
In Zeiten des Umbruchs brauchen Industrie- und Familienunternehmen, Banken und Finanzdienstleister sowie Start-ups vor allem Rechtssicherheit. Dafür suchen sie Rat bei Anwälten. Auf einen Satz heruntergebrochen, dürfte das einer der Hauptgründe sein, dass der Kanzleimarkt in Deutschland im Geschäftsjahr 2025/26 abermals eindrucksvoll gewachsen ist. Der Kreis der 100 umsatzstärksten Wirtschaftskanzleien in Deutschland erwirtschaftete 5,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt kamen sie damit auf einen Umsatz von mehr als elf Milliarden Euro. Seit dem Pandemiejahr 2020 konnten die Wirtschaftsberater hierzulande ihre Umsätze um mehr als 3,3 Milliarden Euro steigern. Das zeigen die in dieser Woche veröffentlichten Recherchen des Branchendienstes Juve.
In der breit angelegten Analyse von Finanzkennzahlen internationaler und deutscher Großkanzleien, von Kanzleien mit Fokus auf den Mittelstand und spezialisierten Anwaltsboutiquen fallen zwei Werte besonders auf. Zum einen gelang es den Kanzleien im breiten Marktdurchschnitt, ihre Produktivität nochmals deutlich zu steigern. So erwirtschaftete jeder Anwalt in den Top-100-Kanzleien im Schnitt 712.000 Euro, das sind 6,7 Prozent mehr als im Vorjahr.
Während in angloamerikanischen Rechtsmärkten vor allem der Gewinn je Partner im Blick steht, konzentrieren sich Manager und Finanzchefs in Kanzleien auf diesen Parameter. Daraus lassen sich wichtige Rückschlüsse auf Honorare, Arbeitsauslastung und notwendige Anpassungen ziehen. Juve zufolge markiert auch dieser Wert eine bisherige Bestmarke für den deutschen Kanzleimarkt.
Kanzleien stellen kaum noch ein – ist das schon der KI-Effekt?
Anders als in früheren Geschäftsjahren ist diese Steigerung jedoch nicht auf zusätzliche Einstellungen von Anwälten zurückzuführen. „Das Marktwachstum entkoppelt sich vom Personaleinsatz“, heißt es. Die Gesamtzahl der Anwältinnen und Anwälte in den untersuchten Kanzleien stagniert bei 16.727,5 Vollzeitkräften. Zur Einordnung: In früheren Jahren wuchsen die Kanzleien teilweise um bis zu sieben Prozent, begünstigt durch Sondereffekte wie Massenklagen oder die Krisenberatung während der Corona-Jahre. Die Entwicklung betrifft nicht nur Großkanzleien wie CMS Hasche Sigle oder Luther mit mehreren Hundert Anwälten.
Laut den Juve-Recherchen ist das Personalwachstum auch in kleineren Einheiten „zum Erliegen“ gekommen. Inwieweit Künstliche Intelligenz, die mittlerweile in allen Wirtschaftskanzleien Einzug gehalten hat und die Anwälte in vielen internen Arbeitsabläufen unterstützt, zur Zurückhaltung der Personalverantwortlichen bei Neueinstellungen beiträgt, bleibt offen.
Mit insgesamt 3,6 Milliarden Euro stehen allein die zehn umsatzstärksten Kanzleien für knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes. An der Spitze verteidigt Freshfields mit 597,4 Millionen Euro den ersten Rang. Auf die internationale Kanzlei folgen zwei Hochkaräter aus Deutschland: CMS Hasche Sigle mit 445 Millionen Euro und Hengeler Mueller mit 409 Millionen Euro. Den größten Zuwachs unter den Top 10 verzeichnete die US-Kanzlei Latham & Watkins: im letzten Jahr unter der Ägide des Privat-Equity-Anwalts Burc Hesse als geschäftsführender Partner konnte sie ihren Umsatz um 10,8 Prozent auf 279,2 Millionen Euro steigern. Vergleichbare Wachstumsraten erzielten in dieser Gruppe von Sozietäten ansonsten nur die deutsche Großkanzlei Gleiss Lutz mit einem Plus von 10,4 Prozent auf 318,9 Millionen Euro sowie die US-Kanzlei White & Case auf Platz 10 mit 9,7 Prozent. Mit 271 Millionen Euro verdrängte sie Luther, die diesen Platz im Vorjahr für sich beanspruchte.
Sonderfall Taylor Wessing mit Blick in die Zukunft
Der diesjährige Sonderfall findet sich auf Rang 13 des Rankings. Mit 243 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2025/26 liegt Taylor Wessing in Reichweite der Spitzengruppe. Doch schon seit Ende 2025 ist bekannt, dass die Einheit mit britischen und deutschen Wurzeln auseinanderbricht. Die britischen, niederländischen und belgischen Standorte fusionierten mit der US-Kanzlei Winston & Strawn. Die deutsche Partnerschaft will ihren Kurs unter der bewährten Kanzleimarke fortsetzen – gemeinsam mit den Anwälten in Frankreich sowie in Zentral- und Osteuropa und mit eigenen Büros in den USA und China. Oliver Bertram, Düsseldorfer Partner und Vorsitzender des neu konstituierten globalen Boards von Taylor Wessing, bezeichnete die Finanzkennzahlen des letzten Geschäftsjahres unter „alter Flagge“ als Ergebnis einer klaren strategischen Ausrichtung, einer Fokussierung auf Kernbranchen und einer engen Zusammenarbeit der Teams über Ländergrenzen hinweg. „Auf dieser wirtschaftlich starken Basis werden wir Taylor Wessing konsequent weiterentwickeln“, sagte Bertram im Juli bei der Vorstellung der Zahlen.
Auch auf dem deutschen Markt zeigt sich inzwischen ein Trend zur Dominanz amerikanischer Kanzleien. Diese können häufig höhere Stundensätze durchsetzen als ihre deutschen Wettbewerber. Zudem sind sie bei den größten Private-Equity-Geschäften als Rechtsberater häufig gesetzt. Kirkland & Ellis, die umsatzstärkste Kanzlei der Welt, konnte ihren Umsatz in Deutschland innerhalb eines Jahres um mehr als 55 Prozent auf 122,5 Millionen Euro steigern. Diese „Amerikanisierung“ zeigt sich auch beim Umsatz je Berufsträger: Nur in 18 Kanzleien liegt dieser im Jahresdurchschnitt bei mindestens einer Million Euro. Neben Hengeler Mueller und der britischen Topkanzlei Linklaters erreichen diese Marke nur US-Wirtschaftskanzleien.
