
Ezekiel Whitmore, genannt „Spoon“, hat eine Stichverletzung. Alexander Rawland, genannt „Stretch“, eine Schusswunde. Die beiden taumeln durch den Flur eines Krankenhauses, stützen sich gegenseitig und brechen schließlich zusammen. Kurz darauf sitzen sie im Wartebereich. Sie bluten. Sie sind verletzt. Und sie warten.
Es ist eine der Szenen, in der „Gridlock’d – Voll drauf!“ seine ganze Absurdität entfaltet. Die Verletzungen sind echt, die Situation ist kritisch – und trotzdem ist sie komisch. Nicht, weil Vondie Curtis-Hall sich in seinem Regiedebüt aus dem Jahr 1997 über die beiden lustig macht, sondern weil er die Logik eines Systems zuspitzt, in dem selbst zwei sichtbar verletzte Menschen zunächst einmal eines brauchen: Geduld.
Spoon (Tupac Shakur) und Stretch (Tim Roth), beide heroinabhängige Musiker, beschließen nach der Überdosis ihrer Freundin und Bandkollegin Cookie (Thandiwe Newton), clean zu werden. Was folgt, ist kein geradliniger Weg aus der Sucht, sondern ein Hindernislauf durch Zuständigkeiten, Schalter, Formulare und Wartezimmer. Die beiden werden von einer Stelle zur nächsten geschickt, während im Hintergrund ein Drogendealer und die Polizei für zusätzliche Unruhe sorgen.
Ein Spiel auf Zeit gegen den Apparat
Der Antagonist des Films ist jedoch weder der Drogendealer noch die Polizei, sondern die Verwaltung. Sie spielt mit Spoon und Stretch ein Spiel auf Zeit: Beide wollen sofort etwas verändern, der Apparat aber kennt keine sofortige Veränderung. Er kennt Öffnungszeiten, Formulare, Wartezeiten und immer die nächste Stelle, an die man verwiesen wird. Curtis-Hall macht daraus eine schwarze Komödie, die weit über das Thema Drogen hinausweist – vermittelt das Gefühl, etwas dringend erledigen zu wollen und stattdessen an einem Schalter zu sitzen.
Dass dieser Film trotz seines ernsten Themas so unterhaltsam ist, liegt vor allem an seinen Hauptdarstellern. Auf dem Papier wirkt die Besetzung beinahe abwegig: ein weltberühmter Rapper an der Seite eines britischen Charakterdarstellers. Auf der Leinwand funktioniert die Kombination erstaunlich gut. Roth spielt Stretch wie einen Mann, dessen Gedanken schneller laufen als sein Körper. Er redet, gestikuliert, gerät in Panik und macht aus einem Problem gleich das nächste. Shakurs Spoon dagegen beobachtet zunächst, wirkt ruhiger, ohne passiv zu sein; wenn Stretch wieder zu weit geht, genügt oft ein Blick. Die beiden erinnern in ihren gemeinsamen Momenten beinahe an ein ungleiches Komikerduo. Stretch ist der Getriebene, Spoon derjenige, der ihn immer wieder auf den Boden zurückholt.
Gerade in der Krankenhausszene wird diese Dynamik sichtbar. Zuvor hat Stretch bereits eine Schusswunde davongetragen. Spoon lässt sich in einer Seitengasse von ihm mit einem Klappmesser in den Bauch stechen – ausgerechnet an einer Stelle, von der er überzeugt ist, dass dort schon nichts Wichtiges verletzt werden könne. Dann taumeln die beiden gemeinsam ins Krankenhaus. Wieder heißt es: warten. Die gleiche Institution, in der sie zu Beginn des Films ihre bewusstlose Freundin abgeliefert haben, behandelt nun auch ihre eigenen Verletzungen mit einer Gleichgültigkeit, die erschreckend und absurd wirkt.
Wie sicher Tupac vor der Kamera war
In diesen kleinen Reaktionen zeigt sich, wie sicher Tupac vor der Kamera war: Er spielt Spoon nicht als Gangsterfigur, obwohl seine öffentliche Persona zu dieser Zeit längst mit Härte und Provokation verbunden war. Sein Spoon ist erschöpft, verunsichert, auf der Suche nach Veränderung. Seine Verletzlichkeit muss Shakur nicht mit großen Worten erklären. Es genügt oft sein Gesicht, ein Blick zu Stretch, eine kurze Pause, bevor er antwortet. Genau darin liegt die vielleicht größte Überraschung dieses Films: Tupac Shakur wirkt nicht wie ein Rapper, der nebenbei eine Rolle spielt. Er wirkt wie ein Schauspieler, der seine Figur verstanden hat.
Manchmal merkt man „Gridlock’d – Voll drauf!“ sein Alter dennoch deutlich an. Verfolgungsjagden, Gangsterrollen und Polizeiszenen wirken heute stärker wie Relikte des amerikanischen Neunzigerjahre-Kinos als die stilleren Momente in Wartezimmern. Auch die düstere Ästhetik des Films – Detroit, schmutzige Fassaden, heruntergekommene Räume und Straßenkriminalität – ist fest in ihrer Zeit verankert. Der Film funktioniert am besten, wenn er seine Figuren nicht zu Helden einer klassischen Gangstergeschichte macht, sondern sie einfach warten, reden, streiten und erschöpft nebeneinandersitzen lässt. Dort entwickelt er seine Eigenständigkeit.
Die politische und gesellschaftliche Dimension des Films reicht damit über Detroit und das Amerika der Neunzigerjahre hinaus. Hinzu kommt ein Soundtrack, der den Film eng mit seiner Zeit und mit Tupac verbindet: Das Album zum Film erreichte Platz eins der Billboard 200, Shakur selbst steuerte unter anderem den Song „Never Had a Friend Like Me“ bei. Die Musik erinnert daran, dass hier nicht irgendein Schauspieler mitspielt, sondern einer der größten Rapper seiner Generation, der nebenbei zeigte, dass er auch als Schauspieler etwas zu sagen hatte.
Shakur starb im September 1996, wenige Monate vor dem Kinostart. „Gridlock’d – Voll drauf!“ ist deshalb zwangsläufig auch ein Nachruf, obwohl er keiner sein wollte. Man sieht ihm beim Spielen zu und weiß bereits, dass es kaum noch solche Rollen für ihn geben wird; man sieht seine Ruhe neben Roths Nervosität und fragt sich unweigerlich, wohin diese Fähigkeit ihn noch hätte führen können.
