
Das Internet ist ein Verbund aus mehreren Zehntausend autonomen Netzen. Die Skala reicht von kleinen regionalen Providern über Hochschulnetze und Rechenzentrumsbetreiber bis zu Hyperscalern wie Google, Meta oder Microsoft. Hyperscaler sind Betreiber von Cloud-Infrastruktur in richtig großem Maßstab, die Speicher und Ressourcen schnell skalieren können. Damit eine E-Mail vom heimischen DSL-Anschluss bis in ein amerikanisches Rechenzentrum gelangt, müssen diese Netze untereinander Daten austauschen. Genau das regelt die Internetzusammenschaltung, die es in zwei Grundformen gibt: Transit und Peering.
Beim Transit kauft ein kleinerer Provider bei einem größeren Netzbetreiber den Zugang zum Rest des Internets. Peering meint, dass sich zwei Netze zusammenschließen und den Verkehr austauschen, der zwischen ihren jeweiligen Kunden fließt. Das geschieht üblicherweise beiderseits kostenfrei, weil alle Beteiligten in vergleichbarem Maße profitieren. Beim öffentlichen Peering treffen sich die Netze an neutralen Internetknoten. Der größte der Welt steht in Frankfurt am Main, der DE-CIX, an dem Hunderte Netze über eine gemeinsame Plattform Daten austauschen. Ein kostenfreies, gleichberechtigtes Peering zwischen verschiedenen Netzbetreibern hört sich nach einer fairen Lösung an.
Warum eine Datenmaut nichts taugt
Die Deutsche Telekom bedient sich eines anderen Weges, und nun zieht Vodafone nach. Einige große Inhalteanbieter seien für einen erheblichen Teil des Datenverkehrs verantwortlich, beklagt die Telekom seit Langem. Sie fordert deren finanzielle Beteiligung am Netzausbau. Dieser wird aber bereits von den Kunden der Telekom finanziert. Die Hyperscaler verweisen genau darauf, außerdem werde Peering überall auf der Welt kostenfrei abgewickelt. Eine zusätzliche Gebühr sei eine doppelte Bezahlung derselben Leistung. Zudem investierten sie selbst jährlich Milliarden Euro in die globale Infrastruktur.
Die Monopolkommission, ein Beratungsgremium der Bundesregierung, hatte 2023 ein Gutachten zum Thema „Datenmaut“ erstellt, also zur Frage, ob große Techkonzerne noch stärker zur Kostenbeteiligung am Netzausbau gezwungen werden müssten. Dies wurde in dem Gutachten abgelehnt. Eine Infrastrukturabgabe, mit der die fünf bis sechs größten Datenverursacher Europas den Ausbau querfinanzieren sollten, berge das Risiko einer Marktverzerrung.
Kleinere Netzbetreiber wie Deutsche Glasfaser oder Netcologne profitierten von den Zahlungen womöglich gar nicht. Eine Abgabe führte „vielmehr zu Überrenditen bei den Großen“. Auch das Argument der Telekom, es fehle an Mitteln für den Ausbau, ließ die Monopolkommission nicht gelten. Die Endkunden zahlten bereits für den Datenverkehr, eine zusätzliche Abgabe wäre eine Doppelbelastung.
Ein Beispiel für den Konflikt ist die Beziehung zwischen Facebook-Mutter Meta und der Telekom. Bereits 2010 hatten die beiden einen Vertrag geschlossen, wonach Letztere Zusammenschaltungen mit einer Gesamtkapazität von 5000 Gigabit pro Sekunde exklusiv für Meta-Dienste bereitstellt. 2020 scheiterten Verhandlungen über eine Verlängerung des Vertrags, seither entscheidet die Justiz. Im September 2024 reagierte Meta, indem es die direkte Peering-Beziehung zur Telekom beendete und den Verkehr seither über Drittnetze zur Telekom leitet. Das Unternehmen sprach von einem „gefährlichen Präzedenzfall“, der die Netzneutralität bedrohe.
Was die Verbraucherzentrale der Telekom vorwirft
Parallel zu diesem Rechtsstreit organisieren Aktivisten und die Verbraucherzentrale eine Kampagne gegen die „Netzbremse“ der Telekom, die „künstliche Engpässe an den Zugängen zu ihrem Netz“ schaffe und aus Gründen der „Profitmaximierung“ die Zusammenschaltung mit dem restlichen Internet verknappe und verteuere. Im April vergangenen Jahres reichte ein Bündnis bei der Bundesnetzagentur Beschwerde wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die EU-Verordnung über ein offenes Internet ein. Die Telekom weist die Vorwürfe als unzutreffend zurück.
Nun wendet sich auch Vodafone vom freien Peering ab. Im November vergangenen Jahres kündigte das Unternehmen eine Kursänderung an. Sämtliche Peering-Verbindungen an öffentlichen Internetknoten wie dem DE-CIX würden gekappt. Stattdessen würde das Peering von nun an ausschließlich über die Plattform des Unternehmens Inter.link abgewickelt.
Auch direkte Peerings mit großen Datenquellen würden eingestellt. Ausnahmen blieben nur große Streamer wie Youtube und Hyperscaler. Inter.link verfügt nach eigenen Angaben in Deutschland über Standorte in sieben Großstädten sowie Netzanschlüsse in über 20 weiteren europäischen Ländern und im amerikanischen Bundesstaat Virginia.
Jetzt setzt auch Vodafone auf teure Transitwege
Vodafone verspricht sich von der Konzentration auf einen Anbieter geringere Latenzen, höhere Resilienz und Kostenreduktion. Für Peering-Partner, die noch nicht mit Inter.link zusammenarbeiten, bedeutet die Umstellung zusätzlichen Aufwand und Gebühren, die von der ausgetauschten Datenmenge abhängen. Gegner des Vorgehens werfen Vodafone vor, sich aus dem offenen Peering-Ökosystem zu verabschieden. Statt an einem neutralen Knoten, an dem Hunderte Netze auf Augenhöhe verhandelten, müssten Provider künftig über einen einzigen Vermittler an Vodafones Endkundennetz herankommen. Wer mit dessen Konditionen nicht einverstanden sei, habe nur noch die Wahl teurerer Transitwege.
Wenn nun die Telekom und Vodafone als die beiden größten Endkundennetze Deutschlands den Datenaustausch nur noch über bilaterale, kommerzielle Verträge organisieren, verändert sich die Architektur des deutschen Internets. Man kann zu dem Schluss kommen: Und damit eine zentrale Bedingung für offenen Wettbewerb im Netz.
