Manchmal kann die größte Angst zur größten Inspiration werden. So ging es Kevin Williamson, als er Anfang der Neunzigerjahre auf das Haus eines Bekannten aufpassen sollte. Abends lief im Fernsehen eine Doku über einen Serienmörder. Danach beunruhigte Williamson ein offenes Fenster so sehr, dass er kurzerhand einen Freund einlud, um die Nacht ohne Gruselanfälle zu überstehen. Die beiden diskutierten ihre Lieblingshorrorfilme. Das verhalf Williamson natürlich nicht zu süßen Träumen. Seine Ängste holten ihn im Schlaf wieder ein; er erwachte aus einem Albtraum und schrieb unter dessen Eindruck den Anfang von „Scream“.
Darin ist Casey (im Film später gespielt von Drew Barrymore) im Begriff, sich einen gemütlichen Abend auf dem Sofa zu machen. Ihre Eltern sind ausgegangen. Die High-School-Schülerin zündet gerade die Gasflamme unterm Popcorn an, als das Telefon klingelt. Ein unbekannter Anrufer verwickelt sie in ein harmlos scheinendes Gespräch über Horrorfilme. Als sie ihn abwimmeln will und auflegt, ruft er zurück, bedroht sie und stellt ihr kleine Testfragen zu ihrem Horrorfilmwissen – immer mit der Mahnung, dass es böse mit ihr enden könne, wenn sie nicht mitspiele. Natürlich endet all das furchtbar blutig, immerhin hat Williamson sich am seit den späten Siebzigerjahren etablierten Szenario „Irrer Killer verfolgt Jugendliche“ abgearbeitet.
Nun muss man bedenken, dass Drew Barrymore sich 1996 bereits vom Kinderstar zur begehrten Darstellerin etabliert hatte. Ihr Name war so wichtig, dass er auf dem Kinoplakat groß für den Film warb. Die Entscheidung, diese Schauspielerin in den ersten fünfzehn Minuten wieder aus dem Film scheiden zu lassen, hatte Williamson von Hitchcock abgeschaut. Als der Meister des Suspense-Kinos in „Psycho“ (1960) seine vermeintliche Hauptfigur zu Beginn der Handlung um die Ecke bringen ließ, blieb sein Publikum aufgelöst zurück. Wenn so etwas möglich war, was geschah als Nächstes?
Welche Regeln sollte man brechen?
Dass Williamson nicht nur Hitchcock auswendig konnte, sondern generell Filme liebte, konnte man hier bereits ahnen – der Verdacht bestätigte sich zwei Jahre später, als er, inspiriert von seinen Kindheitserlebnissen, die Serie „Dawson’s Creek“ erfand, in der ein filmvernarrter Jugendlicher herausfinden muss, dass Erwachsenwerden andere Abenteuer bereithält als solche, auf die Hollywood einen vorbereitet hat. Ein paar Anklänge der scharfsinnigen Dialoge, für die man „Dawson’s Creek“ später liebte (kein Jugendlicher redete so, aber jeder Heranwachsende wünschte sich, seine Gedanken und Gefühle so eloquent in Worte packen zu können wie die Figuren dieser Serie), finden sich bereits in „Scream“. Als Sidney, die zweite Schülerin im Visier des Irren, am Telefon vom fremden Anrufer nach ihren Lieblingshorrorfilmen gefragt wird, antwortet sie im Stakkato der gelangweilten Teenagerin: „Ich schau solchen Mist nicht. Die sind alle gleich, irgendein blöder Killer stalked irgendein großbusiges Mädchen, das nicht schauspielen kann und immer die Treppen hinaufrennt, wenn es eigentlich zur Haustür hinauslaufen sollte.“ Natürlich wird auch Sidney kurz darauf die Treppen hinauflaufen, verfolgt von einem Irren im schwarzen Halloween-Kostüm. Ein Metawitz, es waren die Neunziger, und Williamson wollte die Klischees, die sich über ein Jahrzehnt im Genre etabliert hatten, frontal benennen. Im Regisseur Wes Craven, der mit „The Last House on the Left“ (1972) einen der schlimmsten und stärksten Horrorfilme der Kinogeschichte geschaffen hatte, fand er für „Scream“ den kongenialen Inszenierungspartner.
Beider Arbeit am Klischee geht so weit, dass ein Mitschüler von Sidney die Regeln erklärt, nach denen man erkennen könne, wer im durchschnittlichen Teenager-Slasher-Horror überlebt: Es seien jene, die niemals Sex haben, keine Drogen oder Alkohol konsumieren – und auf gar keinen Fall dürften sie sagen: „Ich bin gleich zurück.“ Denn danach sehe man sie nie lebendig wieder. Besonders an den ersten beiden Punkten arbeitet sich Williamson ab, indem er das Ideal des „Final Girl“, des Mädchens, das am Ende überlebt, weil es keusch und wehrhaft ist, umkrempelt. Später wird Williamson erzählen, dass er sich als schwuler Jugendlicher in einer Kleinstadt beim Schauen der Teenie-Horrorfilme von Carpenters „Halloween“ bis Cravens „Nightmare on Elm Street“ am ehesten mit den Heldinnen identifizieren konnte, die sich gegen brutale Gewalt zur Wehr setzten.
So lassen sich in „Scream“ also so einige Beobachtungen zum Umgang mit Sexualität und Brutalität in Amerika finden: Sidney will nicht mit ihrem Freund schlafen, weil der gewaltsame Tod ihrer Mutter sie noch zu sehr aufwühlt. Der Freund aber bedrängt sie, ignoriert ihre Einwände, sieht ihre Bedürfnisse nicht. Ihr Trauma zu überwinden und die eigene Sexualität selbstbestimmt zu entdecken, ist Sidneys erster Sieg in diesem Film. Der zweite wird ihr schieres Überleben, obwohl sie keine keusche Jungfrau mehr ist. Damit hat „Scream“ völlig neue Regeln etabliert, an denen sich Filmemacher bis heute abarbeiten.
