Jeden Morgen um acht ertönt in Kundus jetzt wieder die Werksirene der staatlichen Baumwollfabrik Spinzar. Das imposante Verwaltungsgebäude des Unternehmens steht direkt am Eingang der Stadt, und wenn man nach neun Stunden Fahrt von Kabul aus über den Hindukusch und durch das Tiefland mit seinen grünen Reisfeldern hier im Norden Afghanistans ankommt, ist es das Erste, was einem ins Auge springt: Nach fünf Jahren Talibanherrschaft erstrahlt die Baumwollfabrik in altem Glanz.
Übersetzt bedeutet „Spinzar“ „weißes Gold“. Nichts hat Kundus so sehr geprägt wie die Baumwollproduktion. Aus dem einst malariaverseuchten Sumpfgebiet wurde in den Dreißigerjahren eine der modernsten Industriestädte Afghanistans. Dann marschierten 1979 die Sowjets ein. Der Krieg brachte alles zum Stillstand – für Jahrzehnte. Auf den Krieg folgte ein Bürgerkrieg, dann kamen die Amerikaner und in deren Gefolgschaft schließlich die Deutschen. Die vom Westen unterstützte Regierung in Kabul versuchte jahrelang, die verfallene Spinzar-Fabrik wieder zum Laufen zu bringen. Es gab ein Joint Venture mit einem französischen Baumwollunternehmen. Ohne Erfolg.
Die Geschichte dieses Scheiterns habe ich selbst miterlebt. Zwischen 2004 und 2006 habe ich in Kundus gelebt und dort im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdiensts Journalisten ausgebildet. Die Stadt mit ihren 400.000 Einwohnern war damals das Zentrum des zivilen und militärischen Engagements der Bundesrepublik in Afghanistan. Bis im August 2021 die Taliban die Macht ergriffen.
Fünf Jahre später bin ich nun nach Kundus zurückgekehrt, um mir anzusehen, wie sich die Stadt unter den Islamisten verändert hat. Und was von dem, was Deutschland hier geleistet hat, noch übrig ist.
Die erste Überraschung ist die Baumwollfabrik. Davor knattern Motorrikschas, eine Schafsherde zieht vorbei. Die Taliban haben auch das Gästehaus von Spinzar frisch renoviert, mit goldverzierten Säulen und Springbrunnen. Daneben haben die Islamisten zum Vergleich ein Foto aufgestellt, das das Gebäude in einem verrotteten Zustand zeigt. Für sie ist es ein Sinnbild für die von ihnen gestürzte Republik.
Und so nutzen die Taliban die Wiedereröffnung der Baumwollfabrik, um sich als vermeintlich bessere Regierung zu inszenieren. Sie habe „einen positiven psychologischen Effekt“, sagt Produktionsleiter Mohammad Haroon. „Früher stand Kundus für Krieg, jetzt steht es für Hoffnung.“ In der Stadt erzählen die Leute, die Fabrik beschäftige jetzt wieder Tausende Arbeiter. In Wirklichkeit sind es 284.
Das Staatsunternehmen aber besitzt etwas, das noch wertvoller ist als Baumwolle: Bauland. „Die Hälfte der Stadt gehört Spinzar“, sagt Unternehmenssprecher Nasir Jalali. Mitten im Zentrum lässt Spinzar derzeit Wohnblocks und ein Einkaufszentrum mit mehr als 20 Stockwerken errichten. „Es geht darum, den Privatsektor zu Investitionen zu animieren.“
„Früher konnte ich mich hier nicht ohne Leibwächter bewegen“
Das scheint zu klappen. Überall in der Stadt wird gebaut. Der Vizepräsident der örtlichen Handelskammer, Abdul Mateen Yussufzai, sagt, der Bau von 120 Hochhäusern sei genehmigt worden. Er selbst plant ein Hochzeitshotel. Früher verdiente der Unternehmer sein Geld mit Treibstoff. Als die Bundeswehr 2003 nach Kundus kam, um hier ihr erstes Feldlager zu errichten, war er ihr Lieferant. Bald aber wurde ihm das Geschäft zu gefährlich. Auf seine Tankstelle wurde ein Brandanschlag verübt.
