Zum hundertsten Geburtstag von Ernst Bloch am 8. Juli 1985 hielt der Germanist Wilhelm Voßkamp in München einen Vortrag über die Auseinandersetzung des Philosophen mit Goethes „Faust“, der in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft“ gedruckt wurde. Voßkamp zeigte, dass Bloch seine Interpretation der Tragödie an Hegels „Phänomenologie des Geistes“ anlehnte, um eine Apotheose des tätigen Menschen zu entwerfen. Die These des Aufsatzes lautet, dass Bloch in der Beschäftigung mit den Schlusspartien von „Faust II“ dazu gelangte, über das teleologische Schema hinauszublicken, durch seine Ausdeutung von Goethes Figur des Augenblicks.
In der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ paraphrasiert Bloch die letzten Worte Fausts, um so etwas wie eine Tiefengrammatik des Utopischen freizulegen. Demnach redet Faust nicht bloß „im Vorgefühl“ (Vers 11585) von der Erfüllung; sein „Verweile doch“ spreche er auch zum Vorgefühl und eben noch nicht zum Augenblick selbst. Oder noch genauer: Die Theaterzuschauer hören, was Faust „zum ,Vorgefühl‘ glaubt sagen zu dürfen“. Indem Bloch hier den Glauben ins Spiel bringt, hat er laut Voßkamp „auch die eigentümliche, prinzipielle Begrenzung der Darstellung des Augenblicks in der Literatur“ erfasst, man könnte sagen: den im existenziellen Sinne fiktiven Charakter der literarischen Momentaufnahme. Als „außerordentlich prägnante Charakterisierung der Form des utopischen Augenblicks“ rühmt Voßkamp eine Sentenz aus „Das Prinzip Hoffnung“: „In Dichtung und Philosophie gelingt nur die Intention auf Utopisches, nicht aber, den Inhalt des Utopischen als seiend zu gestalten.“ Dieses Bloch-Zitat liefert Voßkamp die Antwort auf seine Frage, was „die konjunktivische Formulierung“, der „Potentialis“, im Vers „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen“ bedeute. Das Utopische erweist sich als Modalität der Literatur.
Die Grammatik des Teufels

Die Utopie ist einer der Forschungsschwerpunkte von Wilhelm Voßkamp. In einem Aufsatz von 1990 macht er eine ironische Volte in der Gattungsgeschichte aus. Die klassischen Staatsutopien der Renaissance hatten ein „Kontingenzbewältigungsprogramm“ verfolgt, doch im zwanzigsten Jahrhundert konnte „das Kontingente selbst zum utopischen Programm“ werden. „Es erscheint als der utopische Konjunktiv, der dem Indikativ schlechter Ordnungsutopien gegenübergestellt wird.“ Voßkamps Paradebeispiel ist „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil. Hier schließt Voßkamp seinerseits an Schöne an, der Musils Werk in seiner Göttinger Antrittsvorlesung „Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil“ der Gattung des utopischen Romans zuordnete.
Vor vier Jahren kam Voßkamp auf einer Tagung über Satiren der Aufklärung zu Ehren des vor wenigen Tagen verstorbenen Germanisten Jörg Schönert, deren Beiträge 2025 bei De Gruyter erschienen sind, auf „Faust II“ zurück. Er fragt, ob auch Fausts Vision, „auf freiem Grund mit freiem Volke“ zu stehen, Gegenstand „der grundlegenden Satire am Fortschrittsdenken der Moderne“ ist, als die man die Geschichte von Fausts massenmörderischem Kolonisationsprojekt lesen muss. Kann das „(zweideutige) Wunschbild“ im Sinne Blochs „einen Ausweg darstellen oder verrät auch dies noch jene satirische Distanz, die den 5. Akt durchgehend bestimmt“? Das hängt vom Verständnis des Konjunktivs ab.
„Im Dialog zwischen Faust und Mephisto bleibt ein Wunsch nach Potentialität bei gleichzeitiger Satire des utopischen Konjunktivs.“ Voßkamp deutet Fausts Ausflucht in den Dürfte-Modus als „Kritik des utopischen Konjunktivs“, aus der sich jedoch nicht von selbst der Imperativ ergeben soll, „den Möglichkeitssinn“ im Sinne Musils „grundsätzlich aufzugeben“. Das „eigentliche Problem von Goethes Kritik der Moderne“ findet Voßkamp, der am heutigen Mittwoch seinen neunzigsten Geburtstag begeht, darin, dass wir uns Goethe nicht als Reaktionär denken wollen. „Verfällt jedes Streben nach Veränderung einer satirischen Kritik? Gibt es Momente des Innehaltens, die bei aller Kritik der aktuellen Gegenwart punktuelle Aussichten auf eine Situation jenseits der Moderne eröffnen?“ Wäre der utopische Konjunktiv nur ein Modus der Selbsttäuschung, hätte Mephisto die Wette am Ende doch noch gewonnen.
