
Die Unruhe war groß im Basislager des Mount Everest (8848 Meter) und Lhotse (8516 Meter), als es vergangene Woche hieß, die Icefall Doctors würden ihre Arbeit weiter unterbrechen. Wegen eines gefährlichen Séracs hatte die Gruppe von acht Sherpas, die dafür sorgen, dass der gefürchtete Khumbu-Eisbruch oberhalb des Basislagers mit Leitern und Fixseilen passierbar ist, zu diesem Zeitpunkt schon zwei Wochen mit der Arbeit pausiert. Daraufhin schlugen die Wogen hoch. Gerüchte waberten durch das Basislager. Es hieß sogar, die Regierung würde den Aufstieg auf Everest und Lhotse in diesem Jahr ganz unterbinden wollen.
Am Dienstagmittag verbreitete sich schließlich in Windeseile die Nachricht, dass die Route durch den Khumbu-Eisbruch mit Fixseilen gesichert und mit acht Leitern bis zum Lager 1 in 6100 Metern Höhe begehbar gemacht worden sei. Am Nachmittag desselben Tages erreichten die ersten Sherpas sogar das Lager 2 in 6400 Meter Höhe.
Gefahr im Eisbruch nicht gebannt
In einem Krisengespräch von Icefall Doctors und Expeditionsveranstaltern war Ende vergangener Woche nach einer Lösung gesucht worden, um nicht noch mehr Zeit verstreichen zu lassen. Am Ende unterstützten mit Genehmigung des Tourismusministeriums 16 einheimische Bergführer die Icefall Doctors bei ihrer Arbeit. Zudem wurden Leitern, Fixseile und Firnanker mithilfe von Drohnen in den Eisbruch transportiert.
Obwohl die Route nun steht und versichert ist, ist die Gefahr im Eisbruch nicht gebannt. Laut den Icefall Doctors ist der bedrohlich nah an der Route stehende Sérac etwa 55 Meter lang, fast 30 Meter hoch und 37 Meter breit. Um die Aufstiege nicht weiter zu verzögern, habe es jedoch keine Alternative zu der unterhalb des Séracs gewählten Route gegeben, erklärten die Icefall Doctors in einer Pressemitteilung.
Mingma G, ein Sherpa und Expeditionsveranstalter, schrieb bei Instagram, die Route sei insgesamt sicherer und kürzer als in den Vorjahren. Die Sérac-Passage sei jedoch riskant. Auch in der Pressemitteilung der Icefall Doctors wird auf die besondere Gefahr hingewiesen: „Der Sérac weist zahlreiche Risse auf und kann jederzeit zusammenstürzen.“ Die Expeditionsveranstalter und Bergsteiger werden von den Icefall Doctors nachdrücklich zu äußerster Vorsicht ermahnt: „Durchqueren Sie diesen Abschnitt zügig, um die Verweildauer so kurz wie möglich zu halten.“ Hochträger sollten mit weniger Last aufsteigen. Die Leitern sollen jeweils nur von einer Person genutzt werden. Beim Überqueren der Leitern sollten die Bergsteiger sich auf beiden Seiten an den Fixseilen sichern.
Immer wieder tödliche Unfälle
Die Bedenken und Ermahnungen sind begründet. Immer wieder kommt es im Khumbu-Eisbruch zu tödlichen Unfällen. Im April 2023 wurden drei einheimische Hochträger im Eisbruch unter herabstürzenden Eisbrocken begraben. Und am 18. April 2014 kamen durch einen Sérac, der sich an der Westschulter des Everest gelöst hatte, 16 Hochträger ums Leben.
Immer wieder gibt es Überlegungen, den risikoreichen Abschnitt zu umgehen. Marc Batard, der französische Bergsteiger, der sich 1988 einen Namen machte, als er in der Rekordzeit von 22 Stunden und 29 Minuten ohne Flaschensauerstoff vom Basislager auf der Südseite bis zum Gipfel des Mount Everest sprintete, hat vorgeschlagen, am Fuß des Nuptse eine Art Klettersteig einzurichten.
Informationen aus dem Basislager zufolge werden die ersten Gipfelaufstiege für etwa den 10. bis 12. Mai erwartet. Das läge im normalen Zeitrahmen. Laut Billi Bierling von der Himalayan Database war das Rope-Fixing-Team auch in den Vorjahren meist um den 12. Mai auf dem Gipfel.
Insgesamt hat das Tourismusministerium für den Everest in dieser Saison bisher 464 Genehmigungen an Ausländer erteilt. Für den Lhotse sind es 111. Manche Bergsteiger spekulieren deshalb über mögliche Staus am Berg. Expeditionsveranstalter Lukas Furtenbach aus Innsbruck sagt, es gebe keinen Grund für Nervosität: „Es ist noch genug Zeit. Wie wir haben die meisten Veranstalter die seit letztem Jahr erlaubte Möglichkeit genutzt, Equipment über das Jahr hinweg im Lager 2 einzulagern. Das spart viele Sherpa-Loads. Bei unserer Expedition muss nur noch der Sauerstoff transportiert werden.“
Anja Blacha, die erfolgreichste deutsche Höhenbergsteigerin, die zwölf Achttausender ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff bestiegen hat, bereitet sich derzeit auf den Aufstieg zum Lhotse vor. Sie ist seit Mittwoch im Lager 2, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Nach Angaben der Bergsteigerin kommen dort täglich mehr Sherpas an. Sie richten mit dem deponierten Material die Hochlager ein, in denen die Expeditionen bei ihren Aufstiegen Station machen und übernachten.