„Früher konnte ich mich hier nicht ohne Leibwächter bewegen“, sagt er. Wegen der aufständischen Taliban und wegen Entführern, die Lösegeld forderten. Seinem Haus sieht man diese Angst noch immer an. Zur Straßenseite hin ist es so schmucklos, dass man denken könnte, es wäre ein Rohbau. Wer damals Geld hatte in Kundus, brachte es außer Landes. Nach Dubai und in die Türkei. Ein Teil des Geldes fließt jetzt zurück. Yussufzai betreibt inzwischen zehn Tankstellen.

Aber er will nicht so klingen, als sei alles in Ordnung. „Wir haben nur eine Forderung an die Regierung: Frauenbildung“, sagt er. „Wenn wir in das Land investieren sollen, brauchen wir Fachkräfte.“ Was das Bildungsverbot der Taliban für junge Frauen bedeutet, erlebt er täglich in seiner eigenen Familie. Eine seiner Töchter hatte ihr Medizinstudium fast abgeschlossen, als die Taliban die Frauen von den Universitäten verbannten. Jetzt ist sie mit einem Afghanen in Deutschland verlobt und klagt darüber, dass man in Kundus als Frau weder Englisch noch Deutsch lernen könne. Eine andere Tochter des Tankstellenbesitzers besucht die sechste Klasse gerade zum zweiten Mal. Sie fiel absichtlich durch die Abschlussprüfung, weil sie es nicht ertragen konnte, die Schule zu verlassen.
„Viele kommen hierher, um sich ein wenig freier zu fühlen“
Trotz dieser Einschränkungen gibt es noch Leute in Kundus, die um eine bessere Zukunft ringen. So wie Fatima Nezami und ihr Verlobter Ahmadullah Alekozai, die eine farbenfrohe Ausbildungsstätte für mehr als hundert junge Frauen betreiben. Gegen eine kleine Gebühr lehren sie Design, Schneidern, Sticken, Nähen, Zeichnen und ein bisschen Marketing.
Leiterin Nezami war angehende Zahnärztin, als die Taliban sie von der Uni verbannten. Dieses Schicksal teilt sie mit vielen Teilnehmerinnen ihrer Kurse. Ihr Verlobter Alekozai sagt: „Viele kommen hierher, um ihre Depression loszuwerden. Um sich ein wenig freier zu fühlen und weniger abhängig von ihren Vätern und Ehemännern.“ Nicht alle Teilnehmerinnen werden später auch Geld mit ihrem Handwerk verdienen können. Zumindest aber könnten die Frauen ihre eigene Familie einkleiden und ihr Haus selbst dekorieren und damit die Haushaltskasse entlasten, sagt Alekozai. Im Vergleich zu ihren früheren Lebenszielen ist das sehr wenig.
Und was ist noch übrig vom deutschen Engagement in Kundus? Nicht mehr viel. Fast alle, die ich dort kennengelernt habe, leben heute in Deutschland. An meinem alten Arbeitsplatz ist nur noch der Wächter geblieben. Von der einst lebendigen Zivilgesellschaft ist fast nichts mehr übrig. Die vormals kritischen Journalisten müssen ihre Berichte jetzt zur Zensur beim Informationsamt der Taliban einreichen. Alle Frauenradios wurden geschlossen. Dichtkunst gehört weiterhin zum Kulturgut. Aber an Lesungen dürfen nur noch Männer teilnehmen. Und die Gedichte dürfen weder politisch noch romantisch sein. Vorgetragen werden vor allem die Klassiker: Maulana Dschalaluddin Rumi und Abd al-Qadir Bedel, an denen die Taliban nichts auszusetzen haben.
