
Kurz vor ihrem Tod Mitte der Sechzigerjahre zog Athalia Howe Whitfield ihre Urenkelin Cynthia Brown an sich. „Wenn es noch einmal passiert, dann renn“, flüsterte sie. Erst Jahre später erfuhr Brown, dass die Sterbende den Umsturz von Wilmington in North Carolina überlebt hatte, ein Ereignis, über das in schwarzen Familien gesprochen wurde, während viele Weiße schwiegen.
Umkämpfte Geschichte
„They Stole a City“ nennt die Journalistin Lauren Collins ihr neues Buch über das Massaker und seine Langzeitfolgen. Collins, die für den „New Yorker“ arbeitet, ist in Wilmington aufgewachsen. Ihr Buch erregt auch deswegen Aufsehen, weil die Amerikaner im Jahr des zweihundertfünfzigsten Jubiläums der Unabhängigkeit darüber streiten, wie ihre Geschichte erzählt werden soll. Zugleich ist das Ziel einer „multiracial democracy“, einer Demokratie mit Teilhabe aller ethnischen Gruppen, so gefährdet wie selten. Collins’ Buch handelt deshalb nicht nur von einem Verbrechen des vorletzten Jahrhunderts, es erzählt von einem frühen Versuch einer solchen Demokratie.
In Wilmington dauerte die Reconstruction-Ära an, als das Projekt anderswo längst gewaltsam beendet worden war. Mit der Abschaffung der Sklaverei und den folgenden Verfassungsänderungen hatten schwarze Männer nach dem Bürgerkrieg erstmals gleiche Rechte erworben. An vielen Orten im Süden und in zwei Bundesstaaten bildeten Schwarze zunächst die Bevölkerungsmehrheit, und bald machten sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Bis 1877 bekleideten allein im Süden rund 2000 Afroamerikaner öffentliche Ämter; sechzehn gehörten dem US-Kongress an, zwei davon als Senatoren. Als die Regierung in Washington aber in jenem Jahr die Unionstruppen abzog, siegte die weiße Gegenbewegung der sogenannten „Redemption“ mit Gewalt, Terror und neuen Wahlgesetzen.
Politisches Bündnis über Grenzen hinweg
Auch Wilmington war damals zu fast sechzig Prozent schwarz; hier lebte eine einflussreiche afroamerikanische Mittelschicht aus Ärzten, Akademikern und Unternehmern, die oft im Norden studiert hatten. Politisch regierten bis zum Putsch die sogenannten Fusionists, eine Koalition von schwarzen Republikanern und weißen Populisten, die sich auf Kleinbauern, Handwerker und Teile der Arbeiterschaft stützten. Ihr Bündnis beruhte nicht auf der Ablehnung von Rassismus, sondern auf ähnlichen wirtschaftlichen Interessen. Gerade deshalb musste es aus Sicht der weißen Eliten, die damals in der Demokratischen Partei organisiert waren, zerschlagen werden.
Die Kampagne für die Wahlen zum Senat des Bundesstaats und zum nationalen Repräsentantenhaus 1898 stand im Zeichen der „White Supremacy“. Zeitungen verbreiteten rassistische Propaganda, bewaffnete Banden terrorisierten Wähler. Die Kandidaten der Demokraten siegten, doch die Kommunalregierung, die nicht zur Wahl stand, setzte sich weiterhin aus Fusionists zusammen. Das wollten die Verschwörer ändern.
Am Vorabend des Putsches verabschiedeten sie ihre „White Declaration of Independence“. Schließlich brannten etliche von ihnen die Redaktion der schwarzen Zeitung „Daily Record“ nieder, ermordeten schwarze Bürger und zwangen den Bürgermeister und den Stadtrat zum Rücktritt. Afroamerikanische Familien verloren Eigentum, politische Macht und ihre Heimat; viele verließen Wilmington für immer. Mehrere Organisatoren des Putsches machten Karriere in der Bundespolitik.
Collins entdeckt diese Geschichte nicht neu, Historiker haben sie umfassend aufgearbeitet. Die Journalistin wählt aber einen anderen Zugang, indem sie mehrere schwarze und weiße Familien über zwei Jahrhunderte bis in die Gegenwart verfolgt und zeigt, wie die politische Gewalt deren Leben prägte. Sich selbst beschrieb Collins kürzlich bei der Vorstellung des Buches in New York als „implicated subject“: Als Tochter wohlhabender weißer Zugezogener sei sie in einer Stadt groß geworden, deren gesellschaftliche Ordnung immer noch von den Folgen des Massakers geprägt sei.
Heute erinnert Wilmington immerhin offiziell an diese Vergangenheit. Es gibt Ausstellungen, ein Denkmal und Gedenkfeiern. Aber dort, wo diese Anerkennung materiell wirksam werden könnte, wo es um konkrete Besitzverhältnisse geht, ende die Aufarbeitung, so Collins. Forderungen nach Reparationen wurden nie umgesetzt. Das hat die Hafenstadt am Cape Fear River mit dem Rest des Landes gemeinsam.
