
Der Amerikaner Rick Pettigrew und seine Mitstreiter am Archaeological Legacy Institute (ALI) in Oregon erwarten eine „unvergleichliche Entdeckung“. Gemeinsam mit Meeresarchäologen der Purdue-Universität und einem Filmteam bricht der Achtundsiebzigjährige am kommenden Mittwoch per Schiff von der Pazifikinsel Tarawa nach Nikumaroro auf, um einen der spektakulärsten Vermisstenfälle der Vereinigten Staaten zu lösen. Vor dem Atoll, wie Tarawa Teil des Inselstaates Kiribati, vermutet Pettigrew das Wrack der Lockheed Model 10E Electra, mit der Amelia Earhart vor fast 90 Jahren verschwand.
Die Flugpionierin, die als Beraterin am Lehrstuhl für Luftfahrt der Purdue-Universität arbeitete, hatte damals versucht, als erste Frau die Welt zu umrunden. Nach fast 40.000 Kilometern, auf der Strecke von Papua-Neuguinea zur Insel Howland, riss Anfang Juli 1937 plötzlich der Funkkontakt zu Earharts Electra ab. Seitdem beschäftigt das Schicksal von „Amerikas liebster Vermissten“ und ihres mit ihr verschollenen Navigators Fred Noonan die Amerikaner. „Wir könnten in den nächsten Wochen eines der größten Rätsel aller Zeiten klären“, meint Pettigrew.
Die Lösung hängt für den Archäologen an „Objekt Taraia“. Vor sechs Jahren war Pettigrew durch ein Satellitenfoto auf den etwa zehn Meter langen Gegenstand in einer Lagune bei Nikumaroro aufmerksam geworden. Die Auswertung weiterer Luftaufnahmen ergab, dass „Objekt Taraia“ schon im Jahr 1938, einige Monate nach Earharts Verschwinden, im Wasser lag. „Der Gegenstand auf den Bildern entspricht genau der Größe von Rumpf und Heck der Electra. Es sieht auch aus, als sei er aus Metall“, fasste ALI zusammen.
Waren Earhart und Noonan vom Kurs abgekommen?
Schon vor mehr als 20 Jahren hatte die International Group for Historic Aircraft Recovery (TIGHAR) die These aufgestellt, Earhart und Noonan seien bei dichten Wolken vom Kurs abgekommen und hätten anstelle der Howland-Insel versehentlich Nikumaroro etwa 600 Kilometer südlich angesteuert. Wie der TIGHAR-Gründer Richard Gillespie der F.A.Z. 2023 sagte, sei Earhart damals wahrscheinlich auf einem Riff notgelandet und wie Noonan später auf der unbewohnten Insel verstorben.
Zu dem Atoll zwischen Hawaii und Australien hatte es bereits mehrere ergebnislose Expeditionen gegeben. Beteiligt waren auch mit Gillespie der Entdecker des Wracks der RMS Titanic, Robert Ballard. Jetzt setzen Pettigrew, das Archeological Legacy Institute und Purdue auf Technologie. Mithilfe von Unterwasserdrohnen, Sonargeräten und Magnetometer, einem Sensor zur Messung von magnetischer Flussdichte, werden sie in der ersten Phase versuchen, „Objekt Taraia“ eindeutig als Teil des Wracks von Earharts Electra zu identifizieren. Falls es sich wie erwartet als Relikt des letzten Fluges der Neununddreißigjährigen entpuppt, plant Pettigrew den Einsatz einer Pumpe, um Sedimente abzusaugen und das Wrack freizulegen.
Für die zweite Phase der Expedition im kommenden Jahr sei das Ausgraben der Electra durch Archäologen vorgesehen. Falls das Wrack geborgen und transportiert werden kann, soll es künftig in einem Museum der Purdue University in West Lafayette im Bundesstaat Indiana ausgestellt werden. „Wir werden ‚Objekt Taraia‘ aber auch beschreiben und dokumentieren, wenn es kein Überrest der Electra ist“, kündigte Pettigrew an. „Wir wären zwar enttäuscht, könnten aber zumindest ausschließen, dass Earharts Flugzeug in der Lagune vor Nikumaroro liegt.“
