektor ein letztes Mal die Stelle wechselte, wollten ihm seine Söhne etwas Besonderes für sein neues Büro schenken. „Es sollte etwas mit Bedeutung sein“, sagt Zonderwijk. Also suchten sie nach dem Trikot des damaligen Ajax-Shootingstars Davy Klaassen, das er beim Spiel gegen den Rivalen Feyenoord Rotterdam getragen hatte. Doch das Angebot bei Ebay für spielergetragene Trikots sei „oft schlecht präsentiert, schwach vermarktet“ gewesen, auch das Trikot fanden sie nicht.
„Die Idee war so simpel“
Aber die Idee für ihre Firma war geboren. 18 Monate später hatten die Brüder ihren ersten Termin beim niederländischen Fußballklub FC Twente. Sie kamen in Anzügen, der Klubfunktionär trug Trainingsanzug. Als sie ihr Angebot vortrugen, getragene Spielertrikots zu versteigern, hatten sie Angst, rausgeschmissen zu werden. „Die Idee war so simpel, und es musste doch einen Grund geben, warum niemand im Fußball das machte.“ Aber die Verantwortlichen des FC Twente fanden die Idee gut, und die erste Kooperation war eingetütet. „Es war das letzte Mal, dass wir je im Anzug zu einem Fußballklub gegangen sind“, sagt Tijmen Zonderwijk.

Die angekündigte „französische Legende“ hingegen steht plötzlich im Anzug vor uns: Christian Karembeu. Sein Markenzeichen, die dünnen Dreadlocks, trägt der 55 Jahre alte Weltmeister von 1998 auch heute noch. Er tritt höflich und leise auf, zurückhaltend charmant, nimmt sich Zeit für Fragen und Selfies.
Von Neukaledonien zum Champions-League-Titel
Vielleicht hat das unaufdringliche Charisma etwas mit seiner Herkunft zu tun. 1970 kam er in der früheren französischen Pazifikkolonie Neukaledonien zur Welt. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen mit zahlreichen Geschwistern (je nach Quelle sind es zwischen 16 und 18), ist Karembeus Geschichte ein Fußballmärchen: von der kleinen Südsee-Insel auf die große europäische Fußballbühne.
Mit dem FC Nantes wurde er französischer Meister, mit Real Madrid gewann er zweimal die Champions League, mit Olympiakos Piräus die griechische Meisterschaft. Er spielte außerdem in Italien für Sampdoria Genua, in England für den FC Middlesbrough, in der Schweiz für Servette Genf und auf Korsika für den SC Bastia.
Er habe durch die vielen Wechsel Europa kennengelernt, sagt Karembeu, und in jedem Land neue Dinge entdeckt – etwa während seiner Station in der Toskana den ersten Kaffee seines Lebens getrunken und das Pesto alla Genovese schätzen gelernt, in Piräus Olivenöl und Feta. Auch Jahrzehnte später erzählt Karembeu begeistert von den kulinarischen Entdeckungen, einer komplett neuen Welt für den Jungen, der vom anderen Ende der Welt kam. Und dennoch blieb sein Verhältnis zu Europa differenziert, war er doch nicht der Erste aus seiner Familie gewesen, der die weite Reise hierher angetreten hatte.
Ein widerlicher Auswuchs des kolonialen Rassismus
Christian Karembeu gehört zum indigenen Volk der Kanak in Melanesien. Unter dem Vorwand einer Bildungsreise waren rund 100 Personen der Kanak 1931 zur Internationalen Kolonialausstellung nach Paris gelockt worden, unter ihnen auch Verwandte des Fußballspielers wie sein Urgroßvater Willy Karembeu.
Doch statt Freiheit und Brüderlichkeit erwartete die Menschen dort ein widerlicher Auswuchs des kolonialen Rassismus: In einem „Menschenzoo“ im Bois de Boulogne mussten sie keulenschwingend und zähnefletschend zwischen Krokodils- und Löwengehege Kannibalen mimen, um das weiße Publikum in seinen Vorurteilen gegenüber indigenen Völkern zu bestätigen. Viele von ihnen wurden an deutsche Zoos weitergereicht. So verschleppte man Karembeus Urgroßvater Willy in den Hamburger Tierpark Hagenbeck.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte bestärkte Karembeu in seiner Entscheidung, die Marseillaise vor Länderspielen der französischen Nationalmannschaft nicht mehr zu singen. 1996 hatte der rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le Pen die nichtweißen Nationalspieler als „falsche Franzosen“ verunglimpft. Von da an schwieg Karembeu bei der Hymne, die er in der Schule auswendig lernen musste. Bei der Weltmeisterschaft 1998 sollte „Black, Blanc, Beur“ Le Pen eines Besseren belehren, als die Mannschaft bei der Heim-WM gegen Brasilien den Titel im Stade de France gewann.
