Von seiner frühen Studie zur „Geschichte des Wahnsinns“ 1961 bis zum Buch „Überwachen und Strafen“ vierzehn Jahre später untersuchte Michel Foucault die Mechanismen institutioneller Macht der Gesellschaft über die Subjekte durch Aussperrung oder Einsperrung in Klinik, Erziehungsanstalt, Gefängnis oder sprachliche Ordnungssysteme. Sein Interesse galt den unterschiedlichen Arten der Disziplinierung persönlicher Marginalität, vorab in den sozialen Unterschichten. Für den Archäologen des Wissens bedeutete das zunächst, in den Archiven von Kliniken, Justizbehörden und Verwaltung zu stöbern und anhand von Krankheits- und Strafakten zu zeigen, wie abnormes Verhalten in die Erklärungsmuster der Experten, Richter und Ärzte überführt wurde.
Auf einen besonderen Fund dieser Art stieß Foucault 1972 im Archiv des Departements Calvados in der Normandie. Der Fall des jungen Bauern Pierre Rivière, der 1835 zwanzigjährig seine Mutter und zwei seiner Geschwister ermordet hatte, enthielt neben den amtlichen Gutachten, Verhörprotokollen und Presseartikeln auch einen ausführlichen Bericht des Mörders über seine Tat. Detailliert schilderte dieser seinen allmählich gereiften Entschluss, seinen Vater von den Zumutungen seiner bösartigen Frau, Pierre Rivières Mutter, zu erlösen. „Es musste geschehen“, schrieb er über die Ermordung seiner Mutter, seiner Schwester, weil diese aufseiten der Mutter stand, sowie des siebenjährigen Bruders, Lieblingskind des Vaters: damit dieser ihn, Pierre, den Mörder, danach ohne Trauergefühle auf immer hassen und dadurch ein glücklicheres Leben führen könne. Denn nach seinem Verbrechen erwartete der Täter nichts anderes als seine gerechte Strafe durch Hinrichtung. Töten, erklären, sterben – das waren die Etappen des klar vorausgedachten Mordberichts, dessen Argumentation, biblische Motivverweise und sprachliche Qualität die Richter wie die Ärzte beeindruckten und zu einer Kontroverse darüber veranlassten, ob man es hier mit einem raffinierten Kriminellen oder einem Verrückten zu tun habe.
Die sozialwissenschaftliche Variante reiner Textimmanenz
Foucault publizierte dieses Dossier einschließlich des Berichts von Pierre Rivière 1973 kommentarlos, versehen im Anhang nur mit sieben Aufsätzen von Mitgliedern seines Seminars am Collège de France. Die deutsche Übersetzung erschien 1975 bei Suhrkamp als „Der Fall Rivière herausgegeben von Michel Foucault“, mit dem berühmten Herausgeber im Titel und dem Untertitel „Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz“. Im Original heißt das Buch dagegen im Haupttitel mit den ersten Worten von Rivières Bericht „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“ und im Untertitel „Un cas de parricide au XIXe siècle“. Ein kommentierendes Deuten des Texts hätte zwangsläufig zu jenem klinischen, gerichtlichen, psychologischen, kriminologischen Diskurs zurückgeführt, dessen Mechanismen die Forscher anhand dieses Falls gerade aufzeigen wollten, wie Foucault im Vorwort des Buches erläuterte: „Wir wollten Rivières Bericht nicht mit unserem eigenen Text überlagern.“
Diese sozialwissenschaftliche Variante reiner Textimmanenz wurde damals schon von Psychiatern und Psychoanalytikern wie auch von Historikern kritisiert. Statt den Fall Rivière zu einem exemplarischen Sonderfall des französischen Kleinbauerntums zu machen, hätte man ihn in eine regionale Anthropologie jenes Teils der Normandie zur Zeit der Julimonarchie einordnen müssen, bemängelte der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie.

Die Anthropologin Jeanne Favret-Saada, die 1973 an der Publikation Foucaults beteiligt war, hat nun ihrerseits unter dem Titel „L’impossible famille Rivière – Retour sur un triple meurtre en 1835“ eine ausführliche Komplementärstudie vorgelegt, in der Rivières Bericht minutiös in den Kontext seiner Familiengeschichte, der sozialen Situation seines Milieus, des Zivil- und Eherechts sowie der klinischen und gerichtlichen Standards jener Epoche eingebettet wird (Bibliothèque des sciences humaines, Gallimard, Paris 2026, 358 S., 23,– €). Ohne ausdrücklich Selbstkritik zu üben, bedauert die Autorin heute die „Leichtfertigkeit“, mit der damals der Verzicht auf jede Einordnung des Falls begründet und der Bericht Pierre Rivières „in seiner Rätselhaftigkeit belassen“ worden sei.