Die Mischa-Meier-Brücke wurde 2015 von den Taliban gesprengt
Die Straßen, Brücken und Schulen, die mit deutschen Geldern gebaut wurden, stehen noch. Außer der Mischa-Meier-Brücke, benannt nach einem gefallenen Bundeswehrsoldaten. Sie wurde schon 2015 von den Taliban gesprengt. Aus dem Fatima-Zahra-Gymnasium ist eine Grundschule geworden, weil es keine Mädchengymnasien mehr geben darf. Das frühere deutsche Feldlager ist in eine größere Militärbasis integriert worden, sodass es von außen nicht mehr erkennbar ist. Das kleine Dreizimmerhäuschen, in dem ich früher gewohnt habe, ist einer riesigen Baugrube gewichen. Dort entsteht ein zwölfstöckiger Neubau.
Die wichtige Verbindungsstraße nach Masar-i-Scharif, in die die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) jahrelang Millionen Euro investiert hat, wird jetzt von den Taliban fertig gebaut. Sie werden es als ihren Verdienst verbuchen. Die Islamisten sind überraschend gut darin, der Bevölkerung Infrastrukturprojekte als Erfolge ihrer Regierungsführung zu verkaufen. Dabei scheiterten solche Projekte früher vor allem daran, dass die Taliban sie mit ihrer Gewalt unmöglich machten.
Der stellvertretende Leiter des Informationsamts in Kundus, Qari Dad Mohammad Mansour, fasst die Früchte des deutschen Engagements wenig schmeichelhaft zusammen. „Sie haben nichts Positives hinterlassen, weil sie Teil der NATO-Mission waren.“ Der Mann war früher Lehrer. Er hat Kämpfer für die Taliban rekrutiert. „Zur damaligen Zeit hätten Sie für uns ein Angriffsziel sein können. Jetzt bedeutet uns Ihr Besuch dagegen viel“, sagt er mir.
Mansour ist nicht der einzige Vertreter der Taliban in Kundus, der offensiv darum wirbt, dass wieder mehr Ausländer nach Kundus kommen sollen. Derzeit sind es vor allem Fahrrad- und Motorradtouristen, die über die Grenze aus Tadschikistan ins Land kommen. Sie sind den Taliban besonders lieb, weil sie auf Instagram oft nur die schönen Seiten des Landes präsentieren.
„Ohne die Amnestie wären Leute wie ich getötet worden“
Die meisten Mitarbeiter der früheren Lokalregierung, also Deutschlands Verbündete, sind aus Kundus geflohen, als die Taliban die Macht übernahmen. Manche sind inzwischen zurückgekommen. Ein früherer ranghoher Lokalbeamter sagt, ohne die Generalamnestie, die der Talibanführer Haibatullah Akhundzada zu Anfang ausgerufen hat, „wären Leute wie ich getötet worden“. Die Anweisung habe Rachegelüste gezügelt. „In ihrem System spielt Gehorsam eine große Rolle.“ Allerdings halten sich nicht alle daran. In den Quartalsberichten der UN-Mission in Afghanistan werden weiterhin regelmäßig Morde an früheren Sicherheitskräften dokumentiert.
Anfangs hätten die Taliban die frühere Regierung bei Veranstaltungen noch als „korrupte Marionette“ beschimpft, sagt der Beamte. Inzwischen hätten sie ihre Rhetorik gemäßigt. Ihm sei die Rückkehr in die Lokalregierung angeboten worden, allerdings auf einem sehr viel niedrigeren Posten. Er lehnte ab, gesteht aber zu: „So viel Entwicklung wie jetzt hat es in Kundus in den vergangenen 25 Jahren nicht gegeben. Das hätte ich niemals für möglich gehalten.“ Er meint vor allem den Bauboom. Der Bedarf an Wohnraum ist auch deshalb groß, weil viele Taliban jetzt mit ihren Familien aus den Dörfern in die Städte ziehen.
Frisches Geld kommt aus dem Bergbausektor. In den Nachbarprovinzen Tachar und Badachschan wurden Goldminen entdeckt. Ganze Landstriche werden dort auf der Suche nach dem wertvollen Edelmetall umgepflügt. Medienberichten zufolge sollen chinesische Unternehmen beteiligt sein. Im Streit um solche Ressourcen gab es in Badachschan zuletzt schwere Kämpfe zwischen der Zentralregierung und einem lokalen Talibankommandeur.