Die inklusive Kraft des Fußballs
Fußball sei lange ein Sport gewesen, der den Weißen gehört habe, sagt Karembeu. „Als wir die Weltmeisterschaft gewonnen haben, fühlten wir uns als inklusive Nation. Das ist die Kraft des Fußballs.“
Das Symbol dieses versöhnlichen Moments zwischen der früheren weißen Kolonialmacht und den Einwandererkindern aus Algerien, Senegal, Martinique, Guadeloupe und Neukaledonien war das legendäre blaue Adidas-Trikot mit dem goldenen gallischen Hahn und dem roten Streifen auf der Brust, darunter drei dünne weiße. Das Exemplar, das Karembeu im Endspiel trug, hatte er gegen das ebenso ikonische Trikot des brasilianischen Außenverteidigers Roberto Carlos eingetauscht – einer von Karembeus Brüdern trägt es als Freizeitkleidung in Neukaledonien.
Ein originales Trikot der Bleus konnte sich Karembeu als Kind nicht leisten, aber ein weißes oder blaues Shirt reichte, um sich mithilfe kindlicher Phantasie wie eines der großen Vorbilder zu fühlen: etwa wie Jacques Zimako, der erste Neukaledonier, der für die französische Nationalelf spielte.
Die teuerste Trikotsammlung der Welt
Am Ende sitze ich also im ICE und denke an Italien. An Grosso und Del Piero und an diese großartige Mannschaft, die vielleicht nicht immer sauber gespielt hat, aber nicht unverdient 2006 Weltmeister wurde – Del Piero, Totti und Pirlo hatten es allemal verdient. Vielleicht musste es so kommen, damit ich 2014 das zweite Mal nach einem Fußballspiel weinen konnte. Und eigentlich wäre es doch schön, wenn Italien endlich wieder dabei wäre bei einer Weltmeisterschaft und gegen Deutschland spielen würde.
Ich denke aber auch an Haris Tabakovic, der sich durch harte Arbeit noch spät in der Karriere seinen Traum von der Bundesliga erfüllt hat, an das kleine Bosnien- Hercegovina, das den Fußballriesen Italien bezwungen hat und nun an einer Weltmeisterschaft teilnimmt – und an Christian Karembeu, der seine Öffentlichkeitswirkung nutzt, um auf Rassismus und koloniale Gewalt aufmerksam zu machen, aber auch die vereinende und versöhnende Seite des Fußballs repräsentiert.
Ob meine Mission dahingehend erfüllt ist, dass dieser Text Lust auf die WM macht? Das vielleicht nicht, aber womöglich auf den Fußball und die Geschichten, die er schreibt. Von originellen Geschäftsideen und ungeahnten Aufstiegschancen, von einem Sport, der uns Menschen zusammenbringt wie wohl kaum ein anderer.
2015 gründeten die Brüder Bob und Tijmen Zonderwijk MatchWornShirt in Amsterdam. Heute kooperiert das Unternehmen – mit Büros in Manchester, Dallas, São Paulo und Istanbul – mit mehr als 300 Fußballklubs und 14 Nationalmannschaften auf der ganzen Welt. Seit der Gründung wurden rund 220.000 Trikots in Live-Auktionen versteigert. Registrierte Nutzer können auf MatchWornShirt.com in Echtzeit auf spielergetragene und signierte Trikots bieten. Vor dem Versand entfernen Mitarbeiter mit UV-Licht die DNA der Spieler – Grasflecken und Schweißgeruch bleiben erhalten. Die Echtheit wird durch Vereinszeugwarte sowie Fotos vom jeweiligen Match verifiziert. Zur WM 2026 zeigt MatchWornShirt in New York eine Ausstellung mit „der teuersten Trikotsammlung der Welt“ – darunter ein Trikot, das Paul Breitner 1974 während der WM in Deutschland trug.