Von der Hexenforschung zur Geschlechtergeschichte
Jeanne Favret-Saada, 1934 in Tunesien geboren, begann ihre akademische Laufbahn als Wunschnachfolgerin von Pierre Bourdieu auf dessen Assistentenstelle an der Universität Algier und war zum Zeitpunkt ihrer Mitarbeit in Foucaults Seminar schon mit ihren Forschungen zur Hexerei im nordwestfranzösischen Departement Mayenne befasst, aus denen 1977 ihr Buch „Les Mots, la Mort, les Sorts. La sorcellerie dans le bocage“ hervorging. 2009 ließ sie eine komplementäre Studie über die Entzauberung („Désorceler“) folgen. Indirekt hat auch ihre Rückkehr zum Fall Rivière mit einer Initiative Michel Foucaults zu tun. 2017 besuchte sie das Festival des ethnographischen Films in Caen, wo René Allios Film „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“ von 1976 gezeigt wurde. André Guéret, der frühere Leiter der Dokumentarfilmstelle der Normandie, erzählte ihr, dass Foucault ihn 1976 gefragt habe, ob noch Nachkommen der Familie Rivière lebten und ob das Verbrechen im örtlichen Gedächtnis gegenwärtig geblieben sei. Guéret gab die Fragen an den Lokalhistoriker Gérard Jambin weiter, auf dessen familienhistorische Forschungen sich Favret-Saada jetzt stützen kann.
Sie richtet den Fokus speziell auf Pierre Rivières Eltern und macht in deren Ehe zwei sehr untypische Verhaltensmuster aus. Der Vater Pierre-Marguerin, Jahrgang 1793, gehörte zu der Generation, die nach dem Debakel von Napoleons Russlandfeldzug 1812 von der neuen Massenaushebung des Heers betroffen war und dieser durch schnelle Heirat zu entgehen suchte. Die Mutter Victoire, von niedrigerer Herkunft, willigte in die Heirat ein, sperrte sich dann aber mit allen ihr verfügbaren Mitteln gegen ihre Verpflichtungen als Ehefrau. Sie weigerte sich, auf dem Hof ihres Mannes einzuziehen, und versuchte während der 22 Ehejahre, durch Verleumdung und öffentliche Demütigung ihres Mannes, durch Gerichtsklagen und systematische Verschuldung des Haushalts ihrer zivilrechtlichen Unmündigkeit als Ehefrau zu entkommen. Pierre-Marguerin, offenbar von sehr sanftem Gemüt, nahm alles geduldig hin, erfüllte seine Pflichten der Feldarbeit gegenüber den Schwiegereltern, bezahlte die Schulden seiner Frau und nutzte sein Vorrecht als Familienchef nur in Extremsituationen. Sechs Kinder gingen trotz allem aus dieser turbulenten Ehe hervor.

Pierre, der Erstgeborene, der vom zehnten Lebensjahr an bei seinem Vater wohnte, war täglicher Zeuge dieses Abnutzungskriegs, flüchtete sich in die Lektüre der Bibel, oder was er sonst an Büchern auftreiben konnte, und galt im Dorf als verschlossener Sonderling. Unter dem wachsenden Eindruck, seine Mutter wolle den Vater in den Selbstmord treiben, um ihre Freiheit zurückzuerlangen, schritt er schließlich zur Tat. Danach irrte er einen Monat lang durch die Wälder, bevor er von der Gendarmerie gefasst wurde. Die Autorin Favret-Saada deutet den Mord heute, abgesehen von der Absicht, den Vater zu retten, vor allem als eine klar durchdachte Botschaft an die Justiz, dass hier eine feste Hierarchieordnung mit dem Mann als bestimmender Macht in Familie und Gesellschaft verletzt worden sei: eine Botschaft, die Pierre durch seinen eigenen Tod bekräftigt sehen wollte. Favret-Saada spricht von einer „Tragödie der Geschlechterungleichheit“, wenn auch mit vertauschten Rollen: einem sanftmütig leidenden Mann und einer skrupellos gegen ihn vorgehenden Frau. „Wie die von den olympischen Göttern gegängelten Helden der antiken Tragödie“, schreibt die Anthropologin, „agieren die beiden Ehepartner unter der über sie verhängten unerbittlichen Geschlechterordnung.“
Angesichts einer so eindimensionalen Deutung ist man geneigt, Verständnis für Foucaults Kommentarverzicht aufzubringen. Der durch Jeanne Favret-Saadas sorgfältige und wertvolle Forschung aus seiner Textimmanenz befreite Rivière-Bericht wird sofort in einen neuen Determinismus eingeschlossen.
Mehr Offenheit legte laut Gutachten und Verhörprotokollen des Falls damals das Gericht in Caen an den Tag. Nach langer Verhandlung fällte es am 12. November 1835 das Urteil auf Elternmord und damit auf öffentliche Hinrichtung des Täters, es trat aber eine Woche später aufs Neue zusammen, um beim König Gnade für den Mörder zu beantragen, die Louis-Philippe gewährte. Pierre Rivière vollstreckte fünf Jahre später im Gefängnis durch Selbstmord sein eigenes Urteil. Wenn Foucaults Darstellung des Falls Rivière heute unter einem Gesichtspunkt revisionsbedürftig sein sollte, dann wäre das eher der, dass die Mühlen der institutionellen Bevormundung des Einzelnen offenbar nicht immer ganz so zuverlässig arbeiten wie gedacht.