„Sie werben mit der Chance, deinem Land zu dienen“
Um zu beweisen, dass sie als frühere Dschihadisten einen Staat führen können, heuern die Taliban vermehrt afghanische Experten aus dem Ausland an. Ein Ingenieur aus Kundus, der gerade seine Promotion an der TU München abgeschlossen hatte, bekam ein Angebot. „Sie werben mit vernünftigen Gehältern und der Chance, deinem Land zu dienen“, sagt er bei einem Heimatbesuch in Kundus. Der Ingenieur lehnte ab, weil seine Frau mit ihrer Tochter nicht nach Afghanistan zurückwill. Er vermutet, dass die Taliban langfristig darauf setzen, Fachkräfte aus den eigenen Reihen zu rekrutieren. Er habe in Kundus mehrere Hochzeiten besucht, sagt er, bei denen Taliban gebildete Frauen heirateten. Offenbar wollten sie, dass sie gebildete Söhne großziehen.
Den wirklich Armen hat der Talibanstaat dagegen kaum etwas zu bieten. In Zeltlagern ohne Wasser und Strom fristen viele Rückkehrer aus Pakistan und Iran in Kundus ein elendes Dasein. Die Bewohner sind darauf angewiesen, dass Nachbarn ihre Wasserkanister auffüllen. Keines der Kinder in den Lagern geht zur Schule, auch die Jungen nicht. Fast sechs Millionen Afghanen wurden in den vergangenen drei Jahren von den Nachbarländern abgeschoben. Kundus ist die Stadt mit der dritthöchsten Zahl an Rückkehrern. „Unsere Kinder sammeln Müll, damit wir die Wertstoffe verkaufen können“, sagt ein Zeltbewohner namens Azizullah. Bis vor einem Jahr hat er auf einem Gemüsegroßmarkt in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad gearbeitet.

Azizullah wurde in Pakistan geboren. In Kundus, der Geburtsstadt seiner Eltern, gab es nichts, zu dem er hätte zurückkehren können. Wenn er Glück hat, verdient er als Tagelöhner umgerechnet drei Euro auf dem Bau. Aber meistens wartet er vergeblich an der Kreuzung auf Arbeit. Die Regierung habe ihnen ein Stück Land versprochen. „Aber wovon sollen wir ein Haus bauen?“
„Sie haben ein System geerbt, das von internationaler Hilfe abhängt“
„Sie kümmern sich, aber sie haben keine Ressourcen“, sagt Jaclyn Dolski von der Deutschen Welthungerhilfe über die Taliban. „Sie haben ein System geerbt, das massiv von internationaler Hilfe abhängt.“ Hilfe, die jetzt kaum noch kommt. Die Welthungerhilfe unterstützt Rückkehrer und die aufnehmenden Gemeinschaften in mehreren Teilen Afghanistans. „Manche von ihnen sprechen schon davon, das Land wieder zu verlassen, weil alle ihre Mittel erschöpft sind“, sagt Dolski.
Die Zelte bieten kaum Schutz gegen die brütende Hitze im Sommer und die Minusgrade im Winter. Ein älterer Mann erzählt, seine Frau sei gerade an Typhus gestorben. Er habe sich nicht leisten können, sie ins Krankenhaus zu bringen. Er zieht eine Packung Paracetamol aus der Tasche, die eine Hilfsorganisation verteilt hat. „Sie geben dir immer das Gleiche, egal ob du Krebs hast oder Durchfall.“ Seit er vor einem Jahr aus Pakistan abgeschoben wurde, hat er nur einmal finanzielle Hilfe bekommen: umgerechnet 150 Euro vom Norwegischen Flüchtlingsrat.
„Keine Regierung der Welt könnte innerhalb so kurzer Zeit so viele Menschen aufnehmen“, sagt Charlie Goodlake vom UN-Flüchtlingshilfswerk in Afghanistan. „Die Folge ist ein dramatischer demographischer Schock, der in der jüngeren Geschichte beispiellos ist.“
Die letzten deutschen Soldaten haben Kundus vor sechs Jahren verlassen. Die Erinnerung an sie ist so verblasst wie die Schilder am Wegesrand, auf denen Deutschland als Geldgeber von Hilfsprojekten beworben wird. Ein Datum hat sich dennoch in das kollektive Gedächtnis eingebrannt: der 4. September 2009. Damals entführten die Taliban zwei Tanklastwagen und blieben beim Versuch, mit den Wagen eine Furt zu durchqueren, in einem Flussbett stecken. Bewohner aus den umliegenden Dörfern kamen und zapften über Stunden Diesel ab. Ein Informant der Bundeswehr behauptete, es seien keine Zivilisten anwesend. Der damalige Kommandeur des deutschen „Wiederaufbauteams“ fürchtete einen Angriff und ließ die Wagen bombardieren. Mindestens 90 Personen wurden getötet, darunter viele Zivilisten.
Fühlte sich die Bundeswehr mehr verantwortlich, als sie zugibt?
Für Journalisten war es damals zu gefährlich, an den Ort des Geschehens im Distrikt Char Darah zu fahren, um mit den Angehörigen der zivilen Opfer in ihren Dörfern zu sprechen. Auch deshalb waren sie in der deutschen Debatte seinerzeit kaum sichtbar. Jetzt ist Char Darah mit dem Auto vom Stadtzentrum problemlos in wenigen Minuten zu erreichen.
Im Dorf Omar Khel kommen die Männer gerade vom Freitagsgebet. Unter ihnen ist Abdul Hanan, der zwei Söhne im Alter von elf und 13 Jahren verlor. Er hat erfolglos vor dem Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf Entschädigung geklagt. Hanan skizziert noch einmal die traumatischen Erlebnisse jener Nacht und die Langzeitfolgen für die betroffenen Familien. Er erzählt von der Schwierigkeit, die verbrannten und zerfetzten Leichname zu identifizieren und würdig zu begraben. Er spricht von Witwen und Halbwaisen, Depressionen, Armut und Bildungsnot. „Sie haben ein Verbrechen begangen“, sagt er.

Womöglich fühlte sich die Bundesregierung auch mehr für das Schicksal der Hinterbliebenen verantwortlich, als sie öffentlich zugeben wollte. Abdul Hanan berichtet, dass er nicht nur die von Berlin 2010 verkündete „freiwillige“ Zahlung von 5000 Dollar erhalten habe, sondern neun Jahre später weitere 9190 Dollar. „Als humanitäre Geste“, heißt es auf dem dreisprachigen Beleg, den Hanan zu Hause aufbewahrt hat. Eine auszahlende Institution ist darauf nicht vermerkt. Hanan sagt, 72 Hinterbliebene hätten diese Summe erhalten. „Sie sagten uns, das Geld käme vom deutschen Verteidigungsministerium.“
„Diese Tragödie werde ich nie vergessen.“
Ein Sprecher des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr bestätigt das nicht. Er verweist auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke von 2022, in der auf eine Antwort von 2011 verwiesen wird. Auf Nachfrage reagiert er nicht mehr. Das Kapitel Kundus, so scheint es, ist abgeheftet zwischen Aktendeckeln. In Kundus selbst ist das anders. „Ich habe die Folgen dieser Tragödie im Krankenhaus selbst gesehen. Das ist etwas, das ich nie vergessen werde“, sagt der frühere Lokalbeamte, der damals zu den Verbündeten der Deutschen gehörte. „Die Opfer verdienen eine Entschuldigung, Würde und Anerkennung.“
Abdul Hanan, der damals seine beiden Söhne verlor, verabschiedet sich in Omar Khel. Es sind 42 Grad im Schatten. Für lange Gespräche ist es viel zu heiß. Bevor wir Kundus verlassen, kehren wir noch bei Ghulam Hussain ein, dem populärsten Restaurant der Stadt. Es versprüht ein wenig von der Modernität, die die Spinzar-Fabrik in den 1960er Jahren nach Kundus brachte. Allerdings nur für Männer. Die Frauen sitzen in einem schmucklosen fensterlosen Nebenzimmer. Die Sittenpolizei schaut regelmäßig vorbei, um die Geschlechtertrennung zu überprüfen.
